Süddeutsche Zeitung

USA:Destination Arktis

Außenminister Antony Blinken besucht Dänemark, Grönland und das Treffen des Arktischen Rates in Island. Es geht um Klimaschutz und eine neue Sicherheitspolitik inmitten des schmelzenden Eises.

Von Kai Strittmatter, Kopenhagen

"Wiederbeleben" und "reparieren": Mit diesen Worten beschreibt man im State Department in Washington eine der Aufgaben des neuen Außenministers Antony Blinken draußen in der Welt der Freunde und Alliierten, die vier Jahre Donald Trump mal mehr, mal weniger traumatisch durchlebten. In Dänemark, jahrzehntelang einer der treuesten US-Alliierten, war der Wunsch nach freundlicher Zuwendung besonders groß: Hier ist die Erinnerung an den Sommer 2019 noch lebendig. Damals wollte Trump dem Königreich zuerst Grönland abkaufen, schimpfte die dänische Premierministerin Mette Frederiksen dann "nasty", fies, als diese dankend ablehnte, und sagte hernach aus Trotz seinen geplanten Staatsbesuch in Dänemark ab.

Mit demonstrativer Herzlichkeit wurde nun am Montag in Kopenhagen der Außenminister der neuen US-Regierung willkommen geheißen, Antony Blinken. Es empfingen ihn nacheinander die Premierministerin, dann die Königin und zuletzt gleich alle drei Außenminister des dänischen Königreiches: Neben dem dänischen Minister saßen auch dessen Kollegen von den Färöern und aus Grönland mit am Tisch. Befragt nach der Stimmung im Gespräch, sagte Mette Frederiksen anschließend sichtlich erleichtert: "Ich möchte es mal so sagen: Es ist ein anderer Ansatz."

Kopenhagen ist nur der erste Stopp Blinkens auf einer Reise in den hohen Norden, die ihn bis Donnerstag noch nach Island und nach Grönland führen wird. Mette Frederiksen sprach viel über den "grünen Wandel" und die Klimazusammenarbeit zwischen Europäern und Amerikanern, aber schnell wurde klar, was im Zentrum der Reise stehen wird: die "arktische Agenda". Also Sicherheitspolitik und Geostrategie in einer Arktis, die eben jener Klimawandel durch das schmelzende Eis interessant macht für Wirtschaft und Militärs, für Rohstoffabbau und Schifffahrt.

Antony Blinken würdigte die Rolle Dänemarks als "einziges Land der Welt, das Mitglied der EU, der Nato und des Arktischen Rates ist". Mette Frederiksen sagte, man müsse sicherstellen, "dass das dänische Königreich, die Vereinigten Staaten und die Nato die entscheidende Rolle in der Arktis spielen - und nicht andere". Ein kaum versteckter Seitenhieb gegen Russland, das zunehmend in militärische Infrastruktur in der Arktis investiert. Der dänische Außenminister Jeppe Kofod wurde nach seinem Gespräch mit Blinken deutlicher: "Wir haben gesehen, dass Russland einige der Stützpunkte, die nach dem Kalten Krieg geschlossen wurden, wiedereröffnet. Und wir beobachten größere Aktivitäten in der Arktis."

In Island wird Blinken auch seinen russischen Kollegen treffen

Noch am Montagabend brach Blinken dann Richtung Island auf, wo er an der Sitzung des Arktischen Rates teilnehmen und auch seinen russischen Kollegen Sergej Lawrow treffen wird. Russland wird bei dem Treffen für zwei Jahre die Führung des Rates übernehmen. Der Arktische Rat ist ein Forum, bei dem sich die arktischen Anliegerstaaten USA, Russland, Kanada, Grönland, Island, Finnland, Norwegen, Schweden und Dänemark gemeinsam mit Verbänden der indigenen arktischen Völker austauschen. Dabei ging es in den vergangenen Jahren um Kooperation bei Themen wie Klima, Umweltschutz und Gesundheit.

Beim Arktischen Rat war man bislang stolz darauf, dass Konfliktthemen wie Sicherheitspolitik zugunsten praktischer Zusammenarbeit außen vor geblieben waren. Die Frage ist, wie lange das noch so bleiben wird. Dass sowohl Dänen als auch Amerikaner am Montag der Nato eine Rolle in der Arktis zusprachen, wird man in Moskau nicht gern gehört haben.

Im Fokus der amerikanischen Arktis-Überlegungen steht dabei Grönland. Auf der 56 000-Einwohner-Insel ist man geschmeichelt und erfreut, dass am kommenden Donnerstag tatsächlich ein US-Außenminister im ersten halben Jahr seiner Amtszeit vorbeischauen wird. Grönland ist eine autonome Nation innerhalb des Königreichs Dänemark. Es gibt dort ein Lager, zu dem zwar nicht Grönlands neuer Regierungschef Múte Bourop Egede, wohl aber Grönlands Außenminister Pele Broberg gehört, das baldmöglichst die völlige Unabhängigkeit anstrebt und sich vom Werben der USA Rückenwind für dieses Unterfangen erhofft.

Die USA haben vor einem Jahr erst wieder - noch unter Trump - ein Konsulat in Grönlands Hauptstadt Nuuk eröffnet, fast 70 Jahre nachdem sie das letzte Konsulat 1953 geschlossen hatten. Seit 1951 schon betreiben sie die Thule-Militärbasis im Nordosten der Insel. "Die Biden-Regierung wird Grönland nicht kaufen", kommentierte Dänemarks öffentlich-rechtlicher Sender DR auf seiner Webseite. Ihr Ziel aber sei "das gleiche" wie das der Trump-Regierung: "Die USA wollen schnell ein Standbein und größeren Einfluss in einer der wichtigsten Regionen der Welt."

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