Süddeutsche Zeitung

Tiktok:Wahlkampf auf der Blödelplattform

Lesezeit: 5 min

Immer mehr Parteien und Politiker versuchen sich auf Tiktok, treffen aber selten den richtigen Ton. Gegen politische Fake News geht Tiktok nur zögerlich vor.

Von Carina Seeburg und Jonah Wermter

Tanzende Teenager, neue Pop-Trends und überdrehte Blödeleien - die Videoplattform Tiktok steht für Spaß und pausenlose Unterhaltung. "Den Fehler, das Netzwerk als unpolitische Quatsch-Plattform abzutun, sollte man deshalb aber nicht machen", sagt der Politikberater und Blogger Martin Fuchs, der den Bundestagswahlkampf intensiv auf den sozialen Medien verfolgt.

Auch auf Tiktok hat der Wahlkampf in diesem Jahr stattgefunden. Unter die schrillen Spaßmacher haben sich zunehmend politische Accounts gemischt, die durchaus ernste Absichten verfolgen. Neben Politikern und Parteien haben aber auch Fake-Accounts und Falschmeldungen ein Millionenpublikum auf der noch jungen Plattform erreicht.

Tiktok, eine Tochterfirma des chinesischen Internetkonzerns Bytedance und das am schnellsten wachsende soziale Netzwerk der Welt, ist vor allem bei Jugendlichen sehr beliebt. Allein in Deutschland soll die chinesische Kurzvideoplattform rund elf Millionen Nutzer haben.

Politische Fehlinformationen sind auf Tiktok weit verbreitet

Um die Wahl zu schützen, hatte Tiktok im Juli Maßnahmen gegen Desinformation angekündigt, die die Plattform aber offenbar selbst wenige Wochen vor der Wahl nicht umgesetzt hat. Zu dem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie der gemeinnützigen Organisation Mozilla Foundation in Zusammenarbeit mit einem datenjournalistischen Team des Bayerischen Rundfunks (BR) und Forschern der National Conference on Citizenship (NCOC).

Politische Einflussnahme und Fehlinformationen zur Bundestagswahl seien demnach auf Tiktok weit verbreitet. Fake-Accounts würden nicht konsequent gelöscht, Fakten-Checks seien zu spät gekommen und politische Inhalte nicht korrekt markiert.

Immerhin gibt es nach Schätzungen des Statistischen Bundesamtes rund 2,8 Millionen Erstwählerinnen und Erstwähler zur Bundestagswahl - und die sollen auf Tiktok mit unterhaltsamen Kurzvideos erreicht werden. Die Strategien von Politikern und Parteien sind dabei sehr unterschiedlich und ihre Erfolge durchwachsen. Eines aber haben alle gemeinsam: Tiktok ist Neuland für sie.

Die meisten Parteien haben sich erst im Frühjahr 2021 zum Start in die Wahlkampfsaison auf die Plattform gewagt. Viele von ihnen hatten zuvor auch deshalb gezögert, weil die App immer wieder datenschutzrechtlich in der Kritik steht. "Da gibt es begründete Hemmungen, weil man nicht ganz genau weiß, wer dahintersteht, wo die Daten hinfließen und wie groß der Einfluss der chinesischen Politik ist", sagt Martin Fuchs. "Viele Parteien wollen sich auch nicht in eine Skandal-Umgebung begeben, wo man mit negativer Berichterstattung konfrontiert wird, weil man auf Tiktok ist."

Zwei FDP-Politiker über 70 sind die großen Überraschungsstars

Dennoch haben von den sieben Parteien im deutschen Bundestag - die Unionsparteien CDU und CSU einzeln gezählt - inzwischen fünf Fraktionen einen aktiven Tiktok-Account. Von den großen Parteien haben nur CDU, FPD und Grüne noch keinen offiziellen Auftritt und setzen weiterhin vor allem auf Instagram, um junge Menschen zu erreichen.

Martin Fuchs zählt in einer öffentlich zugänglichen Liste zudem mehr als 120 individuelle Tiktok-Konten deutscher Politikerinnen und Politiker. Unter ihnen einige, die mit ihren Videos sogar mehr Menschen erreichen als ihre Parteien. Die großen Überraschungsstars sind dabei zwei Politiker, die das Rentenalter längst erreicht haben - aber scheinbar wissen, wie die Jugend tickt: Thomas Sattelberger, 72, und Wolfgang Heubisch, 75, sind beide FDP-Politiker und mit 135 000 beziehungsweise 69 000 Followern allen Parteien in Deutschland weit voraus.

In ihren Videos inszenieren die Senioren sich als Kämpfer für offene Bars und Clubs, Rennen vor AfD-Wählerinnen davon oder beantworten die Frage: "Was würde passieren, wenn der Rapper Capital Bra Bundeskanzler wäre?"

