Süddeutsche Zeitung

Bergkarabach:Der kaukasische Kreislauf

Mord und Vertreibung prägen das Verhältnis von Armenien und Aserbaidschan bis heute. Nun entwickelt sich der Konflikt auch noch zu einer geopolitischen Machtprobe zwischen Russland, der Türkei und Iran.

Von Tomas Avenarius

Der Hilferuf klang verzweifelt: "Die aserbaidschanische Armee steht fünf Kilometer von Schuschi entfernt. Wir wissen, was das heißt. Wer Schuschi beherrscht, beherrscht Bergkarabach." Arajik Harutjunjan, Präsident der international nicht anerkannten "Republik Arzach" und damit der Herrscher über das heftig umkämpfte Kaukasusgebiet Bergkarabach, hatte vor seiner flehenden Botschaft an alle Armenier in der Kathedrale eine Kerze angezündet, Gott um Beistand gebeten: Denn den Armeniern droht eine blutige Niederlage im jüngsten Krieg im Südkaukasus.

Während unten in der Ebene auf der aserbaidschanischen Seite der "Line of Control" trotz der armenischen Raketen, die in den Grenzorten einschlagen, noch Baumwolle und Heu geerntet werden können, bestehen bei den Armeniern offenbar wenig Zweifel: Die mit Drohnen und anderem modernen Kriegsgerät bewaffnete aserbaidschanische Armee ist auf dem Vormarsch.

Sollten die Truppen Bakus die Stadt Schuscha - die Armenier nennen sie Schuschi - wirklich einnehmen, dürfte der Konflikt so gut wie entschieden sein. Noch wird gekämpft. Die auf rund 1500 Metern Höhe gelegene Stadt lässt sich gut verteidigen. Beide Seiten beschuldigen sich, Phosphorgranaten, Streumunition und ausländische Söldner in diesem Krieg einzusetzen, gegen die Genfer Konvention zu verstoßen, Gefangene zu exekutieren. Am Freitag hatten Armenien und Aserbaidschan in Genf zwar vereinbart, ihren Krieg nur noch im Einklang mit dem Völkerrecht zu führen. Aber daran werden sie sich wohl ebenso wenig halten wie an die dreimalige Waffenruhe, die sie in den letzten Woche mit internationaler Hilfe vereinbart - und sofort gebrochen - hatten.

Für Baku drängt die Zeit. Bald beginnt der harte kaukasische Winter. Den aserbaidschanischen Truppen droht, vor der Gebirgsstadt Schuscha im Schnee stecken zu bleiben. Zudem müssen die Aserbaidschaner auch noch den für die Versorgung Bergkarabachs wichtigsten Versorgungskanal abschnüren. Der "Latschin-Korridor" ist die kürzeste Verbindung zwischen dem isoliert auf aserbaidschanischem Boden liegenden armenischen Satellitenstaat Bergkarabach und dem eigentlichen Armenien: Der Korridor ist der einzige Nachschubkanal für die Truppen und die Lebensader für die in Bunkern und Kellern hausende Bevölkerung.

Wie der Krieg für die Aserbaidschaner im Einzelnen verläuft, lässt sich kaum beurteilen. Das Verteidigungsministerium veröffentlicht zwar täglich Erfolgsbilanzen, zählt abgeschossene Panzer und Drohnen des Gegners auf. Am Sonntag hieß es wieder: "Derzeit setzt die aserbaidschanische Armee die Befreiung der besetzen Gebiete aus armenischer Hand fort." Aber das Kriegsgebiet ist für ausländische Medien gesperrt. Reporter werden nur in die Städte gelassen, die etwas entfernt von der Front liegen, aber von den Armeniern mit Rakete beschossen werden. Dort sterben fast täglich Zivilisten.

Die Kämpfe selbst finden hinter einer Art Nebelwand statt. Das autoritäre Regime von Staatschef Ilham Alijew kennt keine Informationsfreiheit. Nachrichten werden zensiert oder mittels der sozialen Medien manipuliert. Oppositionelle Internetseiten oder unabhängige ausländische Medien sind nur über VPN zugänglich, das Netz wird gedrosselt, Datenverkehr behindert. Die Informationen von offizieller armenischer Seite oder von der Arzach-Führung sind ebenfalls manipuliert und oft unglaubwürdig.

