Süddeutsche Zeitung

Hauptversammlung:Drei Szenarien für Lufthansa

Staatseinstieg, Schutzschirm, Kapitalerhöhung? Am Donnerstag geht es um die Zukunft der Fluglinie.

Von Jens Flottau

Dieser Donnerstag wird ein entscheidender Termin für das Schicksal von Deutschlands größter Fluglinie werden. Auf einer außerordentliche Hauptversammlung der Lufthansa wird über das staatliche Rettungspaket in Höhe von rund neun Milliarden Euro abgestimmt. Vorstand und Aufsichtsrat hoffen, dass die Investoren den Plan genehmigen. Dafür ist eine Zwei-Drittel-Mehrheit der für die Veranstaltung registrierten Aktionäre nötig.

Doch weil sich nur 38 Prozent angemeldet haben, hängt alles am größten Einzelaktionär Heinz Hermann Thiele. Dieser hält gut 15 Prozent der Anteile. Thiele kritisiert die Staatsbeteiligung und die Bedingungen, zu denen die Bundesregierung bereit ist, zu helfen. Für die Lufthansa gibt es nun mehrere Szenarien.

Die erste Variante - und diejenige, auf die Vorstand, Aufsichtsrat und viele Mitarbeiter hoffen - ist: Thiele stimmt dem Rettungspaket zu. Die andere Möglichkeit: Thiele lehnt das Paket ab. Lufthansa könnte dann ein Schutzschirmverfahren beantragen. Doch es gibt noch eine dritte Möglichkeit: Sollte Thiele bei der Hauptversammlung mit Nein stimmen, könnte die Bundesregierung beschließen, den Rettungsplan so abzuändern, dass die Lufthansa nicht mehr auf die Zustimmung der Aktionäre angewiesen ist.

Bislang hatte Finanzminister Olaf Scholz (SPD) Nachverhandlungen zwar ausgeschlossen. Nach SZ-Informationen hat sich nun aber der interministerielle Ausschuss des Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) für Donnerstagabend zu einer Telefonkonferenz verabredet, um die Causa Lufthansa zu besprechen. Doch was würde in diesen drei Szenarien konkret passieren und welche Folgen hätte das? Ein Überblick.

Szenario 1 - Thiele stimmt zu

Szenario 1 - Thiele stimmt zu In diesem Fall würde der Staat über den WSF einen Anteil von zunächst 20 Prozent an der Lufthansa für den Nominalwert von 2,56 Euro pro Aktie kaufen. Er würde sich die Option offenhalten, weitere fünf Prozent plus eine Aktie zu übernehmen, um eine mögliche feindliche Übernahme verhindern zu können. Der WSF geht auch zwei stille Beteiligungen im Wert von insgesamt 5,7 Milliarden Euro ein. Die KfW stellt zusammen mit privaten Banken (600 Millionen) Kredite in Höhe von insgesamt drei Milliarden Euro zur Verfügung. Für die Beteiligung gilt ein ambitionierter Rückzahlzeitplan, die Zinsen steigen, je länger Lufthansa auf die Hilfen angewiesen ist. Der Bund könnte seine Beteiligung auch erhöhen, wenn das Unternehmen zu bestimmten Stichtagen nicht zahlen kann. Der WSF hat ein Mitspracherecht bei der Besetzung von zwei Aufsichtsratsposten. Lufthansa hofft, die neun Milliarden genügen, um den Konzern durch die Corona-Pandemie zu bringen. Die Grundannahmen zur künftigen Nachfrage im Luftverkehr hat sie aber nicht öffentlich gemacht.

Szenario 2 - Thiele stimmt nicht zu und es gibt kein geändertes Rettungspaket

Szenario 2 - Thiele stimmt nicht zu und es gibt kein geändertes Rettungspaket Die Lufthansa plant in diesem Fall, ein Schutzschirmverfahren zu beantragen. Dabei würde der Vorstand unter Aufsicht eines Sachwalters das Unternehmen weiterführen. Die Lufthansa könnte ihre Pensionslasten auf den Pensionssicherungsfonds übertragen, Tarifverträge beenden und neu verhandeln, Altschulden loswerden und Verträge mit Lieferanten (wie Flugzeugherstellern und Leasingunternehmen) kündigen. Die Anteilseigner würden als nachrangige Gläubiger wohl ihr Geld verlieren. Tickets, die vor dem Antrag auf ein Schutzschirmverfahren gekauft worden sind, könnten nicht mehr anerkannt werden. Lufthansa bräuchte auch unter dem Schutzschirm eine Zwischenfinanzierung in Milliardenhöhe, die wohl nur der Staat zu leisten bereit wäre. Eine solche Insolvenz wäre für die Bundesregierung eine schwere Niederlage, denn das erste große Engagement des für die Corona-Krise eingeführten WSF wäre gescheitert.

Szenario 3 - Thiele stimmt nicht zu und der Bund hilft auf andere Weise

Szenario 3 - Thiele stimmt nicht zu und der Bund hilft auf andere Weise Thieles Nein würde nicht automatisch ein Insolvenzverfahren bedeuten, und zwar dann nicht, wenn das Rettungspaket in einigen Punkten abgeändert wird. Lufthansa könnte etwa, abgedeckt durch einen Vorratsbeschluss der letzten Hauptversammlung, zunächst ein Aktienpaket in Höhe von 8,5 Prozent des Kapitals an den WSF verkaufen, auch zum Nominalwert von 2,56 Euro. Daraufhin müssten Aufsichtsrat und Vorstand eine weitere Kapitalerhöhung von zunächst 12,5 Prozent beschließen, an der sich auch die Altaktionäre beteiligen dürfen. Weil mutmaßlich nicht nur der WSF mitmachen, sondern auch Thiele und andere Aktionäre mitmachen würden, müsste womöglich noch eine dritte Kapitalerhöhung folgen, bis der WSF sein 20-Prozent-Ziel erreicht hat. Der große Unterschied zum bisherigen Plan: wenn die aktuellen Anteilseigner ein Bezugsrecht bekommen, ist kein Beschluss der Hauptversammlung nötig. In diesem Szenario käme das Aktienpaket des Staates aber teurer, weil die 12,5 Prozent nicht zum Nominalwert, sondern einem höheren Buchwert verkauft würden. Die Differenz könnte aber über eine niedrigere stille Beteiligung (siehe Szenario 1) wieder ausgeglichen werden.

Aktuelles zum Coronavirus - zweimal täglich per Mail oder Push-Nachricht

Alle Meldungen zur aktuellen Lage in Deutschland und weltweit sowie die wichtigsten Nachrichten des Tages - zweimal täglich mit SZ Espresso. Unser Newsletter bringt Sie morgens und abends auf den neuesten Stand. Kostenlose Anmeldung: sz.de/espresso. In unserer Nachrichten-App (hier herunterladen) können Sie den Espresso oder Eilmeldungen auch als Push-Nachricht abonnieren.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4946404
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 25.06.2020
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.