Süddeutsche Zeitung

JU-Landesversammlung:Für Söder hagelt es Freundlichkeiten

Keiner sagt es offen, aber auf der JU-Landesversammlung wird schnell klar, für wen der Parteinachwuchs als CDU-Chef und Kanzlerkandidaten sein dürfte: für Gesundheitsminister Jens Spahn und den CSU-Vorsitzenden Markus Söder.

Von Andreas Glas

Es ist Samstag, Landesversammlung der Jungen Union, Auftritt Markus Söder. Manchmal, sagt der Ministerpräsident, seien Aufritte bei der JU "Weggabelungen". Manchmal gebe es hier "großartige Schilderwälder". Worauf er anspielt: die berühmte Szene im Erlanger Kongresszentrum, JU-Landesversammlung 2017. Damals, nach seiner Rede, warteten rund hundert JU-Leute im Foyer, mit Schildern in der Hand: "MP Söder". Und: "Die Zeit ist reif". Erst zögerte Söder, damals Finanzminister, dann stellte er sich dazu, für ein Gruppenfoto. Das war die Weggabelung, von der Söder (CSU) spricht, man könnte auch sagen: sein Karriere-Coming-Out. Die Botschaft war: Ja, ich will Ministerpräsident werden. Und jetzt, JU-Landesversammlung 2020? Rätseln wieder alle über Söders Pläne. Und wieder gibt sich die JU große Mühe, diese Karriere anzuschieben.

Nein, offen wirbt JU-Chef Christian Doleschal nicht dafür, dass Söder der gemeinsame Kanzlerkandidat von CDU und CSU werden soll. Er formuliert es so: Am Ende solle derjenige kandidieren, der "die besten Erfolgsaussichten hat". Wer das derzeit ist, weiß Doleschal natürlich. Erst kürzlich wieder, ZDF-Politbarometer: 58 Prozent der Deutschen halten Söder für kanzlertauglich. Die CDU-Kandidaten Friedrich Merz (30), Armin Laschet (27) und Norbert Röttgen (25) liegen weit dahinter. Söder spielt solche Umfragen gern runter, auch am Samstag, bei seinem JU-Auftritt. "Die CDU ist die große Schwester" und habe das Vorschlagsrecht für den Kanzlerkandidaten der Union. Für den Parteivorsitz habe die CDU jedenfalls "drei ganz gut geeignete Persönlichkeiten", sagt Söder, für die Öffentlichkeit gebe es vielleicht sogar "noch mehr" Kandidaten.

Wen er meint, sagt Söder nicht, natürlich nicht. Aber ein Name kursiert hartnäckig: Jens Spahn, Bundesgesundheitsminister. Das ist ja ein Szenario, das sich einige in der Union wünschen, auch in der bayerischen JU: Dass Laschet seinem Verbündeten Spahn doch noch den Vortritt beim Parteivorsitz lässt - und so den Weg freimacht für einen Kanzlerkandidaten Söder. Man werde sich nicht einmischen in die Debatte um den CDU-Parteivorsitz, sagt JU-Chef Doleschal - bevor er den Mann ankündigt, den die CSU-Jugend als Gastredner geladen hat, zugeschaltet aus Berlin. "Lieber Jens Spahn, schön, dass du bei uns bist", sagt Doleschal. "Die JU Bayern steht an deiner Seite."

Der Name Laschet fällt in Spahns Rede nicht. Dafür lobt er Söder. Auch ihm sei es zu verdanken, dass CDU und CSU "wieder so eng" seien, nach Jahren des Streits. Überhaupt sei Streit nichts, "was wir brauchen können", sagt Spahn mit Blick auf die Debatte um CDU-Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur, beste Grüße an Friedrich Merz. "Es hilft ja niemandem, wenn man Kandidat wird, wenn man dann nicht anschließend auch eine Chance hat, Kanzler zu werden." So sieht das bekanntlich auch Doleschal, der Spahn zum Abschied noch mitteilt, dass er sich "auf ein spannendes nächstes Jahr mit dir, mit Markus Söder" freue. Würde die bayerische JU entscheiden, stünden sowohl der CDU-Chef als auch der Kanzlerkandidat der Union fest, so wirkt es jedenfalls. Selbst die Dekoration des Studios, aus dem die JU ihre virtuelle Landesversammlung sendet, kann man als Plädoyer verstehen. An der Wand: das Poster mit dem bekannten Foto, das wiederum den jungen Söder vor dem Strauß-Poster zeigt, das in seinem Jugendzimmer hing. Neben dem Moderationstisch: eine Stoiber-Pappfigur, maskiert mit Mundschutz. Strauß und Stoiber, so hießen bekanntlich die beiden Kanzlerkandidaten in der CSU-Historie.

Und Söder? Begegnet den Kanzlerspekulationen mal wieder auf seine ganz spezielle Art. Er wolle seine Aussagen nicht "mit personellen Vorentscheidungen" verbunden wissen. Und, klar, sein Platz sei "hier in Bayern". Aber wenn die CDU voraussichtlich im Januar ihren Parteichef gewählt habe, müsse die Union gemeinsam besprechen, "in welcher Formation wir die größten und besten Chancen haben, erfolgreich zu sein", sagt Söder. Da auch er weiß, wem die Umfragen die besten Chancen einräumen, dürfte dieser Satz nicht zwingend zur Beruhigung der Kollegen Merz und Laschet beitragen.

All diese Sätze und Nebensätze verblenden fast den Blick auf das, was bei JU-Landesversammlungen traditionell auf dem Prüfstand steht: das Verhältnis zwischen dem CSU-Vorsitzenden und dem Parteinachwuchs. In der Corona-Krise folgt die JU ihrem Chef, das wird am Samstag deutlich. Für Söder hagelt es Freundlichkeiten. Doch es gibt einen Moment, der offenbart, dass die JU auch ihre Schwierigkeiten mit Söders Kurs hat, konkret: mit dessen Forderung nach einer Frauenquote für Dax-Vorstände. Die JU sei doch eigentlich auch für Quoten, "aber sagt es nicht so richtig", feixt Söder. Der JU-Chef findet das nicht lustig. Die CSU sei eine "marktwirtschaftliche Partei", sagt Doleschal, die Haltung der JU zu Frauenquoten "ist klar", heißt: die JU ist dagegen.

Dann ist Söders Auftritt zu Ende. Er verlässt das Studio im zweiten Stock der Parteizentrale, federt die Stufen hinunter ins Foyer. Dort warten, pandemiebedingt, keine hundert JU-Leute auf ihn, keiner hält diesmal Schilder hoch, die "Kanzler Söder" fordern. Man muss es ja auch nicht gleich übertreiben.

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Quelle:
SZ vom 16.11.2020/baso
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