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Nobelpreis für Medizin:Lebensretter für Millionen

Beinahe so wichtig wie Antibiotika: Die drei Medizin-Nobelpreisträger entwickelten Medikamente gegen Parasitenkrankheiten und Malaria. Beifußgewächse spielten eine entscheidende Rolle.

Selten dürften wissenschaftliche Entdeckungen so viele Leben gerettet haben, wie die der drei Forscher, die in diesem Jahr mit dem Nobelpreis für Medizin geehrt werden. Der irische Parasitologe William Campbell und der japanische Pharmakologe Satoshi Ōmura teilen sich eine Hälfte des Preisgeldes für die Entwicklung von Wirkstoffen, die als Avermectine bezeichnet werden und von Wurmparasiten verursachte Krankheiten heilen. Die zweite Hälfte bekam die chinesische Pharmakologin Youyou Tu für die Entdeckung der Substanz Artemisinin gegen den Erreger der Malaria zuerkannt.

Das Nobelkomitee schätzt, dass dank dieser Mittel jedes Jahr mehr als 100 Millionen Menschen von parasitären Infektionen kuriert werden können. Ähnlich wirkmächtig dürfte nur die Entdeckung der Antibiotika gewesen sein, die im Jahr 1945 mit dem Medizinnobelpreis gewürdigt worden waren.

Nach Angaben der Nobelstiftung ist ein Drittel der Weltbevölkerung von einer Infektion mit Band-, Saug- und Fadenwurm-parasiten bedroht. Die Hälfte der Weltbevölkerung lebe in Regionen, in denen der Malariaerreger verbreitet ist. Im Laufe der Entwicklungsgeschichte des Homo sapiens haben sich die Erreger immer besser an ihren Wirt angepasst und gelernt, die Immunabwehr auszutricksen. Jahrzehntelang verlief die Entwicklung von Wirkstoffen gegen parasitäre Erkrankungen sehr schleppend. Erst die Entdeckungen der diesjährigen Medizinnobelpreisträger wendeten in den 1970er und -80er Jahren das Blatt.

Avermectin hilft gegen Parasiten und Zecken, Läuse und Milben

Der 1935 geborene Satoshi Ōmura hatte sich zum Ziel gesetzt, nützliche Therapeutika aus Bakterien und anderen Mikroorganismen zu gewinnen. Dazu musste er zunächst Methoden entwickeln, um die Mikroben im Labor züchten zu können. Aus seinen Mikroben begann er dann, einzelnen Substanzen zu gewinnen, von denen er hoffte, dass sie irgendeine pharmakologische Wirkung zeigen würden. Der damals bereits in den USA arbeitenden William Campbell (Jahrgang 1930) bekam einige von Ōmuras Extrakten zugesandt und probierte sie zunächst an Tieren aus. Schnell zeigte sich, dass eines der Präparate Parasiten im Organismus von Haus- und Farmtieren bekämpfte.

Die beiden Wissenschaftler fanden schließlich heraus, dass eine Substanz, der sie den Namen Avermectin gaben, für den Effekt verantwortlich war. Chemisch modifiziert für einen stärkeren Effekt hilft dieser Wirkstoff heute nicht nur gegen Parasiten im Inneren des Körpers, sondern bekämpft auch Zecken, Läuse und Milben auf der Haut. Ōmura hat neben Avermectin mehr als 400 weitere Stoffe mit Wirkpotenzial entdeckt, darunter verschiedene Antibiotika und Substanzen, die gegen Krebs helfen könnten. 1997 hatte er bereits die Robert-Koch-Medaille bekommen. Die Bakterien, die das Avermectin produzieren, habe er in der Nähe des Golfplatzes gefunden, auf dem er damals regelmäßig gespielt habe, erzählte Ōmura am Montag.

Moderne Forschung kombiniert mit traditioneller chinesischer Medizin

Auch die 1930 geborene Youyou Tu ließ sich bei der Suche nach einem Wirkstoff gegen Malaria von der Natur inspirieren. Sie fand im Einjährigen Beifuß mit Artemisinin eine Substanz, die den Malariaparasiten sehr zuverlässig bekämpft. Sie hatte systematisch in Pflanzenextrakten nach chemischen Verbindungen gefahndet, die den Erreger des Tropenfiebers angreifen.

Ein Extrakt aus dem Einjährigen Beifuß zeigte 1971 in einem ersten Test an malariainfizierten Tieren vielversprechende Ergebnisse, die sich aber zunächst nicht wiederholen ließen. Erst nachdem Tu den Wirkstoff Artemisinin identifiziert und in hoher Konzentration aus dem Pflanzenmaterial gewonnen hatte, stellte sich der gewünschte Erfolg bei den Versuchstieren ein.

Tu habe für ihren Durchbruch moderne Forschung mit dem Wissensschatz der traditionellen chinesischen Medizin kombiniert, erklärte die Nobelstiftung. Bis heute ist der Wirkstoff in Kombination mit anderen Präparaten das wirksamste Mittel gegen Malaria. Unter Kombinationstherapie sinkt die Sterblichkeit von Infizierten um 20 Prozent, bei Kindern sogar um 30 Prozent.

Hunderte Millionen Menschen leiden an diesen Krankheiten

Etwa 100 Länder weltweit sind von Malaria betroffen. Die Erreger des Sumpffiebers - Einzeller der Gattung Plasmodium - werden von Anopheles-Mücken beim Blutsaugen übertragen. Nach neuesten Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vom September gab es in diesem Jahr bereits rund 214 Millionen Neuerkrankungen, etwa 438 000 Menschen starben daran. Die meisten der Opfer sind Kinder unter fünf Jahren. Immerhin ist die Zahl der Malariatoten im Vergleich zum Jahr 2000 weltweit um 47 Prozent zurückgegangen.

Das Tückische an der Malaria tropica, der gefährlichsten Variante, sind die häufigen Komplikationen. Typisch ist eine Bewusstseinsstörung. Vor allem bei Schwangeren und Kindern sackt der Blutzuckerspiegel manchmal so stark ab, dass die Patienten ins Koma fallen. Todesursache ist in der Regel das Versagen mehrerer Organe.

Experten sehen Nobelpreis-Entscheidung als politische Botschaft

Noch mehr Menschen leiden an Wurmparasiten. Allein in Afrika sind 40 Millionen Menschen mit dem Wurm Onchocerca volvulus infiziert, dem Erreger der Onchozerkose oder Flußblindheit. Die Wurmlarven werden durch blutsaugende Kriebelmücken auf den Menschen übertragen. Dann lagern sich die Parasiten im Bindegewebe ein. Den größten Schaden richten sie an, wenn sie die Augen erreichen. Wird die Krankheit nicht behandelt, erblindet jeder zehnte befallene Patient.

Weltweit mehr als 100 Millionen Menschen sind an der Lymphatischen Filariasis, besser bekannt als Elefantenkrankheit, erkrankt. Sie entstellt ihre Opfer auf grausame Weise: Beine, Brüste und Genitalien schwellen an und entzünden sich chronisch. Ähnlich wie die Flussblindheit wird auch die Elefantenkrankheit durch parasitäre Würmer verursacht, deren Larven von Mücken übertragen werden. Die Würmer lagern sich im Lymphsystem ein und verursachen dort Staus, die zu gigantischen Schwellungen führen.

Der Parasitologe Egbert Tannich vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg sieht die Entscheidung des Nobel-Komittes auch als politische Botschaft. Es gehe um Krankheiten, die Menschen in armen Ländern betreffen.

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SZ vom 06.10.2015/mahu
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