Süddeutsche Zeitung

Windenergie:Region München soll kein "Streuselkuchen" werden

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Der Regionale Planungsverband will Windkraftanlagen geballt aufstellen. Drei von vier Rotoren werden wohl in Wäldern stehen.

Von Bernhard Lohr, Oberhaching

Der Regionale Planungsverband (RPV) will bei der Ausweisung von Vorrangflächen für Windkraftanlagen in der Region München vorankommen. Deshalb hat der Planungsausschuss des Verbands am Dienstag in Oberhaching die Weichen gestellt, noch vor dem förmlichen Aufstellungsbeschluss für die Planung die Arbeiten aufzunehmen. Die Zeit drängt nach der Verabschiedung des Wind-am-Land-Gesetzes durch den Bund, auch wenn erst bis Ende 2027 etwa 1,1 Prozent der Fläche in der Region benannt werden müssen, statt wie bisher gedacht Ende 2026. Bis 2032 geht es dann um 1,8 Prozent der Fläche. Etwa 400 Windräder sind im Gespräch, in der Stadt München und den acht Landkreisen von Landsberg bis Ebersberg und Freising bis Starnberg.

Der 30-köpfige Planungsausschuss, in dem Vertreter der Stadt München, der Landkreise und der kreisangehörigen Kommunen sitzen, fasste am Dienstag seine Beschlüsse einstimmig. Doch Konflikte zeichnen sich ab, wenn etwa in einer Flächengemeinde ein Dutzend Räder aufgestellt werden sollen und in einer benachbarten dicht besiedelten Kommune vielleicht nur eines. RPV-Geschäftsführer Christian Breu sagte, es werde eine "solidarische Planung" geben, bei der nicht jeder gleich belastet werden könne. Zusammenhalt werde notwendig sein. Bei der Annahme von Mindestabständen von 1000 Metern zur Wohnbebauung werde ein Viertel der Anlagen im freien Feld stehen, drei Viertel im Wald. "Man wird entweder den Menschen oder der Natur auf die Füße steigen", so Breu.

Wo genau die Windräder in der Region stehen werden, ist noch nicht abzusehen. Doch einiges deutet sich an. So sagte Breu, dass bayernweit Solidarität gefragt sein werde, wenn etwa im Oberland weniger Rotoren möglich seien als vom Bund verlangt. Laut Breu wird es kein Konzept mit kleinteiligen Flächen geben, sondern größere Areale beginnend mit zehn Hektar konzentriert an bestimmten Orten. Man werde nicht Windkraftanlagen über die Region verteilen "wie bei einem Streuselkuchen". Und es würden neue potenzielle Flächen freigemacht, wie der Freisinger Landrat Helmut Petz (Freie Wähler) mitteilte.

So will die Deutsche Flugsicherung (DLF) Ausschlussgebiete für hohe Windkraftanlagen im Umfeld von Flughäfen verkleinern, etwa wie im Erdinger Moos oder auch in Oberschleißheim. Ismanings Bürgermeister Alexander Greulich (SPD) bezeichnete dies als dringend wünschenswert. Jüngste Aussagen der DLF gehen laut Petz in diese Richtung. Der Freisinger Landrat sagte, bis 2025 solle die bodengestützte Luftraumüberwachung auf Satellitenbetrieb umgestellt werden. Er habe moniert, dass das nicht schon früher geschehe, sagte Petz. Jedenfalls werde so im Raum Freising, Dachau und auch im nördlichen Landkreis München Platz für Windräder frei. Breu bestätigte, dass beim Flugplatz Jesenwang im Landkreis Fürstenfeldbruck auf diese bereits ein Windrad ermöglicht werde.

Ein den Planungsausschuss des RPV beratender Beirat soll helfen, frühzeitig Reibungspunkte zu benennen. Diesem werden je ein Vertreter der Stadt München und jedes Landkreises angehören. Dazu kommen Fachleute der Forst- und Landwirtschaft, der Strominfrastruktur sowie des Bundes Naturschutz und des Landesbunds für Vogelschutz. Der Windkümmerer für den Regierungsbezirk Oberbayern, Peter Beermann, wird ebenfalls dem Beirat angehören, ebenso Professor Michael Schmitt von der Universität der Bundeswehr in Neubiberg als Fachmann zum Thema Kartierung von Naturräumen. Als Präsident des Bayerischen Jagdverbands meldete der stellvertretende Münchner Landrat Ernst Weidenbusch (CSU) den Anspruch an, auch die Jäger mitreden zu lassen. Daraufhin wurde im Gremium die Sorge laut, bei zu vielen Interessenvertretern könnte man sich im Beirat "zu Tode diskutieren". Der Vorsitzende des Planungsausschusses, Oberhachings Bürgermeister Stefan Schelle (CSU), hielt dagegen, der Beirat sei keine Kommission mit Beschlusskraft. Der Ausschuss werde entscheiden. Und zwar dringend und zügig.

"Den Kopf in den Sand zu stecken, ist bei diesem Thema die falsche Körperhaltung."

Schelle warnte vor Untätigkeit in den Rathäusern. "Den Kopf in den Sand zu stecken, ist bei diesem Thema die falsche Körperhaltung", sagte er. Ohne eine Regionalplanung mit Vorrangflächen drohe eine ungeordnete Genehmigung von privilegierten Windkraftanlagen. Nur mit Hilfe der Planung ließen sich rechtssicher städtebauliche Verträge schließen und etwa Bürger-Windkraftanlagen schaffen. Schelle rief die Bürgermeister auf, zunächst ihre bestehenden Planungen zu melden. Dann werde man ins Gespräch kommen. Den Beirat will er zügig einberufen. Der stellvertretende Fürstenfeldbrucker Landrat Michael Schanderl (FW) mahnte klare Kriterien für die Kommunen an und einen Zeitplan, um das bisher einvernehmliche Vorgehen nicht zu gefährden. Schelle sagte, es werde auf gute Moderation zwischen Nachbarkommunen ankommen.

Jetzt sind zunächst die Rathäuser an der Reihe. Sie dürfen laut Breu aber nicht einfach Flächen ausschließen. Es sei eine Positivplanung notwendig. Der Planungsausschuss sprach sich auf Anregung von Starnbergs Landrat Stefan Frey (CSU) dagegen aus, dass bei der Fortschreibung des Landesentwicklungsprogramms auch noch in Zukunft Vorranggebiete für Landwirtschaft ausgewiesen werden müssen. Das würde die Arbeit zusätzlich erschweren, bekräftigte Breu. Der RPV müsse jetzt all seine Kraft auf das Windkraft-Thema konzentrieren. Mehr Personal stehe zunächst nicht zur Verfügung. "Wir fangen also nach der Sitzung direkt an."

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