Süddeutsche Zeitung

EU-Förderung für Mannheim:Eine Stadt wagt den Aufbruch

Lesezeit: 7 min

Mannheim gilt als unattraktiv und langweilig - zu Unrecht. Mit Hilfe der EU verwandelt sich dort eines der schwierigsten Viertel in eine kreative Keimzelle - und gibt der ganzen Stadt Hoffnung. Ganz geht der Plan jedoch noch nicht auf.

Von Hans von der Hagen, Mannheim

Ausgerechnet Mannheim. Von überall her pilgern sie dorthin, aus anderen Städten, selbst aus dem Ausland. Sie wollen sehen, wie sich eine Stadt verwandelt, die vielen nur als Industriemetropole gilt und manchen als einer der hässlichsten Orte Deutschlands. Ausgerechnet Mannheim, wo selbst zu heiteren Anlässen wie dem Neujahrsempfang Oberbürgermeister Peter Kurz bekennt, dass die Stadt nicht "angemessen wahrgenommen" werde - und das seit nunmehr "über 100 Jahren".

Was macht diese Stadt mit ihrem dezenten Minderwertigkeitskomplex so bemerkenswert? Wer sich auf die Suche nach der Antwort begibt, landet an einem kleinen Verbindungskanal zwischen Rhein und Neckar im Stadtteil Jungbusch. Der verbindet zwar nicht mehr viel, weil der Mannheimer Hafen, an dem jeden Tag zehntausende Tonnen umgeschlagen werden, sich in andere Gebiete zurückgezogen hat. Im Jungbusch finden sich dennoch die zwei Gebäude, die die Vertreter anderer Städte und Länder oft als erstes sehen möchten: Das eine ist die Popakademie, das andere der Musikpark Mannheim, ein Gründungszentrum für Musiker und Musikwirtschaftler. Es sind keine eleganten Industrielofts, die da auf dem ehemaligen Werftgelände stehen, sondern Zweckbauten. Aber sie stehen für einen Aufbruch, der mit Schloten und Kränen nichts mehr zu tun hat, dafür viel mit der Kreativszene.

Kristallisationspunkte Europas

Die Gebäude sind die Hoffnung einer Region, die ächzt, weil sie viele Zuwanderer integrieren muss und zugleich die Abwanderung der Industrie stoppen will. Sie sind Hoffnung für die Stadt, die den Jungbusch, in dem noch vor wenigen Jahren Gewalt grassierte und den Einheimische mal Texas, mal Klein-Istanbul nannten, zu einem lebenswerten Stadtviertel machen möchte. Und Hoffnung für Stadtchef Kurz, der sagt: "Kreativwirtschaft ist ein belebender Faktor, der das Klima, das urbane Leben in einer Stadt prägt und die Stadt insgesamt attraktiver macht." Zugleich sind diese Gebäude Kristallisationspunkte des abstrakten Gebildes Europäische Union.

"Ohne Europa wäre das alles nicht entstanden", sagt Peter Simon. Franzosen, Italiener, Spanier, Deutsche - sie alle haben über den Umweg Brüssel die Hälfte von dem bezahlt, was am Kanal zu sehen ist. Simon ist Europa-Abgeordneter für die SPD. Architektenbrille, kurz gehaltener Henriquatre-Bart, freundlich und sehr stolz. Auf Europa, auf Mannheim und auf sich selbst. Nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Aber gut, es ist Wahlkampf, da kann man ruhig demonstrativ stolz sein. Und die Verve, die er an den Tag legt, ist echt.

Doch heißt EU-Förderung nicht ohnehin nur: Geld zurückholen, das Berlin nach Brüssel überweist, das dort dezimiert wird und dann zweckgebunden wieder zurückkommt? Simon reagiert fast ungehalten: "Nie hätten wir für Projekte wie den Musikpark oder die Popakademie das Geld allein aus dem Landeshaushalt bekommen."

Dass Mannheim so auf Europa setzt, sieht Simon auch als seinen Erfolg: Als er noch Jurist bei der Stadtverwaltung war, erkannte er auf einer Sitzung des Deutschen Städtetages, dass es zwei Sorten von Städten gab: die, die EU-Hilfen in Anspruch nahmen und die vielen anderen, die nichts über EU-Fördergelder wussten - oder nichts davon wissen wollten. Damals, 1996, habe ihm ein Mitarbeiter im Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg erklärt: "Wir brauchen kein Geld aus Brüssel." Ansonsten würde das Land ja öffentlich machen, dass es dort strukturschwache städtische Räume gebe. Da sei der Imageschaden viel größer als alle Mittel, die man je von der EU einwerben könnte. "Und da dachte ich mir", sagt Simon: "So nicht."

