Süddeutsche Zeitung

Demos in Chemnitz:Aufstand der Anständigen

Mit viel Krach und Kreativität versucht Chemnitz, den Rechtsradikalen die Stirn zu bieten. Doch das ist schwerer als gedacht. Weil die Wutbürger nicht weichen wollen.

Gar nicht so einfach, Herz zu zeigen. Vier Männer braucht es am Samstagnachmittag, um das rote Transparent mit der weißen Schrift zu befestigen. "Es reicht! Herz statt Hetze" steht drauf. Sie montieren es an der Bühne an, die auf dem Parkplatz vor der Johanniskirche steht. Immer wieder rutscht die Plane nach unten, so ist zehn Minuten lang nur das Wort Hetze zu lesen. Erst als ausreichend Kabelbinder zum Befestigen aufgetrieben sind, kommt auch das Herz zum Vorschein.

Ein bisschen ging es Chemnitz in der vergangenen Woche auch so. Erst war die Hetze zu sehen, pöbelnde Rechtsradikale, die Andersaussehende verfolgen und ungestraft den Hitlergruß zeigen konnten. Samstag aber wollte Chemnitz sein Herz zeigen. Ein Bündnis aus Gewerkschaften, Parteien, Kulturschaffenden, dem Fußballclub CFC und viele Privatleute hatte zur Kundgebung "Chemnitz nazifrei" aufgerufen. Die Zivilgesellschaft wollte zeigen, dass sie noch die Mehrheit hat. Ihr Hashtag: #wirsindmehr.

Gabi Engelhardt ist sich sicher, dass das klappt. Sie ist für das Bündnis "Aufstehen gegen den Rassismus" hier und nicht gewillt, den Rechtsradikalen das Feld zu überlassen. "Die Nazis werden sich heute nichts trauen", sagt sie. Am Montag hat Engelhardt auch demonstriert, von der Polizei hat sie da kaum etwas gesehen. "Die Rechten konnten machen, was sie wollten. Bei einer linken Demonstration wären die sofort reingegangen." Engelhardt ist Chemnitzerin, sie macht sich große Sorgen um ihre Stadt. "Wir laufen gerade im Schnellschritt auf eine Situation wie in den Dreißigerjahren zu."

"Wir wollen keinen braunen Mob auf der Straße"

Die Polizei jedenfalls ist deutlich stärker vertreten als am Wochenanfang, das Zentrum ist schon ab Mittag voller Uniformierter. Aber sind es genug? "Das wissen wir heute Abend", sagt der Beamte mit dem Anstecker "Demo: Ja! Gewalt. Nein!" am Revers.

Es kommen viele Chemnitzer, Linke, SPD und Grüne Jugend schwenken Fahnen. Aber auch von außerhalb sind viele in die 250 000-Einwohner-Stadt gekommen. Der rationale Widerstand in Gestalt von Arne Döpker ist fünf Stunden aus Marburg angereist. Sein Plakat wird viel fotografiert, Döpker ist gut drauf. Er ist SPD-Mitglied, dies ist seine erste Demo. Es ist auch sein erster Besuch in Chemnitz, "eigentlich eine Stadt wie jede andere". Nur die Atmosphäre sei etwas beklommen. "Umso besser , dass wir hier sind. Wir wollen keinen braunen Mob auf der Straße."

Jan Übler ist aus Berlin zurück in seine Heimatstadt gefahren, er schwenkt ein Transparent mit der Aufschrift "Gebt Sachsen nicht auf", darüber ist ein großes rotes Herz. Der IT-Entwickler verbindet mit Sachsen "Heimatidylle, dicke Katzen und Apfelbäume - aber keine hasserfüllten Brüller". Auch er macht sich Sorgen um Chemnitz, genau wie Gabi Engelhardt. "Die Anständigen sind in der Mehrheit", sagt Übler, "aber die Mehrheit der Anständigen schweigt". Deswegen steht auf seinem T-Shirt "Willkommen bei der schweigenden Mehrheit".

Martin Dulig schweigt nicht, er ist stellvertretender Ministerpräsident von Sachsen und Landeschef der SPD, also Kummer gewohnt. Aber auch für ihn war die vergangene Woche hart, eine Achterbahn der Gefühle, sagt er. Am Samstag findet er es wichtig, "den Leuten Sicherheit zu geben, die auf der richtigen Seite stehen". Auch wenn da etwas ins Rutschen gekommen sei, "ich möchte den Glauben nicht aufgeben, dass sich das Kämpfen lohnt". Dulig kämpft auf SPD-Seite nicht allein, andere Landesminister sind da, SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil, der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Carsten Schneider, die frühere Integrationsbeauftragte Aydan Özoğuz, Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig.

Vom Koalitionspartner CDU ist weniger zu sehen, immerhin Generalsekretär Alexander Dierks von der Landes-CDU hat sich dem Aufruf zur Kundgebung angeschlossen. Von den Grünen kommen Cem Özdemir und Annalena Baerbock, von der Linkspartei Dietmar Bartsch. Als die Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig spricht, wird freundlich geklatscht. Die letzten Tage hätten die Stadt aufgewühlt und in eine Art Ausnahmezustand versetzt. Sie wird sehr deutlich. "Wer sich wiederholt rechten Hetzern anschließt", sagt sie an die Adresse besorgter Bürger, "der macht sich mit denen gemein, die den Hitlergruß zeigen." Mit allen Mitteln des Rechtsstaats werde man rechten Hetzern entgegentreten. Freundlicher Applaus.

