Süddeutsche Zeitung

Zeugnisverleihungen im Landkreis Ebersberg:Nach dem Corona-Marathon

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Jede Menge Bestnoten haben die Abiturienten an den vier Gymnasien in Grafing, Kirchseeon, Vaterstetten und Markt Schwaben erreicht. Die Pandemie hat sich offenbar nicht auf den Leistungsschnitt ausgewirkt.

Von Alexandra Leuthner

Eines, das gleich mal vorweg, unterschied die Abiturfeiern an diesem Freitag grundlegend von jenen in den beiden vorangegangenen Jahren: Es waren alle da. Und es durften alle da sein. Maskenlos, abstandslos, voller Freude über das Zusammensein. Nicht in Kleingruppen wurde gefeiert, sondern im ganz großen Rahmen der kompletten Abiturjahrgänge und ihrer Angehörigen. Nicht nur die scheidenden Schüler, sondern auch die Mitglieder der Lehrerschaften werden das genossen haben, blieb ihnen doch erspart, wie es die Direktorin des Gymnasiums Kirchseeon Simone Voit in ihrer Begrüßung nicht ohne Selbstironie formulierte, "dass Sie meine Rede vier oder fünf Mal hören müssen".

Man feierte ganz wie in alten Zeiten zusammen, ohne Masken und Abstand.

So feierte man ganz wie in alten Zeiten in der Turnhalle des Humboldt-Gymnasiums in Vaterstetten, den roten Teppich für die Absolvia ausgelegt in der Mitte der Halle zwischen den Stühlen der Gäste. In Kirchseeon hatten die Abiturienten wieder ihren ganz großen Auftritt, als sie der Reihe nach die gewundene Freitreppe in die große Aula herabschreiten durften. Eine wunderbare Darbietung des Kirchseeoner Schulorchesters mit Rossano Galantes "Nostalgia" unter Leitung von Tanja Back verlieh dem Einmarsch seinen festlichen Abschluss. In Markt Schwaben, am Franz-Marc-Gymnasium, wurde ebenfalls wieder gemeinsam in der Schule gefeiert, respektive in der Turnhalle. Wenn es auch vielleicht hier den einen oder die andere gegeben haben mag, die der außergewöhnlichen Location der Vorjahre nachtrauerte, zweimal waren die Abiturzeugnisse im Aschheimer Autokino verliehen worden.

Nicht ganz gewöhnlich hatten es dafür diesmal die 122 Abiturienten des Max-Mannheimer-Gymnasiums in Grafing. Das just in diesen Wochen aufgebaute Bierzelt des Grandauer Volksfests kam der Schule gerade recht, um die Feiernden ganz zwanglos auf den Bänken im Zelt unterzubringen. Als Vorgriff auf so manchen berauschenden Abend, den die Absolventen in nächster Zeit bestimmt noch vor sich haben, sicher nicht der unpassendste Ort. So betörend jedenfalls waren die Schwaden von Hendlduft, die den Gästen in die Nasen stiegen, dass Landrat Robert Niedergesäß die Liste mit den Namen der drei Jahrgangsbesten auf seinem Tisch liegen ließ. Vielleicht war aber auch nur beschwingt, hatte er doch an diesem Vormittag seine Abiturfeiern 36, 37 und 38 zu bestreiten, eine Aufgabe, die zu seinen schönsten als Kommunalpolitiker gehöre, wie er erklärte. Man glaubt es ihm, hatte er doch eigens zu diesem Anlass gedichtet, und wiederholte die Verse, die mit der Geschichte von Wilhelm Busch' Lehrer Lämpel ihren Anfang und mit echtem Niedergesäß ihr Ende nahmen, - später in Kirchseeon und Vaterstetten. Nach Markt Schwaben fuhr diesmal aus Zeitgründen Niedergesäß' Stellvertreterin Magdalena Föstl.

Die besonderen Gegebenheiten durch die Corona-Pandemie fanden an diesem Tag Eingang in alle Reden

Der Nutzen des Lernens, ein Lob der Schüler und die besonderen Gegebenheiten durch die Corona-Pandemie, welche dieser Jahrgang durchleben musste, der zu deren Beginn in der zehnten Klasse war, fanden in die Reime des Landrats ebenso Eingang wie in alle Ansprachen von Schulleitern, Oberstufenbetreuern, Bürgermeistern oder Elternbeiräten, die an diesem Tag gehalten wurden - nicht überall so humorvoll dargeboten wie von Niedergesäß allerdings: "Homeschooling, welch ein Segen// mancher ist im Bett gelegen."

Ein Umstand, den die vier Grafinger Abiturienten Elina Mensch, Peter Schulze, Martin Schemmel und Justus Pehle, die hier die Abirede hielten, auch gar nicht leugnen wollten. Zwar hätten sie die Lernplattform Mebis, über die im Homeschooling Arbeitsaufträge eingestellt, Unterrichtskonferenzen organisiert und der Kontakt mit den Schülern gehalten worden war, irgendwann spannender als jeden Blockbuster gefunden, stellten sie ironisch fest. Und man habe allzu oft darüber nachgedacht, welches Teil am Laptop gerade kaputt sei und als Ausrede dienen könne, wenn der Lehrer einen aufruft. Allerdings, so merkten sie nachdenklich an, habe man "im Nachhinein dann doch gemerkt, wie viel man nicht gelernt hat."

