Süddeutsche Zeitung

Wintereinbruch:Keine Zeit zum Durchschnaufen

Während Kinder und Freizeitsportler dem vielen Schnee schöne Seiten abgewinnen, sind Feuerwehren und Räumdienste auch am Tag drei nach dem heftigen Wintereinbruch noch schwer im Einsatz. Die S-Bahn kommt am Montag nur langsam bis gar nicht ins Rollen.

Von Carla Augustin, Martin Mühlfenzl und Lisa Marie Wimmer, Landkreis München

Auch zwei Tage nach dem massiven Wintereinbruch mit Schneefällen von bis zu einem halben Meter ist das öffentliche Leben im Landkreis München weiter stark eingeschränkt. Vor allem im Personennahverkehr spürten Pendlerinnen und Pendler am Montag nach wie vor die Auswirkungen, die das Schneechaos verursacht hat. Feuerwehrleute und andere Helfer waren den dritten Tag in Folge im Dauereinsatz, um Menschen vor Bäumen zu schützen, die umzufallen drohten, sowie Dächer zu räumen, die unter der Schneelast einstürzen könnten.

Es kommt viel zusammen in diesen verschneiten Tagen, insbesondere für die Ehrenamtlichen der Rettungsdienste, der Freiwilligen Feuerwehren, aber auch bei Räum- und Winterdiensten. Mehr als 700 Einsätze verzeichnete die Feuerwehreinsatzzentrale des Landkreises bis Montag.

Am Samstag hatte allein die Freiwillige Feuerwehr Ottobrunn Stunden damit verbracht, das Dach des Phönixbads zumindest in Teilen von der Schneelast zu befreien; um dessen Statik steht es nicht zum Besten. "Um halb zwölf am Abend waren wir fertig, im wahrsten Sinne des Wortes, und alle nass", blickt Feuerwehrkommandant Eduard Klas am Montag zurück. "Dann kam der Anruf: Unfall auf der Autobahn." Die Ehrenamtlichen mussten also noch einmal ausrücken.

Ein Lastwagen war auf der spiegelglatten A 99 auf Höhe der Ausfahrt Ottobrunn ausgerechnet auf einen Schneepflug der Autobahnmeisterei Hohenbrunn aufgefahren. Dabei wurde die Fahrerkabine des Lkw komplett zerstört. Mit schwerem Gerät musste die Feuerwehr bei eisiger Kälte den Mann aus dem Fahrzeug herausschneiden. Er überlebte den Unfall schwer verletzt und wurde mit einem Hubschrauber in ein Münchner Klinikum geflogen. Auf der Autobahn Richtung Nürnberg kam es dadurch zu zusätzlichen Behinderungen.

Ans Ausruhen war für die Männer und Frauen der Feuerwehren sowie Straßenmeistereien aber auch am Montag nicht zu denken. Mit insgesamt 24 Winterdienstfahrzeugen ist seit dem Wochenende die Straßenmeisterei in Riem durchgehend unterwegs. Diese betreut im Landkreis München etwa 380 Kilometer Bundes-, Kreis und Staatsstraßen sowie 180 Kilometer Geh- und Radwege. Üblicherweise gibt es bei der Straßenmeisterei in Riem einen Schichtplan für den Winterdienst, doch bei den Schneemassen vom Wochenende mussten laut Leiter Stefan Heinrich alle Mitarbeiter ausrücken.

"Wir haben alles gemacht, was in unserer Macht steht. Aber mehr ging nicht", sagt Heinrich am Montag. Die Priorität habe man in den vergangenen Tagen auf die Hauptstraßen gelegt. "Die Betreuung der Radwege mussten wir aufgeben." Beim Räumen der Fahrbahnen sei so viel Schnee auf die Radwege geschoben worden, dass die kleinen Fahrzeuge der Straßenmeisterei den Mengen nicht mehr hätten Herr werden können.

