Süddeutsche Zeitung

DWS:Schöner grüner Schein

Die Fondstochter der Deutschen Bank steht im Verdacht, sich grüner darzustellen, als sie ist. Einer ihrer wichtigsten Fonds zeigt, warum.

Von Jan Diesteldorf und Meike Schreiber, Frankfurt

Zuweilen neigt die Finanzwelt zu einer etwas platten Bildsprache. Große Wertpapierfonds firmieren dort etwa gerne als "Flaggschiff-Fonds", mit denen die Anleger vermeintlich sicher durch stürmische Zeiten an den Kapitalmärkten segeln können. Auch die Deutsche-Bank-Tochter DWS hat nicht nur einen Flaggschiff-Fonds: Mit einem verwalteten Vermögen von gut 18 Milliarden Euro etwa ist der Fonds "Top Dividende" einer der kapitalschwersten Aktienfonds in Deutschland. Die Wertentwicklung des Fonds im Vergleich zu ähnlichen Anlagen ließ zuletzt zwar zu wünschen übrig, was aber bislang nicht dazu geführt hat, dass die Anleger massenhaft Geld abziehen.

Der Top Dividende wirft aber nicht nur mit Blick auf seine Wertentwicklung Fragen auf, interessant ist auch zu wissen: Wie grün ist dieser Fonds? Die DWS nämlich sagt, der Manager des Fonds nutze seit Juli 2020 ein Konzept namens "Smart Integration". Heißt: Die Fondsmanager der DWS berücksichtigten mittlerweile auch sorgfältig Risiken, die zum Beispiel aus dem Klimawandel entstehen können, und schließen besonders kontroverse Firmen aus.

Die Frage, ob das wirklich stimmt, ist derzeit nicht nur für Fondsanleger relevant. Die DWS steht im Verdacht, sich nach außen deutlich grüner darzustellen, als sie nach Meinung einiger hochrangiger Mitarbeiter ist. Die US-Aufsicht und die deutsche Finanzaufsicht Bafin prüfen derzeit, ob der Vermögensverwalter zu lax mit Kriterien bei nachhaltigen Investments umgegangen ist. Es geht womöglich auch um falsche Angaben im Geschäftsbericht dazu.

Nach außen ambitioniert, intern umstritten

Die Ermittlungen befinden sich in einem frühen Stadium, Ausgang ungewiss. Ausgelöst wurden sie von Äußerungen der früheren DWS-Nachhaltigkeitschefin Desiree Fixler, die im März nach nur einem halben Jahr entlassen worden war. Sie hat öffentlich schwere Vorwürfe gegen die DWS erhoben, welche die Firma vorige Woche in einer Stellungnahme zurückwies. Dabei geht es vor allem um die Frage, welcher Anteil des verwalteten Vermögens wirklich "ESG" ist - aber auch darum, ob die DWS ihrem eigenen Anspruch gerecht wird, dabei führend zu sein. Mehrere Manager hatten das nach SZ-Informationen intern infrage gestellt, während DWS-Chef Asoka Wöhrmann nach außen ein anderes Bild zeichnete. ESG steht für Environment, Social und Governance. Es geht darum, vermehrt in Firmen zu investieren, die besonders wenig umwelt- und sozialschädlich sind und gut geführt werden. Die Untersuchungen dürften nun weit über die DWS hinaus Folgen haben, weil sich auch andere Fondsanbieter fragen müssen, ob ihre Außendarstellung in Sachen Nachaltigkeit der Realität entspricht.

