Süddeutsche Zeitung

Bahnstreik der GDL:Gefährlicher Schwund der Solidarität

Wenn die Bahn streikt und vermutlich auch noch die Kitas, ruiniert das den eng getakteten Alltag vieler Familien. Das hat auch für die Gewerkschaften Konsequenzen - denn sie machen sich den Bürger zum Gegner.

Die nächsten Wochen werden übel. Erst streiken die Lokführer, und, wenn die Urabstimmung entsprechend ausgeht, auch noch das Personal in den Kinderbetreuungsstätten. Wer in jenen Jahren steht, die man verniedlichend "Rushhour des Lebens" nennt, wer seinen Alltag also zwischen Familien- und Arbeitsleben so streng durchgetaktet hat, dass oft zehn Minuten über den Unterschied zwischen Belastung und Stress entscheiden, der hat nun schon vor Streikbeginn eine rechte Wut im Bauch.

Als Beispiel einer dieser alltäglichen Extremfälle: Zwei Kinder sind in Betreuungseinrichtungen mit unterschiedlichen Abholzeiten untergebracht, die schwächelnden Großeltern wollen versorgt und zwei nicht ganz tarifgerechte Arbeitstage bewältigt werden. So ein Alltag ist wie ein Mikadospiel. Verrutscht da was, bricht alles zusammen.

Und dennoch spaltet sich die Wut in diesen Tagen. Für die Erzieher und Betreuer gibt es im Allgemeinen Verständnis. Immerhin kümmern die sich für relativ wenig Lohn darum, dass es den geliebten Kindern nicht nur gutgeht, sondern dass sie sich auch noch pädagogisch wertvoll angeleitet weiterentwickeln.

Weselskys Reden mit revanchistischem Beiklang

Für die Lokführer aber, die ja in einem Betrieb arbeiten, der bis vor nicht allzu langer Zeit zur staatlichen Infrastruktur gehörte, die mit den gefühlt immer höheren Steuern bezahlt wurde, fehlt jedes Verständnis. Das liegt vor allem am GDL-Chef Claus Weselsky, der den Arbeits- auch als Machtkampf führt und dabei Reden mit revanchistischem Beiklang führt. Er spricht von der Bahn, vom Bund und von der Regierung in einem Ton, bei dem man das Gefühl nicht loswird, der ehemalige DDR-Lokführer setze da im Kopf immer ein "Wessi" als Vorsilbe dazu. Und dann will er ja nebenbei auch noch die andere Bahngewerkschaft EVG entmachten.

Wirtschaftlich und arbeitsrechtlich wird Weselsky vielleicht triumphieren. Was er aber gesellschaftlich erreicht, ist eine gefährliche Entsolidarisierung. Die hat längst begonnen, denn hier prallt die Vergangenheit der Arbeitswelt auf neue Realitäten. In einigen Branchen ist die Festanstellung jetzt schon ein Statussymbol. In vielen der Familien, deren Alltag nun zum Kollateralschaden der Arbeitskämpfe wird, arbeitet mindestens einer der beiden Elternteile vermutlich freiberuflich - auch weil die Flexibilität der freien Arbeit für das Familien-Multitasking immer zwingender wird. Mit Auftraggebern kann man aber nicht so einfach um Aufschub, Verständnis oder ein paar Tage im Home Office verhandeln. Der Auftrag ist dann einfach weg. Und damit auch das Geld.

So aber wird der Streik gefühlt zum Privileg. Das ist er aber nicht. Er ist ein Recht, und wie jedes Recht sollte man das nicht missbrauchen. Für Machtkämpfe zum Beispiel. Oder für einen Arbeitskampf, der eben nicht jene Entscheidungsträger trifft, die man in den romantisierten Frühzeiten der Gewerkschaften als "Bosse und Bonzen" beschimpfen durfte. Klar, es trifft Wähler. Doch bis die etwas erreichen, dauert es meist Jahre.

Sixt-Mitarbeiter des Monats: Weselsky

Diese Entsolidarisierung hat langfristig einen fatalen Verstärkereffekt. Mit jedem Streik tun sich Lücken auf, die den Arbeitskampf noch schwerer machen. In diesen Tagen streikt auch hin und wieder mal die Post. Wer da vor einer verschlossenen Zweigstelle steht, um das Paket eines Versandhändlers abzuholen (weil man mit Interneteinkäufen ja sonst viel Zeit spart), der wird bei der nächsten Bestellung wohl einen privaten Paketdienst anklicken. Der wiederum bezahlt seinen Auslieferern noch weniger als die Post ihren Boten. Gewerkschaften gibt es dort selten, nur Günter Wallraff war schon da.

Die Autoverleihfirma Sixt hat das bei der vorherigen Bahnstreikrunde sehr lustig auf den Punkt gebracht, als sie ganzseitige Anzeigen mit dem Konterfei Weselskys schaltete, unter dem der Satz stand "Schon wieder Mitarbeiter des Monats". Dazu der Hinweis, dass es an vielen Bahnhöfen auch einen Autoverleih gibt. Fernbusse und Carsharing-Agenturen profitieren auch schon. Misst irgendein Institut eigentlich gerade nach, ob der Bahnstreik auch die Luft belastet? Und was ist mit den Unfallzahlen? Gewerkschaften haben in der Vergangenheit ja nicht nur für höhere Löhne gekämpft, sondern auch für sichere und saubere Arbeitsbedingungen.

In jedem Kampf muss man sich seine Gegner gut aussuchen. Die Bürger sind die falschen. Als Zahlen bekannt wurden, dass Erzieher oft mehr verdienen als Lokführer, bröckelte übrigens auch die Solidarität der Eltern. So werden die Gewerkschaften also zu Buhmännern der Nation. Die Bahn sollte das eigentlich freuen, denn über die regt sich gerade ausnahmsweise niemand auf.

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SZ vom 05.05.2015/dayk
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