Süddeutsche Zeitung

"Monuments Men" im Kino:Andächtig starren die Suppentassenaugen

George Clooneys "Monuments Men - Ungewöhnliche Helden" erzählt von der Suche nach von den Nazis geraubten Kunstwerken. Eine tolle Story, die der Regisseur nur leider spannungsmäßig verschenkt. Weil er zu wenig vom Thema versteht.

Am Anfang sieht die Sache aus, als hätte George Clooney aus der Jagd nach der Kunst einen Abenteuerfilm gemacht. Da schart der New Yorker Kunsthistoriker Frank Stokes eine Truppe um sich, mit der er sich 1944 in Europa auf die Suche nach von den Nazis verschleppter Kunst machen will: die Monuments Men. Stokes - das ist Clooney selbst - und seine Jungs aus der Museums-Szene, gespielt von Bill Murray, Matt Damon, Bob Balaban und John Goodman, folgen den alliierten Invasionstruppen nach Europa.

Das ist ganz lustig und funktioniert so ähnlich wie der Anfang von "Ocean's Eleven", wenn Danny Ocean, auch wieder Clooney, seine Leute zusammentrommelt. Was aber auch wiederum nur eine Hommage war, an Paul Newmans Henry Gondorff und seine Trickbetrüger-Bande in "Der Clou" - und ihren kleinen, fiesen Rachefeldzug mit gefakten Pferdewetten. Darf man so einen Film anfangen, wenn man von der echten Suche nach Raubkunst am Ende des Zweiten Weltkriegs erzählen will?

Das Kino ist nicht für Geschichtsstunden zuständig

Klar. Das Kino ist nicht für Geschichtsstunden zuständig, Fakten sollte man sich anderswo verschaffen. Film ist eine eigenständige Kunstform, bei der es wie bei jeder anderen dazugehört, einen Gegenstand zu betrachten, zu formen oder zu verfremden. Ein witziger Abenteuerfilm wäre eine Art, mit den Monuments Men umzugehen.

Leider ist es mit dem flapsigen Tonfall dann schnell vorbei. Die Sache wird ernst, bald sind noch ein junger, jüdischer Soldat mit Deutschkenntnissen, ein englischer Adliger (Hugh Bonneville, sonst Herr über "Downton Abbey") und ein Franzose ("The Artist"-Star Jean Dujardin) mit von der Partie.

James Granger (Damon), im zivilen Leben Kurator des Metropolitan Museum, wird zur Spurensuche nach Paris geschickt und trifft dort auf Claire Simon (Cate Blanchett), die während der Besatzungszeit im Musée du Jeu de Paume gearbeitet hat und eindeutig einiges darüber weiß, wohin die Nazis welche geraubten Kunststücke geschafft haben. Ihr akribisch gesammeltes Geheimwissen muss er ihr allerdings aus der Nase ziehen. Sie geht davon aus, dass die Amerikaner sich nur für den Verbleib dieser Werke interessieren, weil sie diese sich selbst unter den Nagel reißen wollen.

Wollen sie nicht, sie wollen aufrichtig alles zurückgeben - wir sind hier in einem George-Clooney-Film, und dass er und sein Co-Autor Grant Heslov aus dem Buch von Robert M. Edsel über die Monuments Men einen Film machen wollten, ist genau an dieser Aufrichtigkeit festzumachen: Clooney will von Zeiten erzählen, als amerikanische Soldaten noch loszogen und ihr Leben riskierten für die gute, die richtige Sache - und nicht einfach nur, um Öl, Reichtum oder Macht zu sichern.

Das geht nicht gut

Clooney hat als Regisseur insgesamt fünf Filme gemacht, und dass zwei davon großartig sind, liegt daran, dass er sich auf einem Terrain bewegt, von dem er richtig viel versteht: "Good Night, and Good Luck" feiert den Widerstand eines Journalisten in der McCarthy-Ära, "The Ides of March" seziert die Ränkespiele im Hintergrund politischer Kampagnen. Diesmal wagt er sich aus seinem angestammten Gebiet hinaus - und das geht nicht gut.

