Süddeutsche Zeitung

Arktischer Rat:Machtspiele am Pol

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Warum es nicht allein an der Klimaerwärmung liegen dürfte, dass es in jüngster Zeit in der Arktis ein bisschen heißer zugegangen ist.

Von Kai Strittmatter, Kopenhagen

Eine Weltgegend ganz ohne Spannungen? Die Arktis war lange genau das. Dementsprechend war auch der Arktische Rat die vergangenen Jahre eine besondere Institution: Dort trafen sich die acht arktischen Anrainerstaaten, dazu Vertreter der indigenen Völker, um ganz praktische Probleme anzugehen. Lösungsorientiert. Auf der Agenda standen Themen wie Fischerei, Bildung, Rettungswesen oder Umwelt- und Klimaschutz. Stets war klar, worüber man nicht sprach: Die Sicherheitspolitik etwa blieb bewusst außen vor. Die Arktis sei ein "Niederspannungsgebiet", hieß es oft von den Anrainern, und noch immer äußern viele den Wunsch, das möge so bleiben.

Nun allerdings erwärmt sich die Erde, das Eis schmilzt. Und in dem Maße, wie die Arktis zugänglicher wird, wachsen die Begehrlichkeiten - und es wachsen auch die Spannungen. Das zeigte sich erstmals 2019, als Trumps Außenminister Mike Pompeo den Arktischen Rat überraschte mit der kampfeslustigen Ansage, die Arktis sei nun "eine Arena der globalen Macht und des Wettbewerbs".

Diese Woche ist das noch besser zu beobachten. Bis zum Donnerstag tagt der Arktische Rat in Islands Hauptstadt Reykjavik. Es trafen sich dort aber auch zu ihrem ersten Gespräch am Mittwochabend der neue US-Außenminister Antony Blinken und sein russischer Kollege Sergej Lawrow. Dass es den beiden an Streitthemen nicht mangeln würde, war klar. Und während die Amerikaner offenbar darangehen, eines der Themen - Nord Stream - zu entschärfen, baut sich ein ganz anderer Konfliktstoff gerade vor den Augen der Welt auf: die Arktis. Im Vorfeld des Treffens in Reykjavik klang es gar ein wenig so, als bereiteten sich beide Außenminister auf einen ersten Showdown vor.

Antony Blinken warnt vor "militärischen Aktivitäten" - und meint die Russen

Antony Blinken drückte gleich nach Betreten isländischen Bodens seine Sorge aus über "wachsende militärische Aktivitäten in der Arktis". Er griff "illegale Ansprüche Russlands" auf Meeresgebiete entlang der Nordostpassage an, die die Schifffahrt von Asien bis Grönland ermöglichen soll, und sagte: "Wir müssen die Militarisierung der Region vermeiden." Alles, was Russland tue, sei "absolut legal und legitim", entgegnete Sergej Lawrow: "Das ist unser Territorium, unser Land."

Die schleichende Militarisierung der Region, vor der Blinken warnt, ist längst im Gange. Russland hat 2015 ein Gebiet von der Größe von 1,2 Millionen Quadratkilometern vor der Nordküste zu seinem Territorium erklärt, den Nordpol inklusive. Seither baut es alte, zwischenzeitlich aufgegebene Militärbasen aus der Zeit des Kalten Krieges wieder aus und verlegt atomwaffenfähige Bomber und Raketen in die Region. Im März erst ging ein Videoclip der russischen Marine weltweit viral, der zeigte, wie bei einem Manöver in der Hocharktis drei atombetriebene U-Boote gleichzeitig das arktische Eis durchstießen, um aufzutauchen: eine Demonstration militärischer Stärke.

Die USA und vor allem die Nato-Partner Norwegen und Großbritannien kontern mit eigenen Manövern in der Barentssee. Die USA haben in diesem Jahr vier B1-Bomber auf einen Luftwaffenstützpunkt nahe der norwegischen Stadt Bodø verlegt. Und letzte Woche dockte ein amerikanisches Atom-U-Boot im norwegischen Tromsø an. Dass sowohl Blinken als auch sein dänischer Kollege Jeppe Kofod diese Woche ein verstärktes Engagement der Nato in der Arktis ankündigten, verärgerte Russland besonders.

Auch China meldet hoch im Norden seine Interessen an

Russland hat große wirtschaftliche Interessen in der Arktis, setzt auf neu entdeckte Bodenschätze und die Zukunft der kommerziellen Schifffahrt auf einer eisfreien Nordostpassage - eine Route, die auch für China eine große Rolle spielt in seinen Plänen für eine "Neue Seidenstraße". Lawrow verteidigt den Aufbau der neuen Militärkapazitäten als defensiv: "Es ist unsere Aufgabe, für die Sicherheit an der arktischen Küste zu sorgen." Die USA halten dagegen, dass zumindest ein Teil der neuen militärischen Fähigkeiten Russlands offensiver Natur seien.

Zentral für die amerikanische Arktis-Strategie ist Grönland, die zum Königreich Dänemark gehörende größte Insel der Welt. Die USA betreiben dort schon seit 1951 die Thule-Militärbasis, es ist der einzige ständige US-Stützpunkt nördlich des Polarkreises. Allein die Tatsache, dass der US-Außenminister am Donnerstag Grönland einen Besuch abstattet, zeigt, welche Bedeutung die USA der Insel zumessen, die gerade einmal 56 000 Einwohner zählt.

Die USA drängen Dänemark seit Langem, mehr in die militärischen Aufklärungskapazitäten auf Grönland zu investieren. Außenpolitik und Verteidigung Grönlands werden noch immer von Dänemark bestimmt. Im Frühjahr verabschiedete das Parlament in Kopenhagen deshalb ein "Arktis-Paket", das 200 Millionen Euro vorsieht unter anderem für Radarkapazitäten auf den Färöern und eine neue Drohnenflotte auf Grönland. Das wird die Überwachung des Schiffsverkehrs im Polarmeer um Grönland verbessern, bei der Überwachung des Luftraums um die Insel aber - mittlerweile in Reichweite russischer Kampfflieger - bestehen weiter Lücken.

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