Süddeutsche Zeitung

Netflix-Serien nach wahren Ereignissen:Wenn ihr wüsstet

Das Gefühl, sich mit einem historischen Ereignis bestens auszukennen, obwohl man nur eine Serie gesehen hat: Sind die Netflix-Experten das neue Bildungsbürgertum?

Von David Steinitz

"Meine größte Angst war, dass sich die Geschichte wiederholt." Das sagte Prinz Harry Anfang der Woche in einem Fernsehinterview, in dem seine Frau Meghan und er mit dem britischen Königshaus abrechneten. Damit spielte Harry natürlich auf seine verstorbene Mutter Diana an, die in seinen Augen von seiner Familie wohl genauso gequält und gemobbt wurde wie seine Ehefrau.

In der Schreibstube der Netflix-Serie "The Crown" dürften die Drehbuchautorinnen und Drehbuchautoren ihr Glück kaum fassen können: Die königliche Familie liefert ihnen dermaßen viel Schlammschlachtmaterial, dass sie auch nach vier Staffeln über die Regentschaft von Queen Elizabeth II. noch genug Stoff für ungefähr 1000 weitere Folgen haben dürften.

Als hätten Meghan und Harry es zur Vorbereitung auf ihr Interview bestellt, waren die Macher von "The Crown" zuletzt in der Diana-Ära des britischen Königshauses angekommen. Sie erzählten, wie die junge Frau zu Prinz Charles' Gattin wird und zur Mutter von William und Harry; wie sie unter der Verachtung der Königsfamilie leidet und unter ihrem Mann, der eine andere liebt.

Mexikanischer Drogenkrieg, amerikanische Exekutive, wir wissen Bescheid

Wenn Prinz Harry seine Sorge ausdrückt, dass die Geschichte sich wiederholen könne, nickt man als fleißiger Zuschauer natürlich sofort wissend. Oh ja, diese Geschichte: Diana, die von Prinzessin Margaret vor der versammelten Royal-Mannschaft aufs Schrecklichste gedemütigt wird, weil sie das Hofzeremoniell nicht beherrscht. Prinz Charles, der täglich mit seiner Geliebten Camilla telefoniert. Kein Wunder, dass Diana bei einer Reise nach Australien komplett ausrastet. Wir wissen, wie es war, Netflix sei Dank.

Dummerweise hat keine der geschilderten Szenen in dieser Form stattgefunden. Sie sind alle Erfindungen des Drehbuchteams um den Showrunner Peter Morgan.

Das Gefühl, sich mit einem historischen Ereignis bestens auszukennen, obwohl man nur eine Serie gesehen hat, die sich lose auf wahre Begebenheiten beruft, ist ein Phänomen, das weit über "The Crown" hinausgeht. Denn das Streaming-Zeitalter hat einen neuen Typus des Bildungsbürgers hervorgebracht: den Netflix-Experten. Er kennt sich mit dem britischen Königshaus genauso gut aus wie mit dem mexikanischen Drogenkrieg und den Regeln der amerikanischen Exekutive. Dass große Teile dieses Wissens nicht aus einem Studium der Materie stammen, sondern aus "The Crown", "Narcos" und "House of Cards" - geschenkt. Nach vierzig Stunden "The Crown" hat man eben das Gefühl, Prinz Philip hätte einem die ganzen Intrigen persönlich beim Whisky im Palast erzählt.

Der Geschlechtergerechtigkeit halber sollte man erwähnen, dass es vermutlich auch Netflix-Expertinnen gibt. Aber Menschenwesen, die mit einer unangenehm über Zimmerlautstärke erhobenen Stimme nach dem dritten Bier ungefragt erklären, wie das mit Dianas Reitlehrer und Escobars Kokain wirklich war, sind in der Regel: Männer.

Das Paradoxe am Netflix-Expertentum, das natürlich auch HBO-Expertentum oder Amazon-Expertentum heißen könnte: Einerseits scheint es vielen Menschen egal zu sein, mit welchem Halbwissen sie da um sich werfen. Andererseits sind viele Menschen schwer beleidigt, wenn sie merken, dass die Macher einer fiktiven Serie es wagen, Sachen zu erfinden.

Etwas dazuerfinden? Das missfällt der "Wetten, dass..?"-Mentalität

Nach dem Start der vierten "Crown"-Staffel zum Beispiel erschien ein wahrer Shitstorm an Artikeln, in denen aufgeregte Historiker penibel auflisteten, was alles falsch sei. Als wäre es die Aufgabe von Netflix, die offizielle Geschichtsschreibung des britischen Königshauses zu übernehmen. Ähnliches spielte sich bei der HBO-Serie "Chernobyl" ab, bei der moniert wurde, sie erkläre dem Zuschauer nicht alle Geheimnisse der Kernphysik.

Dabei können Filmemacherinnen und Filmemacher gerade durch ihre künstlerische Freiheit die Essenz bestimmter Ereignisse manchmal besser destillieren als die Geschichtswissenschaft. Nehmen wir Prinzessin Diana: Anstatt jede verbürgte kleine Stichelei gegen sie in Szene zu setzen, was die Dramaturgie sprengen würde, erklärt die Demütigung durch Prinzessin Margaret auf den Punkt genau, wie es ihr im Palast erging - obwohl die Szene erfunden ist. Der kluge "The Crown"-Schöpfer Peter Morgan, der bereits Filme über Idi Amin, Richard Nixon und Niki Lauda schrieb, in denen er selbstverständlich viel dazuerfunden hat, erklärt diese Methode so: "Manchmal muss man auf Exaktheit verzichten - aber man darf niemals auf die Wahrheit verzichten."

Traditionell hadert man aber in Europa und besonders in Deutschland mit allem, was nicht "echt" ist. Das liegt an einer psychoanalytisch hochinteressanten "Wetten, dass..?"-Mentalität, in der es überlebenswichtig ist, ob Günther aus Mannheim wirklich ohne Trick mit seinem Schaufelbagger sieben wachsweiche Eier köpfen kann.

Den Amerikanern war das schon immer wurscht. Sie wissen eine gute Show mindestens so sehr zu schätzen wissen wie die Wahrheit. Weshalb Meghan und Harry ja auch nicht irgendwohin, sondern nach Hollywood geflohen sind. Besonders Meghan, die Schauspielerin, dürfte wissen, dass ein Teil der sogenannten Wahrheit auch ist, dass bei historischen Ereignissen, die zu popkulturellen Phänomenen werden, irgendwann die Grenzen verschwimmen.

Weshalb die Autoren von "The Crown" garantiert brüllend auf dem Boden lagen vor Lachen, als der Exklusivdeal von Meghan und Harry mit Netflix verkündet wurde. Diese Verquickung von Realität und Fiktion ist ein Futter für die Netflix-Experten, das man sich wirklich nicht mehr ausdenken kann.

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