Süddeutsche Zeitung

Elon Musk:Was führt dieser Mann im Schilde?

  • Automanager und Finanzanalysten in aller Welt rätseln, ob Elon Musk den Elektroautobauer Tesla wirklich privatisieren will.
  • Allein die Ankündigung über Twitter hat ihn jedenfalls um mehr als eine Milliarde Dollar reicher gemacht.
  • Eine Vorab-Mitteilung an die Aktionäre herausgegeben hat Musk allerdings nicht - was ihm noch bösen Ärger einbringen könnte.

Von Max Hägler, Jürgen Schmieder, Los Angeles, und Meike Schreiber, Frankfurt

Zwischendrin schickte Elon Musk ein schlichtes "Good morning" über den Nachrichtendienst Twitter: Guten Morgen, ihr Schlafmützen, sollte das wahrscheinlich heißen. Ich, Elon Musk, hab mal wieder eine Idee, die alles verändern kann. Dahinter hatte der Tesla-Chef einen lachenden Smiley gestellt.

Was am Dienstagabend deutscher Zeit kurz davor und danach über sein bevorzugtes Medium lief, hat tatsächlich das Potenzial, etwas zu verändern. So wie seine teuren Elektroautos die Automobilbranche aufgerüttelt haben oder seine Space-X genannten Raketen die Wege ins All zu verbilligen scheinen. Jedenfalls rätseln nun Automanager und Finanzanalysten in aller Welt darüber, was Musk nun schon wieder im Schilde führt. Und weil genügend Fans von seiner Ankündigung begeistert sind, ist die Aktie nach oben geschossen, so sehr, dass der Handel an der US-Börse zwischenzeitlich ausgesetzt werden musste. Was für eine Story, schon wieder.

"Ich denke darüber nach, Tesla für $420 von der Börse zu nehmen. Finanzierung gesichert", hatte Musk am Dienstagabend auf Twitter angekündigt, auf Englisch brauchte er dafür neun Worte. 420 US-Dollar will er demnach den Aktionären pro Aktie zahlen und damit die Anteilsscheine von der Börse wegsammeln. Es wäre ein Rückzug ins Private in einer selten gesehenen Größenordnung. Es hätte zur Folge, dass Tesla weniger kontrolliert wird und Musk sich nicht dauernd rechtfertigen muss für gewagte Ideen und das ständige Geldverbrennen. In einem Brief an seine Mitarbeiter schrieb Musk am Dienstag, eine endgültige Entscheidung sei noch nicht getroffen. Aber ein derartiger Schritt erlaube es dem Unternehmen, "zu seinem Besten zu wirtschaften, frei von Ablenkung und kurzfristiger Denke".

Das sei aus seiner Sicht der vielversprechendste Weg nach vorne. Vor allem auch einer, der wegführt von den ständigen Kritikern, die Musk zuletzt wahlweise auch als "Idioten" oder "Langweiler" bezeichnete. Auf Pressekonferenzen und Bilanzgesprächen ließ Musk immer wieder erkennen, wie sehr ihn Widerspruch nervt. Die Fabrikation des Mittelklassewagens Model 3 hat er ins Laufen gebracht, nach vielen Mühen, ihn freut das. Die Analysten sagen jedoch: Das geht zu langsam, und außerdem sind die Absatzzahlen von Model S und Model X nicht mehr schön. Und wann verdient diese Firma überhaupt Geld? Und wieso bat er Zulieferer jüngst um Preisnachlässe? Musk entgegnete da bisher: Langweilige Fragen!

Zieht er das von ihm mitgegründete und geleitete Unternehmen nun von der Börse zurück, kann er kommunizieren, mit wem er will - oder auch nicht. Musk, 47, ist impulsiv, er hat schon verrücktere Sachen verkündet und dann auch getan. Unvergessen ist zum Beispiel die Geschichte, dass ihn der Verkehr in Los Angeles derart genervt hat, dass er schnell mal die Tunnelfirma "The Boring Company" gegründet hat. Das ist an sich schon ein hübscher Spaß, weil der englische Name doppeldeutig ist, Bohrfirma heißen kann oder Langweilerfirma. Die erste Finanzierung der Boring Company hat er dann unter anderem über den Verkauf von Flammenwerfern gesichert. Ja genau: Flammenwerfer.

Musk gilt als Genie und Wahnsinniger zugleich

Musk, ein studierter Maschinenbauer, der sein Geld mit der Gründung und dem Verkauf des Bezahldienstes Paypal gemacht hat, gilt als Genie und Wahnsinniger, als wahnsinniges Genie, und deshalb traut sich kaum jemand, bei einer neuen Idee oder einem neuen Twitter-Eintrag sofort zu sagen, ob das genial oder wahnsinnig ist. Meistens ist ja tatsächlich beides gleichzeitig möglich. So auch jetzt.

Doch allein schon die Ankündigung, sich von der Börse zurückzuziehen, hatte eine starke Wirkung. Der Aktienkurs von Tesla lag am Dienstagmorgen bei 340 Dollar, das Unternehmen wurde also mit 57,46 Milliarden Dollar bewertet. Musk gehören etwa 20 Prozent. Am Ende des Tages war der Kurs um elf Prozent auf knapp 380 Dollar gestiegen - entsprechend mehr war auch der Anteil des Gründers wert. Musk ist am Dienstag mit seinem Privatflugzeug von Los Angeles aus nach Reno in Nevada gereist, wahrscheinlich ist zur Gigafactory von Tesla. Am Abend flog er nach San José, von dort gelangt man zur Fabrik in Fremont. Dazwischen ist er durch ein paar Tweets um mehr als eine Milliarde Dollar reicher geworden.

