Süddeutsche Zeitung

Gewerkschaften:IG-Metall-Chefin greift AfD an

Christiane Benner wirft der Rechtspartei "plumpe Parolen" vor. Um die Demokratie zu schützen, müsse jeder Arbeitnehmer eine Perspektive erhalten - auch durch mehr Industriepolitik und soziale Gerechtigkeit.

Von Alexander Hagelüken

Christiane Benner liebt Südafrika. Sie war immer wieder dort. In ihrem Büro steht eine Pappfigur von Ex-Präsident Nelson Mandela, mit seiner alten Häftlingsnummer 46664. Kein Zufall also, dass Benner ihre erste Rede als neue Chefin der IG Metall mit einem Sprichwort vom Kap beginnt: "Wenn ein Baum fällt, hört man es. Wenn der Wald wächst, gibt es kein Geräusch." Damit will sie sagen, dass beim Wandel der Industrie einiges gut läuft, nur bekomme man es weniger mit als die Kahlschläge. Benner macht aber schnell klar, dass aus ihrer Sicht noch viel passieren muss, damit die Arbeitnehmer bei diesem Wandel nicht doch hinten runterfallen.

"Umweltschutz und Industrie sind kein Widerspruch", ruft die mit einem Rekordergebnis von 96 Prozent gewählte Vorsitzende dem Gewerkschaftskongress in Frankfurt zu. Zwar fielen auch Jobs weg. Der klimafreundliche Umbau der Industrie könne wie die Digitalisierung jedoch ausreichend neue Arbeitsplätze schaffen. Rechnerisch ist es möglich, dass der Wandel gut ausgeht, glaubt sie - aber nur, wenn die Unternehmen mitmachen. "Statt die Chancen zu nutzen, verlagern zu viele Firmen Arbeitsplätze", kritisiert Benner wütend. "Wer Arbeitsplätze einfach vernichtet, anstatt sich rechtzeitig Gedanken über Alternativen zu machen, treibt Menschen in die Perspektivlosigkeit. Wir müssen diese Deindustrialisierung stoppen."

"Die IG Metall ist offen für alle, außer für Faschisten, Rassisten und andere Reaktionäre"

Bald wird deutlich, dass sie die Zukunft der Industrie als eine sehr politische Frage sieht. Wer Arbeitsplätze zerstöre, zerstöre Perspektiven. "Haben alle den Einschlag bei den Landtagswahlen vernommen?" Die Gegner der Demokratie wollten diese beseitigen. "Die IG Metall ist offen für alle, außer für Faschisten, Rassisten und andere Reaktionäre", erklärt sie unter großem Beifall. Dann spricht sie die AfD direkt an, diese habe nur plumpe Parolen zu bieten. Abschottung sei keine Alternative. "Die IG Metall ist eine Einwanderungsgewerkschaft, jedes vierte Mitglied hat einen Migrationshintergrund." Benner lehnt auch Eingriffe ins Asylrecht ab und fordert eine humanitäre Flüchtlingspolitik.

Gleichzeitig äußert sie Verständnis dafür, dass die Menschen in diesen schwierigen Zeiten Sicherheiten wollten. Dies lasse sich erreichen, in dem Arbeitnehmer eine Perspektive erhielten, in dem sie ihren Job behalten oder für einen neuen qualifiziert werden. Dafür nimmt die 55-Jährige auch die Politik in die Pflicht: Diese soll mehr Industriepolitik betreiben.

Darunter fallen für sie Subventionen, um den Strom für energieintensive Betriebe zu verbilligen, bei denen massenhaft Jobs auf dem Spiel stünden. Sie will aber auch Förderung, damit Deutschland bei essenziellen Produkten wie Halbleitern unabhängiger wird - "wir erleben seit Corona immer wieder, dass Lieferketten reißen". Offenbar denkt sie auch an Förderung für die Autobranche. Auf der Automesse IAA hat sie sich Modelle von BYD und anderen chinesischen Herstellern angeschaut. Kleinwagen für nur 25 000 Euro, "echt nicht mehr so hässlich und mit allem digitalen Schnickschnack". Sie hat bei einem Modell die Karaokeanlage ausprobiert und "September" von Earth, Wind & Fire nachgesungen. Wenn Chinas Regierung ihre Hersteller fördere, müsse Europa auch darüber nachdenken.

Mehr staatliches Geld? Am Dienstagnachmittag kommt Olaf Scholz zum Kongress. Der Kanzler könnte viele Metaller als Fans gewinnen, wenn er sich klar für einen Industriestrompreis ausspricht. Doch er sagt eher allgemein, dass man an Lösungen für die hohen Energiepreise arbeite. Vielleicht ein kleines Hoffnungszeichen, mehr nicht. Er findet warme Worte für die Bedeutung der Gewerkschaften, stellt mehr Mitbestimmung in Aussicht, aber das war es dann auch.

Mehr staatliche Investitionen

Christiane Benner dagegen fordert generell mehr staatliche Investitionen und will dafür die Schuldenbremse abschaffen. Sie will die meisten Arbeitnehmer steuerlich entlasten und dafür die Reichen stärker heranziehen. Der Leitantrag des Kongresses fordert unter anderem eine Vermögensteuer und höhere Steuern auf große Erbschaften. "Die IG Metall wird sich stärker in die Debatten um soziale Gerechtigkeit einmischen" kündigt sie an.

Mehr Perspektive will sie den Arbeitnehmern auch durch einen Ausbau der Mitbestimmung in den Firmen ermöglichen, bei dem etwa die Betriebsräte über die strategische Ausrichtung mitreden. Und sie will kürzere Arbeitszeiten erreichen, etwa durch Vier-Tage-Wochen. In einer Stunde spricht Christiane Benner noch mehr Themen an, dann bittet sie zum Schluss ihrer ersten Programmrede ihr neues Führungsteam auf die Bühne. Ihre Augen werden feucht, sie wischt sich ein paar Tränen ab. Die Rede ist fertig, jetzt beginnt die Arbeit.

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