Süddeutsche Zeitung

Nach Wirecard-Skandal:Warum die Deutsche Börse den Dax vergrößern will

Als Lehre aus dem Wirecard-Skandal soll der deutsche Leitindex künftig mehr Werte umfassen. Was genau geplant ist - und was das für Anleger bedeutet.

Von Caspar Busse und Harald Freiberger

Der Deutsche Aktienindex (Dax) ist schwer in die Kritik: Erst konnte die Deutsche Börse nicht verhindern, dass das Skandalunternehmen Wirecard in den wichtigsten deutschen Börsenindex aufgenommen wurde, dann folgte mit dem Lieferdienst Delivery Hero ausgerechnet ein Unternehmen, das noch nie Gewinn gemacht und gar kein Geschäft in Deutschland hat. Nun will die Deutsche Börse den Dax reformieren.

Was genau ist geplant?

Zum einen will die Deutsche Börse die Zahl der Dax-Mitglieder erhöhen. "Es ist kein Geheimnis, dass ich persönlich die Ausweitung des Dax 30 auf einen Dax 40 begrüßen würde", sagte Vorstandschef Theodor Weimer. Der M-Dax, der die mittelgroßen deutschen Aktiengesellschaften widerspiegelt, würde im Gegenzug von 60 auf 50 Mitglieder verkleinert. Zugleich sollen die Anforderungen an eine Mitgliedschaft im Dax verschärft werden: So sollen Firmen aus dem Index verbannt werden, wenn sie ihre Zahlenwerke nicht rechtzeitig einreichen; ein Prüfungsausschuss im Aufsichtsrat, der die Rechnungslegung überwacht, soll Pflicht werden. Außerdem sollen künftig nur noch "nachweislich profitable" Unternehmen in den Dax aufsteigen können, maßgeblich dafür ist der Gewinn nach Steuern und Abschreibungen der vergangenen beiden Jahre. Der Lieferdienst Delivery Hero etwa, der seit wenigen Wochen im Dax notiert, hat seit der Gründung vor neun Jahren durchgängig Verluste erwirtschaftet - er wäre mit den neuen Regeln wohl nicht in den Dax aufgerückt.

Darüber hinaus sollen Firmen, die mehr als zehn Prozent ihrer Umsätze mit "kontroversen Waffen" wie Anti-Personen-Minen, Streubomben, biologischen oder mit Uran angereicherten Waffen erwirtschaften, ausgeschlossen werden. Diese Kriterien und damit die Zusammensetzung ihrer Indizes will die Deutsche Börse künftig regulär alle sechs Monate überprüfen - und nicht nur einmal im Jahr wie bisher.

Wann sollen die Änderungen kommen?

Die Vorschläge haben Mitarbeiter der Deutschen Börse erarbeitet, anschließend wurden sie an professionelle Investoren weitergeleitet. Diese können sich nun bis zum 4. November äußern. Das Ergebnis soll voraussichtlich am 23. November präsentiert werden. "Ich bin auf das Ergebnis gespannt und bin sicher, dass die Weiterentwicklung der Kriterien dem deutschen Kapitalmarkt zu weiterer Qualität verhilft", sagte Weimer. Stimmen die Investoren zu, könnten die Änderungen frühestens im März 2021 in Kraft treten.

Was soll die Umstellung bewirken?

Mit der Ausweitung von 30 auf 40 Dax-Mitglieder reagiert die Börse auf die Kritik, dass der Dax die deutsche Wirtschaft nicht ausreichend widerspiegele. Christoph Kaserer, Finanzprofessor an der TU München, hatte schon länger gefordert, die Zahl auf 50 oder mehr zu erhöhen, wie es auch in anderen europäischen Ländern üblich sei. Ein anderer Vorschlag sieht vor, die drei wichtigsten Vertreter der Dax-Familie - Dax, M-Dax und S-Dax - zusammenzufassen und zu einem neuen Leitindex zu machen. Dieser würde dann insgesamt 160 Aktien bündeln.

Zudem reagiert die Börse mit ihren Vorschlägen auf den jüngsten Finanzskandal in Deutschland: Der Zahlungsdienstleister Wirecard hatte wiederholt eine unzureichende Bilanz vorgelegt, es gab jedoch keinen Prüfungsausschuss im Aufsichtsrat.

Sind alle bekannten Unternehmen Dax-Mitglieder?

Nein, eine ganze Reihe von traditionsreichen und bekannten Konzernen, die viel Umsatz machen und viele Mitarbeiter haben, sind derzeit nicht im Dax vertreten - aus verschiedenen Gründen. Commerzbank, Lufthansa und Thyssenkrupp etwa mussten weichen, weil angesichts schlecht laufender Geschäfte die Börsenbewertung drastisch gesunken war. Bei anderen halten bestimmende Großaktionäre einen Großteil der Papiere, wie etwa beim Nutzfahrzeughersteller Traton oder Siemens Healthineers, die Zahl der frei verfügbaren Aktien ist damit zu gering. Und Airbus etwa ist zwar ein deutsch-französisches Unternehmen, allerdings im französischen Leitindex CAC 40 gelistet.

Hinzu kommt, dass es gerade in Deutschland viele erfolgreiche Unternehmen gibt, die gar nicht an der Börse, sondern in Besitz von Familien oder Stiftungen sind - von Bosch über ZF Friedrichshafen bis Bertelsmann.

Welche Firmen könnten demnächst in den Dax aufsteigen?

Wenn es nach der Marktkapitalisierung ginge, also dem aktuellen Wert eines Unternehmens an der Börse, hätten bei einer Erweiterung des Dax folgende Unternehmen gute Chancen: Knorr-Bremse, Symrise, Hannover Rück, Puma, Zalando, Uniper, Sartorius oder Carl Zeiss. Doch die Börse entscheidet auch nach dem Umsatz einer Aktie, also wie intensiv sie gehandelt wird. Welche zehn Unternehmen wirklich in den Dax aufrücken, würde sich ohnehin erst im März kommenden Jahres entscheiden.

Was würden die neuen Regeln für Anleger heißen?

Grundsätzlich würde die Basis des Dax durch eine Ausweitung von 30 auf 40 Mitglieder vergrößert. Das heißt, der Index würde dann mehr Unternehmen und eventuell auch mehr Branchen abbilden und somit auch für eine höhere Marktkapitalisierung stehen. Immer mehr Anleger investieren in sogenannte ETF, also Fonds, die einen Index eins zu eins abbilden. Eine breitere Basis würde diese Fonds stabiler gegenüber Krisen einzelner Unternehmen machen. Anlageexperten weisen aber darauf hin, dass Privatanleger, die mit ETF langfristig fürs Alter vorsorgen wollen, sich nicht nur auf deutsche Aktien konzentrieren, sondern breiter anlegen sollten.

Warum ist die Deutsche Börse im Dax notiert?

Die Deutsche Börse ist der Träger der öffentlich-rechtlichen Wertpapierbörse in Frankfurt. Das Unternehmen ist damit auch für die verschiedenen Indizes - darunter der Dax-30 - und ihre Berechnung sowie Zusammenstellung zuständig. Gleichzeitig ist es börsennotiert: Die Aktien sind breit gestreut, die Firma gehört zu den wertvollsten in Deutschland. Folglich ist die Deutsche Börse selbst Mitglied des Dax - und würde von einer Reform und somit einem attraktiveren Index möglicherweise wirtschaftlich profitieren.

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