Der Trauermarsch von AfD und Pegida kämpft mit Problemen

400 Meter weiter, vorm Karl-Marx-Monument (oder Nischel, wie es auf Sächsisch heißt) buhen sie, wenn der Name Ludwig nur erwähnt wird. "Wir sind Bürger keine Nazis" steht auf Schildern, Deutschlandfahnen werden geschwenkt. Martin Kohlmann vom rechtspopulistischen Bündnis "Pro Chemnitz" ruft: "Trauer allein reicht nicht nach einem bösartigen Mord". Gern möchte er von der "Lügenpresse" mit dem Spruch zitiert werden: "Nehmt ihnen die Messer, sonst nehmen wir euch die Ämter." Es folgen das fast schon obligatorische "Merkel muss weg", gegen 16.30 Uhr löst sich die Versammlung auf, damit sich die "freien Bürger" dem Trauermarsch von AfD und Pegida anschließen können.

Und auch der kämpft zunächst mit Problemen, es dauert, bis sich die schwarz gekleideten Menschen mit den weißen Rosen in Bewegung setzen. Die AfD hatte ihre Anhänger aufgerufen, ein würdiges Bild abzugeben: "kein Konsum von Nahrungsmitteln und Getränken, ebenso hat das Rauchen zu unterbleiben. Lediglich schwarz-rot-goldene Fahnen und die weiße Rose als Zeichen der Trauer sind gestattet." Schwieriger als gedacht. "Achtung Fahnenträger", schnarrt es aus dem Megaphon, "achten Sie bitte darauf, die Deutschlandfahne richtig herum zu halten." Einer schafft es dann doch nicht, er muss extra ermahnt werden.

Dann marschieren sie. Björn Höcke, AfD-Fraktionsvorsitzender im Thüringer Landtag, an der Spitze, mit ihm Pegida-Gründer Lutz Bachmann, vor ihnen Bilderträger, die Porträts von Menschen hochhalten, die angeblich von abgelehnten Asylbewerbern getötet wurden, die "Toten der Herrschaft des Unrechts". Dutzende Ordner bewachen den Zug, mindestens 4500 Teilnehmer bilanziert die Stadt später. Immer wieder loben die Veranstalter "Ordnung und Disziplin der Trauernden". Die Absicht ist klar: Wenn es heute Krawall gibt in Chemnitz, dann wollen Pegida und AfD als die Besonnenen dastehen. Das Konzept funktioniert so lange, bis die Versammlung gegen 19.15 Uhr aufgelöst wird. "Widerstand, Widerstand", brüllt die Menge und "Räumen", sie beruhigt sich kurz durch das Absingen der Nationalhymne, einige tragen die erste Strophe vor.

Immer wieder fallen Worte wie "Staatsversagen" oder gar "Bürgerkrieg"

Als die Polizei die Teilnehmer bittet, nach Hause zu gehen, brüllen die zurück. "Geht ihr doch!" Und immer wieder "Volksverräter"-Rufe, die sich mit dem Wendeslogan "Wir sind das Volk" abwechseln.

Kornelia Müller ist auch das Volk, sie schaut den Rechten zu, hat vorher die Kundgebung von "Chemnitz nazifrei" gesehen. Ihre Sympathien liegen eher bei den Rechten, auch wenn sie nichts von der AfD hält. Was sie am meisten empört ist die Berichterstattung über Chemnitz: "Wir sind nicht der Mob, auch wenn die Presse das so darstellt." Niemand solle ihr erzählen, die Stadt sei sicher. Und dann folgt eine Geschichte, die viele Chemnitzer erzählen. Selbst habe man keine schlechten Erfahrungen in der Stadt oder mit Ausländern gemacht, aber Kollegen und Freunde erzählten davon. Und denen glaube man mehr als der Presse.

Ungerecht behandelt fühlen sich im Umfeld der Pegida-Demonstration alle, die Polizei schütze die Linken. Immer wieder fallen Worte wie "Staatsversagen" oder gar "Bürgerkrieg", die Stimmung ist agressiv, "es muss mal richtig krachen".

Nur langsam löst sich gegen 20 Uhr die Menge auf, später lässt die Polizei die Menschen zu dem Ort vor, an dem am Sonntag Daniel H. mutmaßlich von einem Iraker und einem Syrer erstochen wurde. "Daniel, Daniel" wird gerufen, wieder singen sie die Nationalhymne.

Am späteren Abend zieht die Stadt Bilanz: 17 Einsätze gab es für den Rettungsdienst, elf Menschen mussten ins Krankenhaus gebracht werden, 4000 Teilnehmer zählt sie für "Herz statt Hetze", 4500 für Pro Chemnitz, Pegida und AfD. Gar nicht so einfach, Herz zu zeigen.

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