"So viel Schnee gab es noch nie", sagt der Leiter der Straßenmeisterei

Unter besonders schlechten Straßenbedingungen hatten und haben die Gemeinden Unterföhring und Straßlach zu leiden. "Aufgrund von Fahrzeugausfällen waren wir hier nicht mehr in der Lage zu räumen", erklärt der Leiter der Straßenmeisterei. Inzwischen sei der Schnee dort schon festgefahren. Nun werde versucht, mit vereinten Kräften die Straßen wieder in Schuss zu bekommen. Heinrich ist seit sechs Jahren Straßenmeister in Riem. "So viel Schnee", sagt er, "gab es, seit ich da bin, noch nie". Teilweise mussten am Wochenende komplette Straßen im Landkreis wegen umgefallener Bäume gesperrt werden. Am Montag waren laut Heinrich aber fast alle Straßen wieder befahrbar gewesen.

Das gilt indes nicht ansatzweise für das Netz der Münchner S-Bahn, vor allem auf den Außenästen. An vielen Bahnhöfen im Landkreis waren am Montag nicht einmal die Bahnsteige geräumt, auf den Gleisen türmte sich nach wie vor der Schnee. Lediglich die S 8 zum Flughafen über Ismaning konnte am Montagvormittag wenigstens im 40-Minuten-Takt wieder in Betrieb gehen, bis sie am Nachmittag von einer kaputten Weiche teilweise wieder ausgebremst wurde. Am späten Nachmittag nahmen auch die S 1 nach Freising und die S 2 nach Erding wieder den Betrieb auf. Auf den anderen Außenästen ging nichts.

"Wir sind hier total abgeschnitten", sagt Stefanie Koch am Montag. Sie wohnt mit ihrer Familie in Großhelfendorf in der Gemeinde Aying, die beiden Kinder gehen in Holzkirchen zur Schule und haben schon im Sommer oftmals Probleme mit verspäteten Zügen der S 7 und dem Umsteigen auf die Regionalbahn am Bahnhof Kreuzstraße. "Aber jetzt geht gar nichts mehr", schildert die Mutter. "Notgedrungen müssen wir die Kinder jetzt wieder mit dem Auto in die Schule fahren und wieder abholen." Etwa hundert Ayinger Kinder und Jugendliche seien betroffen. "Und wenn man auf die Gleise schaut, kann man sich nicht vorstellen, dass das schnell anders werden soll."

Die Deutsche Bahn sprach zwar am Montag davon, dass sich die Lage auf den Schienen "schrittweise" verbessere, allerdings räumte der Konzern ein, dass Fahrgäste weiterhin mit Einschränkungen rechnen müssten. Über den Montag könne es weiterhin zu Ausfällen kommen. Denn der "Wintereinbruch dieser Dimension", so die Bahn, habe Auswirkungen auf die Infrastruktur: Vielerorts seien Oberleitungen ohne Strom und hätten sich Stromabnehmer unter der Schneelast gesenkt. Zudem hätten die für längere Zeit unterbrochene Energieversorgung und die Kälte dazu geführt, dass Züge nicht mehr selbst fahren konnten und abgeschleppt werden mussten. "DB-Teams vor Ort prüfen, welche Fahrzeuge noch fahren können", heißt es in einer Mitteilung der Bahn.

Einzig im nördlichen Landkreis waren am Montag Züge unterwegs. Neben der S 8 konnte auch die U 6 nach Garching den Betrieb wieder aufnehmen. Die Tram nach Grünwald dagegen blieb in den Fahrzeughallen. Auch die Bayerische Regiobahn konnte den Netzbetrieb nicht wieder aufnehmen. Strecken waren weiterhin gesperrt und mussten von herabgestürzten Bäumen befreit werden.

An den Schulen findet der Unterricht weitestgehend normal statt

Große Auswirkungen auf die Schulen hatte das Schneechaos indes nicht, anders als etwa im Nachbarlandkreis Starnberg, wo Grund- und Mittelschulen am Montag geschlossen blieben, Realschulen und Gymnasien deshalb Distanzunterricht organisierten. "Im Landkreis findet alles normal statt", teilt Schulamtsdirektor Ulrich Barth für die Grund- und Mittelschulen mit. Der Unterricht laufe, wenn einzelne Schüler den Schulweg nicht antreten könnten, werde Material übermittelt. Auch wenn man die Gefährdungslage im Blick behalte, sei man im Schulamt "guter Dinge, dass die Schulen offen bleiben können". Eine Ausnahme bildet hier lediglich die Fachoberschule in Haar. Aufgrund der zahlreichen Schülerinnen und Schüler, die zum Erreichen des Schulstandorts auf die S-Bahn angewiesen sind, wird hier am Dienstag auf Distanzunterricht umgestellt.

