Süddeutsche Zeitung

Bundesweiter Ausbau:Wasserstoff im Landkreis: Zukunftsmusik

Im Zuge des nationalen Wasserstoff-Forschungsprogramms könnte Freising als Standort von Hochschulen profitieren. Im Landkreis spielt die Technologie aktuell keine große Rolle, sagt Energiebeauftragter Moritz Strey.

Von Nadja Tausche, Freising

Deutschland investiert in Wasserstoff - und zwar neun Milliarden Euro, zusätzlich zu den bereits laufenden Förderprogrammen. Das hat die Bundesregierung Mitte Juni beschlossen, Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) spricht davon, dass Deutschland bei Wasserstofftechnologien "die Nummer eins in der Welt" werden solle. Drei Experten im Landkreis Freising halten die sogenannte nationale Wasserstoffstrategie für ein wichtiges Zeichen - was sich damit in Freising und der Region konkret ändert, können sie derzeit aber noch nicht sagen.

Klar sei: Wasserstoff müsse aus regenerativen Energien gewonnen werden, sonst bringe der Ausbau gar nichts, sagt Andreas Henze. Er sitzt im Vorstand der Bürgerenergiegenossenschaft Freisinger Land sowie des Solarverbands Bayern. Verwende man zur Produktion von Wasserstoff etwa Strom aus Kohlekraft, sei man in Sachen Energiewende keinen Schritt vorangekommen, so Henze: Stattdessen müsse man auf Sonnen- und Windenergie setzen. Die beschlossene Wasserstoffstrategie hält er generell für sinnvoll: "Wir brauchen Wasserstoff, das ist keine Frage", sagt er. Der Beschluss der Bundesregierung zeige, dass man "überhaupt mal in Wasserstoff einsteigen will": Das sei wichtig.

Aktuell spielt Wasserstoff im Landkreis noch keine große Rolle

Ähnlich sieht das Rainer Teschner von den Solarfreunden Moosburg, der sich für Vorträge mit dem Thema Wasserstoff beschäftigt. Er sagt: "Die Energiewende setzt sich aus mehreren Komponenten zusammen, und Wasserstoff ist ohne Frage eine wichtige davon." Ob die nationale Wasserstoffstrategie wirklich etwas verändert, da ist sich Teschner allerdings nicht so sicher. "Ich halte den Beschluss für eine gewisse Nebelkerze", sagt er. Denn auch Teschner ist überzeugt, dass man für die Produktion von Wasserstoff erneuerbare Energien verwenden muss - und die müsse man in Deutschland erst einmal erheblich ausbauen. Zwar nehme die Bundesregierung viel Geld in die Hand, "aber man hört kein Wort davon, dass man zum Beispiel die Windenergie ausbauen und dafür alle Hemmnisse abbauen will", sagt er.

Aktuell spielt Wasserstoff im Landkreis noch keine allzu große Rolle. Im Landratsamt sei es kaum Thema, berichtet Moritz Strey, Energiebeauftragter des Landkreises. Immerhin gibt es eine Wasserstofftankstelle am Münchner Flughafen, und auch an der Raststätte Fürholzen an der A9 bei Neufahrn können Autos mit Wasserstoffantrieb tanken. In der Stadt Freising sind die Stadtbusse zwischenzeitlich mit Erdgasantrieb gefahren, allerdings war der technische Aufwand hoch und die Wirtschaftlichkeit niedrig. Ob die Wasserstofftechnologie im Landkreis mit der nun beschlossenen Förderung einen Auftrieb bekommt, kann Strey noch nicht einschätzen - auch könne er nicht sagen, ob hier Anlagen zur Wasserstoffproduktion gebaut werden und neue Tankstellen entstehen sollen. Was er sich aber vorstellen könne sei, dass die Forschung vor Ort vorangetrieben wird, sagt Strey: "Mit der Wasserstoffstrategie versucht man das Know-How aufzubauen, um auf dem Markt wirtschaftlich zu sein." Hier könne Freising punkten, unter anderem wegen der Universitäten in Freising. "Für die lokale Energie ist die Wasserstoffstrategie nur bedingt relevant", glaubt er - wenn die Technologie präsenter werde, würde sich der Landkreis aber durchaus für den Ausbau einsetzen.

Lohnen würde sich Wasserstoff etwa bei Flugzeugen

Generell, sagt Strey ebenso wie Teschner, lohne sich Wasserstoff neben dem Einsatz in der Industrie vor allem bei Schwerlastverkehr - also bei Lastwagen oder Zügen. "Bei normalen PKWs macht der Einsatz von Wasserstoff keinen Sinn", sagt Teschner überzeugt: "Da ist nichts gewonnen, was die Kosten und die verbrauchte Energie angeht." Henze sieht Vorteile von Wasserstoff bei Schiffen und Flugzeugen. Dass etwa am Münchner Flughafen ein komplett mit Wasserstoff angetriebenes Flugzeug startet, dürfte zwar noch Zukunftsvision sein - es sei aber wichtig, in diese Richtung zu forschen und zu investieren: "Wir müssen CO₂-neutral werden", sagt Henze, der Flugverkehr spiele dabei eine wichtige Rolle.

Einen Beitrag zur Energiewende leisten könnte Wasserstoff nicht nur, weil bei der Verwendung kein CO₂ freigesetzt wird. Es ist außerdem eine Speichermöglichkeit für Strom: Wenn in Zukunft mehr erneuerbare Energie produziert werde, komme es auch im Landkreis Freising vermehrt zu Stromüberschuss, erklärt Henze. Passiert das heute, sinken einfach die Strompreise, statt dass die Energie gespeichert wird. Konkret umsetzen will das Rainer Teschner, und zwar bei der Solaranlage auf seinem Dach: Mithilfe von Wasserstoff könnte er im Sommer produzierten Strom für den Winter speichern. "Ich bin gerade dabei, das technisch zu prüfen", so Teschner.

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SZ vom 30.06.2020/nta
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