Süddeutsche Zeitung

Wahlsieger Winfried Kretschmann:Der Super-Seriöse

Dieser Mann hat Geschichte geschrieben: Winfried Kretschmann, 62, immer ernsthaft, so behäbig wie das Land, das ihn gewählt hat, wird wohl Deutschlands erster grüner Ministerpräsident. Er durchkreuzt das Bild vom klassischen Machtmenschen. Wie ein ungewöhnlicher Politstar die Republik veränderte.

Im Wahlkampf hatte es so ausgesehen, als wollte der grüne Spitzenkandidat Winfried Kretschmann davonrennen vor dem Amt, hinter dem seine Kontrahenten so ungestüm herjagten. Stefan Mappus von der CDU sagte: "Ich will Ministerpräsident bleiben." Nils Schmid von der SPD sagte: "Ich will Ministerpräsident werden." Nur Kretschmann war zurückhaltend und sagte: "Das entscheidet allein der Souverän." Und dann zitierte er gerne Erwin Teufel, der 14 Jahre lang Baden-Württemberg regiert hat für die CDU: "Das Amt muss zum Mann kommen, nicht der Mann zum Amt." In diesem Moment im Glasanbau des Künstlerbunds am Stuttgarter Schlossplatz, am Sonntag um 18.10 Uhr, hat das Amt Winfried Kretschmann fast eingeholt. Es ist Zeitenwende in Baden-Württemberg.

Lange hatten Grüne und Rote um die Wende zittern müssen, das komplizierte Wahlrecht begünstigt die CDU bei den Überhangmandaten. Aber als um viertel nach neun das vorläufige amtliche Endergebnis bekanntgegeben wird, liegt das grün-rote Lager vor dem schwarz-gelben. Und die Grünen liegen hauchdünn vor der SPD, 24,2 zu 23,1 Prozent. Nach Landtagsmandaten: 36 Sitze für Grün, 35 Sitze für Rot. Kretschmann und Schmid hatten den Endspurt des Wahlkampfs Schulter an Schulter absolviert, am Ende ihrer Kundgebungen hatten sie stets einen grün-roten Schal in die Höhe gereckt. Jetzt sind sie gleichauf durchs Ziel gegangen. In der Fernsehrunde der Spitzenkandidaten im SWR tut Kretschmann, vor was er sich bisher gescheut hat: Er erhebt Anspruch auf das Amt des Regierungschefs. Schmid sagt: "Darüber reden wir morgen." Die Partner haben einiges zu besprechen.

Auf jeden Fall wird es auch eine Zeitenwende des politischen Stils geben in Baden-Württemberg. Kretschmann und Schmid sind beide stille, nüchterne Vertreter ihres Fachs, Kopfmenschen. Der Kontrast zum Bauchmenschen Mappus hat gewiss beigetragen zu diesem Erfolg. Der Ethiklehrer Kretschmann hat die Grünen im Südwesten 1979 mitbegründet, "aus Liebe zur Natur", und er war einer der ersten, der seine Partei darauf hinwies, dass Politik sich nicht in der Opposition erschöpfen dürfe. Nicht aus persönlicher Opposition: "Sondern weil es ums Gestalten geht." Er kann schön erzählen, wie Petra Kelly ihn zusammenstauchte für seine abstrusen Gedanken übers Regieren.

Kretschmann ist dann nicht an die Macht gestürmt, er hat sich ihr langsam genähert. Der Fernsehspot der Grünen vor dieser Landtagswahl zeigte ihn beim Baumschneiden zu Hause in Sigmaringen, er schnipselte mit einer solchen Ruhe an diesem Baum herum, dass man fürchten musste, die Äste würden schneller nachwachsen, als er sie abschnitt. Kretschmann war kein grüner Frontmann, der die braven Schwaben und Badener hätte verschrecken können, wie vielleicht die jüngeren, forscheren Cem Özdemir oder Boris Palmer. Er ist einer aus ihrer Mitte: Schützenkönig mit Lang- und Kurzwaffe, Wanderführer auf der Schwäbischen Alb und Mitglied im Laizer Kirchenchor. Kretschmann ist so behäbig wie das Land, das er nun regiert. Keiner hat ihm das je vorgeworfen: Seine Langsamkeit ist vor allem seiner Ernsthaftigkeit geschuldet.