Auch an den weiterführenden Schulen hatte der Schneefall vom Wochenende wenig Auswirkungen. Am Gymnasium Ottobrunn etwa ist der Großteil der Kinder und Jugendlichen laut Direktor Achim Lebert am Montag zum Unterricht erschienen. "Aber wir hängen auch nicht so sehr an der S-Bahn." Einzelne Schüler, die aus München stammen, hätten allerdings Verspätung gehabt und auch Lehrkräfte seien betroffen gewesen. Leberts Rat: Man müsse eben etwas mehr Zeit für den Schulweg einplanen. Mit dem Management an seiner Schule zeigt sich der Direktor "sehr zufrieden". Rund ums Gymnasium sei alles gut geräumt gewesen, auch die Schüler, die am Montag ins Skilager gefahren sind, seien gut losgekommen.

Nicht ganz so weit haben es die Daheimgebliebenen, und viele von ihnen haben in den vergangenen drei Tagen auch Gefallen am Winterwunderland gefunden, zu dem der Landkreis seit Samstag geworden ist. Viele entdeckten im heimischen Keller wieder die Langlaufski und machten sich auf den Weg in die Loipe. Am Sauerlacher Schlittenhügel, der dem Münchner Olympiaberg in nichts nachsteht, stürzten sich Wagemutige mit ihren Rodeln hinunter. Und auch in den nächsten Tagen bietet sich angesichts der anhaltend niedrigen Temperaturen noch genug Gelegenheit, den Schnee zu genießen.

Nur die Wälder sollten zwingend gemieden werden. Bayerns Forstministerin Michaela Kaniber (CSU) hatte schon am Samstag vor dem Betreten der Staatsforste gewarnt. Julia Borasch, Revierförsterin für die Gemeinden im Norden und Osten des Landkreises, kann derzeit selbst noch nichts Genaues sagen. Normalerweise sei für Wälder vor allem der Nassschnee ein Problem. Die Niederschläge vom Wochenende fielen zwar nicht unter diese Kategorie, jedoch sei die reine Masse eine große Last für die Äste. "Ganz ungefährlich ist das nicht", sagt Borasch. Sie rät: "Sich unter Bäumen oder in Parks aufzuhalten, ist nicht zu empfehlen."

Winterspaziergänge sollte man also lieber auf freier Fläche machen, um Astbrüchen zu entgehen. Ein genaues Bild über die Wälder können sich die Zuständigen des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten jedoch auch erst machen, wenn sie selbst wieder in die Wälder hinein kommen. Die Waldwege sind derzeit nicht geräumt. In Schleißheim sind der Schlosspark und das Schloss Lustheim wegen der Gefahren nicht zugänglich, wie die staatliche Schlösser- und Seenverwaltung erklärt.

Gefahr vor herabfallenden Ästen und umknickenden Bäumen besteht aber auch auf Friedhöfen und vielen Wegen. "Einige sind schon umgefallen. Wir sind im Dauereinsatz, um Schäden zu vermeiden und zu beseitigen", sagt Ottobrunns Feuerwehrkommandant Klas. Auch auf dem Dach des Phönixbads, das er und seine Kameraden am Montag erneut inspizierten, war die Schneelast am Montag noch immer zu groß, um eine Öffnung der Freizeiteinrichtung zuzulassen. Klas macht sich aus zwei Gründen weiter Sorgen: "Erstens sind weitere Schneefälle angekündigt, und wenn dann irgendwann der Föhn und 15 Grad kommen und in sechs Stunden alles zusammenschmilzt - dann saufen wir ab." Die nächsten Einsätze stehen also an.

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