Er entwickelte mit Hilfe von Kollegen aus dem Ruhrgebiet ein Konzept, das es Mannheim ermöglichen sollte, die europäische Ebene genauso mitzudenken wie die Ebene Bund und Land. Mitzudenken, das bedeutete konkret: Geld, das Europa anbietet, auch zu beantragen. Die Strategie hatte Erfolg. Mannheim hat Europa mittlerweile fest integriert. Aus vielen Fördertöpfen fließt Geld hierher, seit Ende der neunziger Jahre knapp 70 Millionen Euro.

Pop-Musik auf Hochschulniveau

Ohne dieses Geld aus Europa würde es einen Job wie den von Udo Dahmen nicht geben. Der ist Mitgründer und Co-Chef der Popakademie. Wenn man mit ihm durch das Gebäude läuft, hört man oft "Hallo", die meisten Studenten kennt er mit Namen. Im Treppenhaus kommt ihm ein junger Mann entgegen. "Das ist Jonny König", sagt Dahmen, "der neue Schlagzeuger bei Söhne Mannheims".

Gleich darauf öffnet Dahmen eine Tür. Dahinter arbeiten Julius Voigtländer und Gregor Brechmann am Computer mit ihren Musikprogrammen - zwei DJs und Producer, die unter ihren Künstlernamen Jewelz & Scott Sparks auftreten.

Die drei Studenten sind Teil der Erfolgsbilanz der Akademie, die erstmals in Deutschland die Ausbildung in der populären Musik auf Hochschulniveau brachte und Vorbild für ähnliche Einrichtungen ist. Etwa 100 Studenten nimmt die Hochschule pro Jahrgang auf. Am Ende könnten im künstlerischen Bereich etwa 90 Prozent der Absolventen "auskömmlich von der Musik leben", sagt Dahmen. Soll heißen: Es läuft gut für die Akademie.

Corona von Unternehmen um die Musikinstitutionen

Sebastian Dresel, im Musikpark nebenan Beauftragter für Kultur- und Kreativwirtschaft der Stadt Mannheim, sagt, die Popakademie sei keine akademisierte Castingshow, sondern wolle gemeinsam mit dem Gründerzentrum in das Stadtviertel hinein wirken. In dem Musikpark haben gut 60 Unternehmen Platz gefunden - und mit ihnen 200 Jobs.

Wenn statt der Akademie dort am Verbindungskanal nur das Verwaltungsgebäude einer mitteldeutschen Versicherung stünde, "würde kein Mensch im Stadtteil mit diesem Gebäude interagieren wollen", sagt Dresel. Doch nun bildeten sich wie eine Corona neue Unternehmen um den Komplex, die teils gar nichts mehr mit Musik zu tun hätten - "eine Tanzschule, eine Veranstaltungsagentur, ein Grafikbüro - und eine Security-Firma, weil es mittlerweile so viele Veranstaltungen hier gibt".

Mannheimer Masterplan

Und jenseits der neuen Kreativzone? Da ist der Jungbusch, das also, was Stadtplaner "Problemviertel" nennen. Dahmen erzählt, dass die Hochschule gemeinsam mit dem im Jungbusch ansässigen Verein Orientalische Musikakademie ein Projekt in der Grundschule des Viertels durchziehe. Studenten machen mit den Dritt- und Viertklässlern Musik, die Kinder komponieren und texten ihre Songs dabei selbst. Er sieht die Akademie als Teil eines Masterplans auf Basis der Überlegungen des Ökonomen Richard Florida. Ihm zufolge können die Kreativen und mit ihnen die drei Ts - "Talent, Tolerance, Technology - für Städte zur wichtigen Triebkraft werden.

Und was sagen die Leute im Stadtviertel? In den verrauchten, neonbeleuchteten Kneipen schleudern manche einem entgegen, sie hätten nichts mit Musik zu tun. Und mit der Popakademie schon mal gar nichts. Der Besitzer eines Kiosks mit angeschlossener Kneipe sagt dagegen, er habe nun immerhin einmal pro Woche einen Studentenstammtisch bei sich.

Michael Scheuermann arbeitet im Jungbusch als Quartiersmanager und ist darum Ansprechpartner für alles, was die Menschen in diesem Stadtviertel bewegt. Ein ruhiger Mann. So ruhig wie man wohl sein muss, wenn viele unterschiedliche Interessen synchronisiert werden müssen. Er entschuldigt sich bei einem Rundgang durch das Viertel am Montagmorgen erst mal dafür, dass so viel Müll herumliege, "nach einem lebendigen Wochenende".

