Süddeutsche Zeitung

Kolumne "Familie und andere Turbulenzen":Guten Abend, Eltern!

Natürlich wollen Eltern über das Kindergarten- und Schulleben informiert werden. Leider müssen sie dazu Elternabende besuchen - eine nervenaufreibende Tortur auf zu kleinen Stühlen.

Von Katja Schnitzler

Wo sitzen mindestens 25 Erwachsene in verkrampfter Haltung, rutschen nervös hin und her und wären am liebsten ganz woanders? Koalitionsrunde? Krisenkonferenz im Büro? Nein, wir befinden uns im Klassenzimmer: Es ist Elternabend, schon wieder.

Ein bis zweimal im Jahr werden Mütter und Väter in die Schule gebeten, um die wichtigsten Neuigkeiten von Angesicht zu Angesicht zu erfahren. Eine Notwendigkeit gerade am Schulanfang, wenn nicht nur den Kindern, sondern auch allen Erziehungsberechtigten klargemacht wird: Die schöne Ferienzeit ist vorbei, jetzt ist wieder Leistung gefragt. Auch von Ihnen, ja Ihnen da hinten!

Wer sonst sollte den Kindern die Hausaufgaben erklären, wenn Zweitklässler damit überfordert sind, sich eine völlig neue Rechenmethode selbständig zu erarbeiten? Offiziell machen die Schüler die Hausaufgaben natürlich allein. Wenn jedoch Fragen aufkommen, dann ... eben! Und wer sonst sollte die Englisch-Vokabeln abfragen und über das Erlernen der Hefteinträge wachen? Doch wohl nicht die Hausaufgaben-Betreuung, oder? Engagement, meine Damen und Herren, Engagement - es geht schließlich um die Zukunft Ihrer Kinder!

Die Eltern ziehen die Köpfe ein, fühlen sich latent schuldig und um Jahrzehnte zurückversetzt: Die Schule riecht wie früher schon, nach Kreide und nach großflächig, aber nicht immer sinnvoll verteiltem Putzmittel.

Pult und Stuhl holen die Erwachsenen in die Gegenwart zurück. Die Knie klemmen schmerzhaft unter dem niedrigen Tisch mit dem Ablagekorb. Die Beine ausstrecken geht auch nicht, sonst rutscht das Gesäß von der Sitzfläche. Die einzige Möglichkeit: Sich in einem 35-Grad-Winkel am Tischchen vorbeidrehen und die Beine möglichst so überschlagen, dass man nicht den Sitznachbarn von der nebenstehenden Schulbank tritt.

Erfahrene Lehrer nutzen den Fluchtreflex gepeinigter Eltern und kommen auf die wirklich unangenehmen Themen erst nach einer Stunde zu sprechen. Dann sind alle so mit ihren schmerzenden, kribbelnden oder scheintoten Körperteilen beschäftigt, dass sie nicht mehr in der Lage sind, den pädagogischen Ansätzen der Lehrkraft zu widersprechen. Nachsitzen, Strafarbeiten und der Hausaufgaben-vergessen-Pranger im Pausenhof? Egal, Hauptsache wir kommen hier schnell wieder raus!

"Was wollen Sie denn?", fragt der Lehrer daher ein halbes Jahr später die wütenden Eltern, die morgens zum Klassenzimmer stürmen, um gegen ungerechtfertigte Strafmaßnahmen zu protestieren. Ihr Kind musste gestern mal wieder länger bleiben, weil es sein Schulbuch vergessen hatte. "Das habe ich Ihnen doch beim Elternabend erklärt, da haben Sie sich auch nicht aufgeregt." Der Lehrer lächelt triumphierend, drückt die Klassentür zu und lässt sich zufrieden seufzend auf dem einzigen großen Stuhl im Raum nieder.

Vor der Tür reiben sich Mutter und Vater ratlos die Stirn: Nachsitzen, Pausenhof-Pranger? Wie hatte ihnen das beim Elternabend nur entgehen können? Heute erinnern sie sich nur noch mit Schaudern an ihre schmerzenden Glieder und an schier endlose Lobeshymnen, die andere Eltern auf ihren wohlgeratenen Nachwuchs anstimmten, nachdem sie eine Frage angetäuscht hatten ("Darf meine Tochter ein zusätzliches Mäppchen mit Stiften verwenden? Sie ist so kreativ in der Farbgestaltung und ihre Mallehrerin hat gesagt, wenn dieses Talent professionell unterstützt wird, dann ..."). Das zog den Abend in die Länge, ebenso wie heitere Kommentare aus den hinteren Reihen, die nie lustig waren.

War früher alles besser?

Den zeitlichen Rahmen sprengte dann die einstündige Wahl der Elternsprecher: Die stickige Luft im Klassenzimmer wurde von ausweichenden Blicken durchlöchert, weil niemand den Posten übernehmen wollte. Einer summte Reinhard Meys "Elternabend" (Text und Melodie): "Jetzt heißt es, sich ducken, sich tot stell'n, nicht aufmucken!" Ein Nervenkrieg, dem die aktuellen Elternvertreter nicht gewachsen waren. Kurz vor Mitternacht gaben sie auf und stellten sich zur Wahl. Sie bekamen alle Stimmen.

Doch waren die Elternabende zuvor im Kindergarten besser, weil kürzer? Immerhin ging es damals nicht um die Zukunft, sondern bestenfalls um die Frage, wer beim nächsten Sommerfest den Grill übernimmt. Und noch kein Lehrer torpedierte mit straffen Hausaufgabenplänen die Idee von einer glücklichen Kindheit inklusive nachmittäglichem Spiel mit Freunden.

Trotzdem zerrten solche Abende im Kindergarten an den Nerven, denn man war dort nicht allein. Die anderen Eltern waren leider auch da. Einige nutzten schon hier die Gelegenheit, ausführlich über ihr Kind zu reden. Und irgendwie auch über sich selbst. Bis es die anderen nicht mehr aushielten: Ob man vielleicht zum Ende kommen könne, bevor die Sonne wieder aufgehe?

Wenn dann das Licht in den Spielräumen und Klassenzimmern endlich verlosch und sich die erschöpften Mütter und Väter nach Hause schleppten, sangen sie auf nachtleeren Straßen resigniert die letzte Liedzeile von Reinhard Mey: Der nächste Elternabend kommt bestimmt.

Wie überstehen Sie den Elternabend? Verraten Sie uns Ihre Tipps und Tricks in den Kommentaren unter der Kolumne.

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