Das Understatement, das Winfried Kretschmann zur zweiten Natur geworden ist, strahlt ihm auch aus allen Knopflöchern, als er im Künstlerbund vor seine Anhänger tritt. "Wir haben so etwas wie einen historischen Wahlsieg errungen", lautet sein erster Satz an die jubelnde Menge. So etwas, er bleibt auch gelassen in einem solchen Moment. Mit diesem Zuspruch hat die jetzt siegestrunkene Partei nicht gerechnet: Der kleine Glasanbau im Kunstgebäude gleich am Schlossplatz reicht hinten und vorne nicht für die herbeieilenden Partygäste, die das historische Ereignis mitfeiern wollen. Gerade mal 150 durften hinein, um jetzt begeistert "Mappus weg!" und "Oben bleiben!" zu skandieren, den Rest des Saales füllen die Leute von der Presse. "Wir hätten die Schleyer-Halle mieten sollen", gibt sich ein Grünen-Sprecher zerknirscht. Das "grandiose Ergebnis", so Kretschmann, das ihn unversehens ins höchste Amt des Bundeslandes im Südwesten spülen könnte, muss er erst selbst noch verdauen. Die große Geste und der rhetorisch mitreißende öffentliche Auftritt sind seine Sache nicht - noch nicht. Das wird er lernen müssen. Dafür stünde ihm die Rolle des bieder-bescheidenen Landesvaters umso besser.

Japan war die Rettung für die Grünen

Wenn es auch Nils Schmid an irgendetwas nicht mangelt, dann an Ernsthaftigkeit. Er ist ein Einser-Abiturient und ein Prädikatsjurist, er ist promoviert und sieht auch mit 37 Jahren noch aus wie ein Musterschüler: Selbst zur Menschenkette gegen die Atomkraft vor zwei Wochen kam der parteiübergreifend anerkannte Finanzexperte in Anzug und Krawatte auf den Stuttgarter Schlossplatz. Als er 1997 für den verstorbenen Erstkandidaten in den Landtag nachrückte, war er der jüngste Abgeordnete in der Geschichte. Er war das "Männle", und so richtig hat er dieses Etikett erst im Laufe dieses Wahlkampfs abgelegt. Am Ende hat er mehr Zuversicht ausgestrahlt als Kretschmann - seine SPD war ja stets zweite Kraft im Land hinter der CDU gewesen.

Kretschmann dagegen, seit 2002 Fraktionschef, bemühte sich auf der Zielgeraden um die Vermeidung von Euphorie mindestens genauso wie um den Sieg. Er wollte nicht klingen wie einer, der bereitwillig profitiert von einer Katastrophe. Erst der Streit um Stuttgart 21 hatte die Grünen in Sichtweite der Macht katapultiert. Als die langsam wieder bröckelte und in der Ferne verschwand, stieg plötzlich Rauch auf aus Atommeilern in 12.000 Kilometern Entfernung. Japan, so schlimm das klingt, war die Rettung für die Grünen. Auf einmal lagen sie wieder vorn in den Umfragen. Und nun, im Blitzlichtgewitter des Künstlerbunds, liegen sie vorn. Winfried Kretschmann wird schaffen, was keinem Grünen vor ihm vergönnt war, nicht einmal Joschka Fischer: Er wird, wenn alles gut für ihn läuft, eine Regierung führen. Das Amt ist nahe, doch selbst in diesem Augenblick erlaubt sich der Mann nur eine zarte Geste des Triumphs.

Das mag seinem Wesen geschuldet sein, aber vielleicht auch dem Bewusstsein, dass es leichtere Dinge gibt, als mit seinen Grünen zu regieren. Kretschmann sagt, studentische Erfahrungen beim Kommunistischen Bund Westdeutschlands hätten ihn "geheilt von linksradikalen Anwandlungen". In seiner Partei hat ihm das auch Ärger eingebracht. Er hat sich zum Beispiel gegen sie gestellt, als die Mehrheit eines Grünen-Parteitags den CDU-Mann Gerhard Mayer-Vorfelder per Resolution zum Faschisten erklären wollte. Als grüne Feministinnen 1983 bei Vergewaltigungsverdacht die Unschuldsvermutung abschaffen wollten, warf er hin. Zwei Mal verließ er für ein paar Jahre die politische Bühne. Aber zwei Mal kehrte er zurück. Er hatte ein politisches Lebenswerk zu vollenden.

Politik, sagt Winfried Kretschmann gern, heiße "Menschen hinter einer Idee zu versammeln". Eine Idee hat seine gewundene Laufbahn geprägt: Dass man zusammenbringen muss, was auf den ersten Blick nicht zusammenpasst. Der bibelfeste Katholik könnte jetzt seine Partei ins gelobte Land führen. Das gelobte Land leuchtet Grün und Rot. Am Sonntag ist Winfried Kretschmann dort angekommen, haarscharf vor Nils Schmid.

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SZ vom 28.03.2011/cag
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