Im Fall des DWS-Flaggschiff-Fonds Top Dividende passen Anspruch und Wirklichkeit nicht so ganz zusammen: Laut dem aktuellen Halbjahresbericht hat der Fonds in mehrere Unternehmen investiert, die sich wohl schwer mit ESG-Ansprüchen vertragen. So nennt die DWS auf ihrer Nachhaltigkeitsseite zwar explizit Tabak als einen Geschäftsbereich "deren Einfluss auf die Gesellschaft negativ bewertet wird", dennoch investiert der Top Dividende mehr als 800 Millionen Euro in ebensolche Tabakfirmen (British American Tobacco, Philip Morris, Imperial Brands). Hinzu kommen Positionen in den australisch-britischen Rohstoffkonzern BHP (schmutzige Minen) oder im Rüstungskonzern Raytheon (Killerdrohnen). Alle diese Werte weisen laut der Ratingagentur Sustainalytics ein hohes ESG-Risiko auf. Über Raytheon schreibt auch die Nichtregierungsorganisation Facing Finance, die Rüstungsfirma gehöre zu den größten Exporteuren in umstrittene Länder im Nahen Osten und Afrika. "Wenn dieser Fonds als ESG-integriert gezählt wird, dann wäre das wirklich das grünste Greenwashing aller Zeiten", sagt ein DWS-Insider.

Ein Sprecher der DWS teilte am Dienstag auf Anfrage mit, die Vorwürfe einer ehemaligen Mitarbeiterin weise man zurück. Die Definition einer "ESG-Integration" richte sich nach den Branchenstandards - sie bedeute, "dass Portfoliomanagern nicht-finanzielle (ESG) Informationen über investierbare Unternehmen vorliegen". Anders ausgedrückt: Fondsmanager sollen auf diese Daten zugreifen können. Laut DWS werden nur Fonds verpflichtend nach ESG-Kriterien gemanagt, die das Kürzel auch im Namen tragen.

Schlechte Noten von unabhängigen Ratingagenturen

Von dem Anspruch, ESG-Daten zum Standard in allen Produkten zu machen, ist die DWS wohl tatsächlich noch weit weg. Die Fonds-Ratingagentur Morningstar hatte in einer umfangreichen ESG-Studie im November 2020 ebenso vor allem Kritik übrig: Die beiden Fonds "DWS Top Dividende" und "DWS Invest Top Dividend" würden mit dem Ansatz Smart Integration verkauft, obwohl sie sich wenig zu ESG bekennen würden. Die Fonds schlössen zwar F-Unternehmen zunächst aus - das ist die zweitschlechteste Note - ließen diese aber wieder zu, sofern ein Gremium grünes Licht gebe.

Auch insgesamt war Morningstar mit Blick auf die ESG-Fortschritte der DWS kritisch. Zwar hätten "alle Fondsmanager der DWS Zugang zu ESG-Research", und Analysten müssten ESG-Überlegungen in ihre Analysen einbeziehen. "Allerdings haben Portfoliomanager bei der Gewichtung von ESG-Faktoren bei der Aktienauswahl, dem Risikomanagement oder dem Aufbau des Portfolios einen großen Spielraum." Daher könne der Grad der ESG-Integration je nach Fondsmanager und Mandat sehr unterschiedlich sein. Für den DWS Top Dividende steht laut Morningstar die Forderung, in Aktien mit hoher Dividendenrendite zu investieren, im Vordergrund. Der Fondsmanager investierte in Aktien, die hohe Renditen bieten, auch wenn sie mit einem erhöhten ESG-Risiko verbunden seien.

Wöhrmann, erfahren im Verkaufen, lobte die DWS kurz nach Veröffentlichung der Morningstar-Studie: Die DWS habe einen in "unserer Branche einzigartigen Ansatz zur Integration von Nachhaltigkeitsaspekten". Das gehe weit über bisherige Branchenstandards hinaus.

Was aber hat die DWS getrieben, sich mutmaßlich grüner darzustellen als sie ist? Womöglich bringt es schlichtweg mehr Ertrag. So lohnt es sich vermutlich, an der Strategie des Top Dividende nicht zu rütteln, aber irgendwo eine ESG-Integration zu erklären. Nach SZ-Informationen ist der Fonds hausintern auch wegen vergleichsweise hoher Vertriebsprovisionen beliebt. Damit erhält die DWS laufend höhere Einnahmen von den Banken, die die Fonds vertreiben. Ohne Fonds wie den Top Dividende wäre die Zahl des bereits als "ESG-integriert" ausgezeichneten Vermögens deutlich geringer ausgefallen. Es klänge dann eben alles nicht so gut.

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