Das Problem sind dabei nicht die dramaturgischen Freiheiten, die sich Clooney nimmt. Kann schon sein, dass er sich von den tatsächlichen Monuments Men so weit entfernt hat, dass er die Figuren umtaufen musste - man würde aber von Picasso auch keinen Fotorealismus erwarten. Clooney will die Ereignisse als Heldenepos interpretieren, als Kampf für die gerechte Sache; das Ergebnis ist nur leider ein wenig spannungsarm. Es entsteht kein Schaden, aber auch nicht viel Mehrwert. "Monuments Men" hat das Herz am rechten Fleck, aber nicht alle Sinne beisammen.

Dekorativ, aber unoriginell

Clooney erzählt "Monuments Men" nicht mit der Leidenschaft, die man von ihm gewohnt ist. Er weiß - davon lebten "Good Night" und "Ides" - sehr genau, warum die Demokratie jede Mühe wert ist; aber zu den Werken, die in diesem Film unter Einsatz von Leib und Leben gerettet werden, entwickelt der Film kein Verhältnis. Sie bleiben tote Dinge in Kisten. Ist die Kunst es wert, für sie zu sterben? Stokes ist sich sicher: Ja. Weil Kunst unsere Geschichte abbildet. Das ist nicht falsch, aber auch irgendwie ein Allgemeinplatz. Mehr Antworten gibt es nicht, nicht in den Dialogen und nicht in den Bildern. Alles bleibt sehr dekorativ, aber unoriginell - die geraubte Madonna von Michelangelo, die die Monuments Men durch den Film jagen, ist bloß ein schönes Stück Stein. Andächtig wird sie angestarrt, mit Suppentassenaugen.

So kommt es dann, dass Clooney mit sehr angestaubten Kunstgriffen versucht, Emotionen künstlich zu erzeugen, die sich partout nicht von allein ergeben wollen. Rührung, wenn Jean Dujardin und John Goodman einen winzigen Nachwuchs-Wehrmachts-Scharfschützen an den Ohren abführen; Ehrgefühl, wenn die ganze Truppe in einem suizidalen Anfall beschließt, Matt Damon Gesellschaft zu leisten, während er von einer Landmine heruntersteigt; Erotik, wenn Cate Blanchett versucht, Damon flachzulegen, mit einer Verführungstechnik, die bestenfalls als Kabarettnummer taugt.

Unaufgeregte, coole Großzügigkeit

Da ist dann Clooneys Schlagabtausch mit Londons Bürgermeister Boris Johnson fast lustiger. Clooney hatte in einer Pressekonferenz zum Film gesagt, eigentlich müssten die Elgin Marbles aus dem British Museum nach Griechenland zurückgegeben werden - eine kühne, aber nicht komplett abwegige Aussage.

Johnson polterte daraufhin los, Clooney wolle, wie einst Hitler, Britannien plündern - und solle "auf seinen Geisteszustand untersucht" werden. Inzwischen hat Clooney in der Huffington Post ganz ernsthaft darauf hingewiesen, dass der Weg, auf dem die Steinskulpturen nach London kamen, tatsächlich gegen die heutigen Regeln der Unesco verstoße - und süffisant angemerkt, Johnsons Hitler-Vergleich habe vielleicht mit ein paar Gläsern Whisky zu tun: "So was ist mir auch schon passiert, ich nehme ihm das nicht übel." Unter anderem wegen dieser unaufgeregten, coolen Großzügigkeit ist der Mann so populär. Und daran wird dieser Film auch nichts ändern.

Monuments Men, USA 2013 - Regie: George Clooney. Mit: George Clooney, Matt Damon, Bill Murray, Cate Blanchett. Fox, 119 Minuten. In deutschen Kinos ab dem 20. Februar 2014.

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SZ vom 19.02.2014/mfh/rus
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