Die aserbaidschanische Regierung gibt keine Zahlen ihrer Toten und Verletzten bekannt. Aber die Verluste müssen hoch sein. Während die armenische Seite schon weit mehr als 1000 Soldaten verloren haben soll, halten Beobachter vier- oder fünfmal so schwere Verluste bei den Aserbaidschanern für möglich. Bergkarabach ist der Regierung in Baku diesen Blutzoll wert: Die Besetzung des Gebirgszugs und der sieben umliegenden aserbaidschanischen Bezirke im Flachland vor knapp 30 Jahren wird von sehr weiten Teilen der Bevölkerung als Schmach empfunden. 1994 hatten die Armenier zwischen 600 000 und 700 000 Menschen aus Bergkarabach und den umliegenden Gebieten in der Ebene vertrieben. Der Krieg wird von weiten Teilen der Bevölkerung mitgetragen, öffentliche Kritik ist keine zu hören.

Ein militärischer Sieg wäre zugleich eine Niederlage für Armenien, das die Truppen von Bergkarabach offen unterstützt: Ein großer Teil der Truppen im Berggebiet stammt aus Armenien. Der Krieg spielt sich zwar in dem abtrünnigen Berggebiet ab, ist aber eigentlich ein Krieg zwischen den Nachbarstaaten Aserbaidschan und Armenien. Und er ist eine geopolitische Machtprobe zwischen den Vormächten, die die südliche Kaukasusregion dominieren: Russland, der Türkei und Iran.

Armeniens Regierungschef Nikol Paschinjan hat seinen offiziellen Bündnispartner Moskau gerade lautstark um Hilfe gebeten. Wladimir Putin müsse helfen, schnellstens. Aber Russland wartet ab: Es balanciert im Südkaukasus seine Interessen sorgsam aus. Moskau ist Bündnispartner des verarmten Armeniens, hat dort einen Militärstützpunkt. Der Kreml hat aber auch gute Beziehungen zum reichen Ölstaat Aserbaidschan. Dieses Verhältnis wird Putin so schnell nicht aufs Spiel setzen für ein armenisches Bergkarabach.

Der Kreml weiß, dass die Türkei nicht tatenlos zusehen würde, wenn Baku ins Hintertreffen gerät. Als aufstrebende Regionalmacht sucht Ankara stärkeren Einfluss im Kaukasus. Seinen Bündnispartner Aserbaidschan hat die Türkei über Jahre aufgerüstet. Auch der dritte Nachbar, Iran, wird seine Interessen zu schützen wissen. Moskau muss vorsichtig agieren.

Um die besetzen Gebieten in und um Bergkarabach zurückzubekommen, muss Baku also die schnelle Entscheidung suchen. Man müsse gar nicht bis zum Sieg kämpfen, heißt es in Regierungskreisen in Baku. Man werde Schuscha einnehmen und könne dann entweder aus einer Position überwältigender Stärke mit den Armeniern verhandeln oder diese endgültig niederringen.

Schuscha hat Symbolkraft: Die Aserbaidschaner nennen die Stadt "unser Jerusalem". Im 18. Jahrhundert war es Hauptstadt eines muslimischen Karabach-Khanats, später, unter russischer Oberherrschaft, zog die Stadt aserbaidschanische Intellektuelle, Musiker und Dichter an. Die christlichen Armenier lesen die Geschichte anders: Schuschi war seit dem Mittelalter eines von zwei Zentren armenischen Lebens im Südkaukasus, die dortigen Kirchen - besonders die Kathedrale - waren von hoher religiöser Bedeutung. Die Geschichte der Stadt ist entsprechend blutig. Noch vor der sowjetischen Machtübernahme im Kaukasus kam es zu Massakern an den Armeniern, sie wurden 1920 vertrieben. Rund 70 Jahre später, die UdSSR war untergegangen, eroberten wiederum die Armenier die Stadt zurück und vertrieben die Aserbaidschaner.

Der kaukasische Kreislauf von Mord und Vertreibung könnte sich bei einer Eroberung Schuschas fortsetzen. Zwar sagt Hikmat Hajiyev, außenpolitischer Berater des aserbaidschanischen Staatspräsidenten, Baku wolle keine neuen ethnischen Konflikte. Nach dem Sieg werde man die Rechte der Armenier in Bergkarabach schützen. Der Blick auf die Geschichte lässt dies, wenn es denn ernst gemeint ist, als wenig realistisch erscheinen. Das Schicksal von Schuscha könnte die Probe sein.

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