In Vaterstetten ging Schulleiter Rüdiger Modell ebenfalls auf die besonderen Umstände der Pandemiezeit für die Absolvia ein. Bis zur zehnten Klasse habe der Jahrgang eine unbeschwerte, von Krisen verschonte Schulzeit gehabt. Dann sei die Schule ja von einem Tag auf den anderen für lange Zeit geschlossen gewesen, und es habe lange gedauert, bis mit Distanz- und Wechselunterricht alles wieder einigermaßen funktioniert habe. "Sie hatten sich Ihre Oberstufenzeit sicher anders vorgestellt. Studienfahrten und Partys mit Freunden statt Lockdown, Abstand halten und Distanzlernen." Immerhin aber habe es für die 164 Vaterstettener Abiturienten - so wie für alle anderen in Bayern auch - Vergünstigungen in der Notengebung gegeben und eine teilweise Reduzierung des Prüfungsstoffs. Und so gab es in Vaterstetten immerhin sechs mal eine 1,0, die Bestnote also, 59 Abiturienten am Humboldt-Gymnasium haben eine eins vor dem Komma.

Durchaus Humoriges konnte der Rektor des Markt Schwabener Gymnasiums Peter Popp aus den wechselnden Fährnissen der Coronazeit berichten. So habe es wohl ein paar Schüler gegeben, die beeindruckt von der geballten Berichterstattung in der Biologieklausur aus den Koronararterien am Herzen die Coronagefäße gemacht haben. Nichtsdestotrotz haben auch von den 136 erfolgreichen Abiturienten in Markt Schwaben sieben die Traumnote 1,0 erreicht, der Notendurchschnitt in Markt Schwaben liegt insgesamt bei 2,10 und damit besser als der bayerische Durchschnitt von 2,15 in diesem Jahr.

Dass ausgerechnet der Direktor des Franz-Marc-Gymnasiums in seiner Rede auf den Namensgeber der Schule in Vaterstetten, den großen Reisenden und Naturforscher Alexander von Humboldt abstellte, lag in der Analogie begründet, die Popp für seinen Ausblick auf die Zukunft der heutigen Abiturienten wählte: Sie stünden nun selbst vor einer Reise, und da bleibe es nicht aus, dass sich auch mal Unbequemes auftue, dass Gefahren gemeistert und Herausforderungen gemeistert werden müssten - selbst wenn den einen oder anderen die Reise nur zum Studieren ins benachbarte München führe, und für manchen die Herausforderung nur darin liege, den richtigen Hörsaal zu finden.

An der Hand genommen, so wie es bisher meist an der Schule geschehen sei, würden sie ja in Zukunft nicht mehr. Gerade Humboldt aber habe er auch gewählt, so Popp, weil seine Erkenntnisse eines Naturforschers und kritischen Geistes im Hinblick auf die gegenwärtige Situation in Europa und der Welt - Verbreitung von Krankheiten, Krieg in der Ukraine, die erkennbaren Grenzen des wirtschaftlichen Wachstums, die globale Umweltkrise - so aktuell wie nie seien. Im Hinblick darauf sei: "Stellt Euch den Herausforderungen. Seid berührt! Seid beteiligt" die letzte Aufforderung an den scheidenden Jahrgang, erklärte Popp.

Während der Markt Schwabener Gymnasiumsleiter also die Reise bemühte, für die Abenteuer, die auf die Abiturienten zukommen, malte die Direktorin des Grafinger Gymnasiums, Nicole Storz, das Bild eines Marathons. Eine Etappe ihre Lebens-Laufes hätten sie nun hinter sich gebracht. Es sei ein langer Lauf gewesen, der manchmal mit kleinen Umwegen, manchmal mit Stolpersteinen einher gegangen sei. Der aber auch von "Wasserträgern und Pausenbrotschmierern" begleitet wurde - womit sie Eltern und Lehrer meinte - die den Schülern auf ihrem langen Weg geholfen hätten. Mit Blick auf die Zukunft riet Storz den ehemaligen Schülern beweglich zu bleiben, sich nicht entmutigen zu lassen. "Lebenslange Beweglichkeit ist heute wichtiger denn je. Den Beruf, für den man sich einmal ausbilden lässt und den man dann ein Leben lang in ein und derselben Form ausübt, gibt es heute nicht mehr. Heute ist lebenslanges Lernen angesagt." Mehr noch als das Lernen aber, stellte Storz heraus, sei das Engagement wichtig, der Kampf für Überzeugungen - etwas, das diese Generation ohnehin könne. Sie habe es mit ihrem Kampf für Klima-und Umweltschutz schon unter Beweis gestellt. Gleichberechtigung der Geschlechter, der Hautfarben, der Nationen stünden auch auf der Agenda, für die es sich zu kämpfen lohne.

"Ein bisschen carpe diem darf es schon auch sein", sagte die Grafinger Schulleiterin Nicole Storz.

Doch nicht zuletzt gelte es, die die rechte Balance zwischen Zielstrebigkeit und Genuss zu heißen. "Das soll nicht heißen, dass ihr faul sein sollt! Aber ein bisschen carpe diem darf es schon auch mal sein." Und im Blick auf das Bild des Marathons erklärte sie: Es gebe Wichtigeres, als immer nur von A nach B zu kommen.

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