Schon am 1. April erlaubte Musk sich einen Scherz - war das wieder einer?

In den Stunden nach den Tweets gab es durchaus einige kluge Leute, die überlegten, ob Musk da wieder einen Scherz gemacht hat, wie damals am 1. April. Tesla ist insolvent, schickte er damals über Twitter. Auch das wirkte sich auf den Kurs aus, negativ natürlich. Soll das jetzt wieder ein Scherz sein, um Spekulanten eins auszuwischen, sogenannten Shortsellern, die bei einem steigenden Kurs draufzahlen müssen?

Musk hatte die Spekulation angeheizt, beschrieb - in einem Tweet natürlich - genau dieses Szenario. Am Mittwochnachmittag deutscher Zeit wurde dann deutlich, dass Musk es vergleichsweise ernst zu meinen scheint. Das Tesla-Aufsichtsratspräsidium teilte mit, Musk habe vergangene Woche im Kontrollgremium über dieses Vorhaben gesprochen. Es würde ihm ja auch nutzen, sagt Efraim Levy von der Analysefirma CFRA Research: "Sein Führungsstil ist nicht darauf ausgelegt, mit all den Störgeräuschen umzugehen, die es bei einem börsennotierten Unternehmen nun einmal gibt."

Streng genommen kann Tesla nach dem Abschied von der Börse immer noch vielen unterschiedlichen Aktionären gehören, etwa den Mitarbeitern. Diese müssten ihre Anteilsscheine dann aber auf einer Art Graumarkt kaufen oder verkaufen. Auch frisches Kapital einzusammeln, wäre dann schwierig. In jedem Fall aber müsste sich Musk nicht mehr strengen Börsenregeln und Transparenzpflichten unterwerfen. Hedgefonds und andere Investoren könnten nicht mehr auf einen fallenden Börsenkurs wetten, was Musk stets ärgert.

Das Problem ist allerdings, dass er erst einmal in heftige juristische Auseinandersetzungen verwickelt werden könnte, bevor sein Traum vom Alleinsein Wirklichkeit wird. Vor sieben Wochen hat Musk 72 500 Aktien dazugekauft. Gab es damals schon Pläne zum Rückzug? Und ist die Finanzierung dafür überhaupt gesichert, so wie es Musk seit Dienstag behauptet? Etwa 50 Milliarden Euro würden 80 Prozent der Firma kosten bei einem Kurs von 420 US-Dollar. Die Nachrichtenagentur Bloomberg will immerhin erfahren haben, dass Musk bereits mit einigen chinesischen Banken verhandelt. Auch ein saudi-arabischer Staatsfonds hat jüngst Milliarden investiert - kommt da noch mehr?

Hätte es nicht eigentlich eine Pflichtmitteilung an die Aktionäre geben müssen?

Ein Selbstgänger wird das aber nicht, schließlich macht Tesla noch nicht einmal Gewinne, die nötig wären, um die Zinsen für Bankkredite zu bezahlen. Und hätte es nicht eigentlich eine Pflichtmitteilung an die Aktionäre geben müssen? "Eine so große Finanzierung braucht lange Vorbereitung. Tesla hätte die Pläne daher mutmaßlich schon sehr viel früher per Pflichtmitteilung melden müssen und das nicht lapidar twittern dürfen", sagt Baki Irmak, Gründer des Aktienfonds The Digital Leader. Viele Anleger, die auf den Absturz der Aktie gewettet hätten, seien auf dem falschen Fuß erwischt worden. "Die werden klagen, und das wird eine juristische Schlammschlacht geben", sagt Irmak. Auch deutsche Analysten äußern sich zurückhaltend. "Wir halten die Veröffentlichung einer kapitalmarktrelevanten Information via Twitter für hochgradig fragwürdig. Daher wäre eine Untersuchung durch die US-Börsenaufsichtsbehörde keine Überraschung", sagt Matthias Volkert von der DZ-Bank.

Musks exzessives Twittern könnte ihm dann zum Verhängnis werden, Ende Juni schrieb er zum Beispiel über Short-Seller: "Sie haben noch drei Wochen, bevor ihre Short-Positionen explodieren werden."

Analyst Frank Schwope von der Nord-LB liest keine Tweets von Musk. Bringt ja nichts, sei ja nur Marketing, lieber ruhig bleiben, sagt er. Zumal es unsinnig sei, bis zu 50 Milliarden Dollar in die Hand zu nehmen, "um Aktien von A nach B zu schieben". Lieber solle Musk das Geld nehmen und in die Firma investieren und alsbald mal, in diesem Jahr, in die schwarzen Zahlen kommen. Seine Empfehlung an Aktionäre: Verkaufen! Die Anteile seien mitnichten 420 Dollar wert, sondern nur gut die Hälfte. Guten Morgen, würde Musk das wohl kommentieren.

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SZ vom 09.08.2018/vit
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