Wer sehen wolle, was sich da alles verändert habe, müsse sich nur die vielen neuen Kneipen anschauen. Er zeigt die Bilder, die von Künstlern an viele Mauern gemalt wurden, die das Viertel bunt machen. Oder eine Galerie, die in einem alten Ladengebäude entstanden ist und nun genauso heißt wie das, was vorher dort verkauft wurde: Strümpfe. Seit einigen Jahren gibt es zudem den "Nachtwandel", ein zweitägiges Kulturfest, das den Jungbusch den Mannheimern öffnen soll. Aus den ursprünglich 3000 Teilnehmern seien beim zehnjährigen Jubiläum schon 30.000 geworden.

"Hier kracht es oft"

Also alles gut? Der Jungbusch - nun Szeneviertel statt angeschmuddelter Kiez? Etwas passt da nicht ins Bild. Wer etwa die Stadtteilzeitung Buschtrommel durchblättert, liest dort in der jüngsten Ausgabe Sätze wie "Die Gewalttaten im Jungbusch haben zu einer nachvollziehbaren, großen Verunsicherung und Sorge in der Bewohnerschaft des Stadtteils geführt." Darunter der Kommentar zum Thema "Gegen die Angst!", daneben der Artikel "Frauen wehren sich!".

Und da ist auch der Kioskeigner, der sagt: "Hier kracht es oft." Viele kommen auf diese neue Furcht zu sprechen, die es im Viertel gibt, vor allem seit im vergangenen Jahr eine Frau ermordet und andere überfallen wurden. Bürgermeister Kurz sagt, dass sich objektiv kaum etwas an der Sicherheit im Viertel geändert habe. Doch die Selbstverständlichkeit, mit der man sich überall ohne Angst bewegt habe, sei derzeit nicht mehr da. Das Sicherheitsgefühl sei verloren gegangen. Erschwerend hinzu kämen Alltagsprobleme durch die Zuwanderung.

Die Mannheimer reagieren auf ihre Art: "Ursprünglich lautete die Forderung, die Zuwanderung in das Quartier zu stoppen", sagt Kurz. "Doch das funktioniert nicht." Dann habe man sich mit der Realität auseinandergesetzt und viele Menschen im Stadtteil hätten die Idee der "Arrival City" als Leitbild aufgenommen. Arrival City bezieht sich auf ein Buch von Doug Saunders, wonach gerade die Gebiete, in denen sich Zuwanderer ansiedelten, besondere Aufmerksamkeit verdienen. Und zwar weil sich in ihnen die nächste Mittelschicht herausbilde. Und weil hier die Ideen der nächsten Generationen entstünden. Diese Aufmerksamkeit wird dem Jungbusch dank der Musikakademie aber auch über viele weitere Projekte wie etwa einem Gründungszentrum für Frauen zuteil.

Und so verwandeln sie in Mannheim nicht nur einen Stadtteil, sondern werden auch zu Experten in Integrationsfragen. Dabei hilft die Musik. Man gewinne die Leute nicht allein durch Beratung, sondern mehr durch Aktionen, sagt Mehmet Ungan, der die Orientalische Musikakademie leitet, die zusammen mit der Popakademie und anderen Partnern in den Schulen arbeitet. Die Zuwanderer würden zuweilen als kulturfremd bezeichnet. Doch sie hätten nur ein anderes Verständnis von Kultur, sagt Ungan. Er beschreibt, wie ein fünfjähriger Junge einen ungraden 9/8 Takt trommelte, und ein Jazzmusiker daneben stand und fragte: 'Wie macht er das? In keiner Jazzschule lernt man so etwas.' Integration bedeute eben auch, auf die Leute einzugehen und zu erkennen, was sie können.

Baden-Württemberg hat übrigens mittlerweile viel weniger Probleme mit dem Geld aus Brüssel als noch in den neunziger Jahren. In der neuen Förderperiode erhält das Land bis 2020 mit 243 Millionen Euro knapp 100 Millionen Euro mehr als in der vergangenen Periode. Und doch: Noch immer tun sich in ganz Deutschland Politiker schwer damit, Europa über das vorgeschriebene Mindestmaß hinaus in den Vordergrund zu stellen. Es sei eben "beim Durchschneiden eines roten Bandes viel schöner darzustellen, dass sie es doch waren, die etwas auf den Weg gebracht haben", sagt SPD-Mann Simon. In anderen Ländern sei das anders: Da stellten sich die Politiker hin und riefen: "Schaut her, so viel Geld habe ich Euch aus Europa geholt." Auch in Mannheim tun sie das schon.

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