"Große Institutionen und Parteien tun sich auf Tiktok dagegen eher schwer, mit ihren Videos Fuß zu fassen", sagt Martin Fuchs. Am erfolgreichsten ist derzeit die CSU mit etwa 60 000 Followern, gefolgt von der AfD mit rund 30 000. Keine beeindruckenden Zahlen für große Parteien. Andererseits lässt sich Erfolg auf Tiktok nicht allein an Zahlen ablesen.

"Man kann auch ohne einen einzigen Follower einen viralen Hit landen", sagt Fuchs. Nutzerinnen und Nutzer sehen nicht nur Inhalte von Seiten, die sie abonniert haben. Auf der sogenannten For-You-Page zeigt ihnen ein ausgefeilter Algorithmus auch Videos, die inhaltlich zum jeweiligen Nutzungsverhalten passen - unabhängig vom bisherigen Erfolg des Films.

Der Vorteil ist: Man braucht keine große Anhängerschaft, um im politischen Diskurs gehört zu werden, weil theoretisch jedes Video über den Algorithmus sehr viele Menschen erreichen kann. Der Nachteil ist, dass sehr undurchsichtig bleibt, nach welchen Kriterien Videos auf Tiktok algorithmisch sortiert werden.

Keine Partei trifft den richtigen Ton

Warum aber tun sich die Parteien so schwer, erfolgreiche Videos zu produzieren? "Zum einen trifft keine der Parteien den Ton der Generation Z", sagt Tim Walter, dessen Account "Herr Anwalt" mit 4,2 Mio. Followern zu den größten im deutschsprachigen Tiktok gehört.

Fast alle Parteien würden überwiegend lange Sprechformate wie Landtagsreden oder wiederverwertete Videos von Instagram posten. Adaptionen von Trends, typischer schneller Filmschnitt oder bunte Schrift im Bild? Fehlanzeige. Tim Walter, im echten Leben Rechtsanwalt, zeigt mit seinen juristischen Formaten, dass auch seriöse Themen auf der vermeintlichen Spaßplattform Erfolg haben können - allerdings nur, wenn sie zur Sprache der Nutzer passt.

Das sei auch Teil des Erfolgsrezepts, das die Videos der Tiktok-Senioren Sattelberger und Heubisch aus dem Datensumpf immer wieder per Algorithmus nach oben spült. Und: "Beide nehmen sich selbst wenig ernst, ihre Zielgruppe dafür aber umso mehr." Außerdem funktioniere Tiktok für Einzelpersonen besser als für Parteien oder Institutionen, denn Identifikation und Individualität sei ein essenzieller Erfolgsfaktor. "Die Leute wollen nicht 100 Mal denselben Tanz sehen, sie wollen sehen, wie Tiktoker ihre persönliche Note hinzufügen", sagt Walter.

"Ob Parteien mit ihren Inhalten überhaupt bei der Zielgruppe ankommen, hängt also ganz davon ab, wie sie präsentiert werden", sagt auch Martin Fuchs, der Politiker und Parteien in digitaler Kommunikation berät. Dass ausgerechnet die eher konservativ ausgerichtete CSU auf Tiktok erfolgreicher ist als andere Parteien, liege auch daran, dass sie die Vorlieben der Nutzer erkannt habe und Inhalte extra für die Plattform produziert - also im Handy-Hochformat. Statt Landtagsreden abzuspielen, hat die Partei drei junge Moderatorinnen engagiert, die CSU-Themen trendig aufbereiten. In Sachen Individualität tun sich die Accounts der übrigen Parteien bisher schwer - und nicht jede versucht es überhaupt, sich auf die Spielregeln der bunten Tiktok-Welt einzulassen.

"Ganz vorbei kommen Parteien in Zukunft an Tiktok aber sicher nicht", sagt Martin Fuchs. Auf keinen Fall solle die Politik Tiktok unterschätzen. Hier seien die Wähler von morgen unterwegs, politische Diskussionen würden hier schon heute intensiver als auf anderen Plattformen geführt. Eine Schlagwortanalyse der Hamburger Social-Media-Agentur WeCreate zeigt: Themen wie der Klimawandel und "Fridays for Future" oder auch die Bürgerrechtsbewegung "Black Lives Matter" kommen in Diskussionen etwa doppelt so häufig vor wie auf Instagram, dem in der jungen Zielgruppe derzeit beliebtesten Netzwerk.

Außerdem könne es passieren, dass politische Interessensgruppen die Abwesenheit der anderen zu ihrem Vorteil nutzen. Denn neben Politikern und Parteien gibt es unzählige Accounts, die politische Meinungen verdeckt vertreten. Accounts ohne Impressum und Verantwortliche. So ist bis heute unbekannt, wer mit dem Account "btw21" zur Bundestagswahl 2021 unter optisch seriösem Anstrich ausschließlich Videos der AfD in Umlauf gebracht hat.

Auch die Mozilla-Studie liefert Beispiele vieler Accounts, die den Tiktok-Maßnahmen gegen Desinformation entgangen sind: Darunter der Kanal @frank.walter.steinmeier - kein Account des Bundespräsidenten, sondern ein Fake-Account, der das deutsche Militär verherrlicht.

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