Süddeutsche Zeitung

Chips aus Dresden:Neue Fabrik kommt zur rechten Zeit

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Es ist das erste neue Werk in Deutschland seit 20 Jahren und die größte Investition der Bosch-Geschichte: Eine Milliarde Euro stecken die Stuttgarter in eine Halbleiterfabrik in Sachsen.

Von Caspar Busse und Christina Kunkel

Im Sommer 2017 war die Corona-Krise noch weit entfernt. Und kaum jemand hat sich vorstellen können, dass Halbleiter weltweit zu einem knappen Gut werden könnten. Volkmar Denner, der Chef des Stuttgarter Autozuliefer- und Technologieunternehmens Bosch, kündigte damals den Bau einer hochmodernen Chipfabrik an. In Dresden sollte in einen neuen Standort rund eine Milliarde Euro investiert werden, um dort Halbleiter vor allem für die Autoindustrie und die digitalen Fabriken der Zukunft zu fertigen.

An diesem Montag war es nun so weit: Denner weihte zusammen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, der Vizepräsidentin der EU-Kommission, Margrethe Vestager, und Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer das neue Werk ein. "Es ist für Bosch von strategischer Bedeutung, Halbleiter als eine Kerntechnologie selbst zu entwickeln und zu fertigen", sagte Denner. Eine solche Fabrik helfe, "die Wettbewerbsfähigkeit Europas als Wiege für Spitzeninnovation zu stärken", erklärte Vestager. Im Juli schon sollen in Dresden die ersten Chips ausgeliefert werden, ein halbes Jahr früher als ursprünglich geplant.

Eile ist auch geboten, denn Halbleiter sind derzeit weltweit knapp wie nie zuvor. In der Corona-Krise hatte die Industrie die Produktion gedrosselt, dazu legten ein Schneesturm in Texas und Brände in Japan mehrere Halbeiterfabriken vorübergehend lahm. Gleichzeitig stieg aber auch die Chip-Nachfrage für Unterhaltungselektronik und Smartphones. Die Folge: Der Nachschub stockt, viele Autohersteller weltweit mussten zuletzt ihre Produktion unterbrechen. Nach Schätzungen der Berater von Alix Partners werden 2021 weltweit 3,9 Millionen Fahrzeuge weniger produziert, was zu Umsatzeinbußen von 110 Milliarden Dollar führt.

Besser könnte der Zeitpunkt für die neue Fabrik also kaum sein. Denner sagte in Dresden, die Industrie werde noch einige schwierige Monate vor sich haben, 2022 könnte sich die Lage wieder sukzessive normalisieren. Andere Experten stellen sich auf längere Probleme ein.

Fast jede Funktion in einem Auto braucht Chips - und der Bedarf steigt

Unabhängig von der momentanen Knappheit sind Halbleiter ohnehin ein wachsendes Geschäft. Die Fahrzeuge, besonders E-Autos, werden mit immer noch mehr Elektronik und noch mehr Software ausgestattet. Damit der Airbag auslöst, der Gurtstraffer greift, das Schiebedach aufgeht oder der Wagen irgendwann vollautonom fährt - für all das braucht es Mikrochips. Je komplexer die Anforderungen werden, desto größer wird der Bedarf. Für Bosch, den größten Autozulieferer der Welt, ist es dabei ein Vorteil, wenn man seine Produkte mit Chips aus der eigenen Produktion an die Hersteller verkaufen kann. Schon jetzt seien in jedem neuen Auto durchschnittlich 17 Chips von Bosch, heißt es von dem Unternehmen. Diese seien zudem besonders kompliziert. "Chips in Fahrzeugen sind die Königsdisziplin der Halbleiter-Fertigung", sagte Harald Kröger, der zuständige Bosch-Geschäftsführer.

Bei Halbleitern liegt Europa inzwischen weit hinter den USA und Asien. Die meisten großen Chipunternehmen haben dort ihren Sitz und produzieren nicht in Europa. Das hat Folgen, gerade jetzt. Denn europäische Unternehmen brauchen dringend Halbleiter und Sensoren, und sind weitgehend auf die Produzenten in Asien und den USA angewiesen. Reinhard Ploss, der Chef von Infineon, des einzigen Halbleiterunternehmens von Weltrang mit Sitz in Deutschland, sagte gerade, Europa sei bei Chips von Importen aus Asien abhängig, müsse aber autonom werden und eine "fast schon verlorene Industrie" wiedergewinnen. Denner sieht das anders und weist darauf hin, dass gerade die Chipindustrie weltweit verwoben ist. "Eine volle Autonomie ist weder sinnvoll noch erstrebenswert", betonte der Bosch-Chef. Zudem sei das Geschäft mit Halbleitern stark segmentiert - in einzelnen Sparten sei Bosch etwa Marktführer.

Infineon produziert wie Bosch auch in Europa, derzeit wird eine weitere Fertigung im Villach in Österreich hochgezogen. Bosch fertigt bereits seit 1970 in Reutlingen Halbleiter, 2010 investierte das Unternehmen 600 Millionen Euro in den Standort. Nun also die neue, deutlich teurere Fabrik in Dresden. Dort liegt inzwischen Europas größter Fertigungsstandort von Halbleitern, es gibt mehr als 2000 Firmen mit insgesamt geschätzt rund 70 000 Beschäftigten. Angefangen hat das nach der Wende, als Siemens und der damalige US-Konzern AMD beschlossen, an der Elbe Halbleiterwerke zu bauen. Und der Aufschwung geht weiter. Nicht nur Bosch investiert, auch der Auftragsfertiger Globalfoundries, Jenoptik, Infineon oder Vodafone setzen auf den Standort Dresden. Das Gebiet wird deshalb schon länger als "Silicon Saxony" betitelt.

Alles ist hoch automatisiert

Viel gibt es unterdessen nicht zu sehen in der neuen Bosch-Fabrik, die auf einer Fläche von vierzehn Fußballfeldern steht und die man pandemiebedingt nur per Videorundgang betrachten kann. Zumindest nicht, wenn man sich ein derartiges Gebäude vorstellt wie eine typische Produktionshalle, in der Menschen herumwuseln. Stattdessen ist das Herzstück des Gebäudes im vierten Stock, der sogenannte Reinraum, ein Ort der Maschinen, in gelbes Licht getaucht. Dazwischen sieht man nur vereinzelt Menschen, die dank der Erfahrung aus den vergangenen Monaten in ihrer Montur sofort an Personal auf Corona-Intensivstationen erinnern. Doch hier dient die Vollverkleidung vor allem dazu, die empfindlichen Teile zu schützen, die hier hergestellt werden: Mikrochips, die auf sogenannte Wafer platziert werden. Jede dieser runden Scheiben besteht aus Silizium, ist 300 Millimeter groß und nur 0,8 Millimeter dick. Sie sind der Boden, auf dem bis zu 35 000 Chips aufgetragen werden - die dann wiederum vor allem in der Autoindustrie eingesetzt werden sollen. Derzeit arbeiten rund 250 Menschen in der neuen Bosch-Fabrik, in wenigen Jahren sollen es 700 sein - ein Großteil davon hoch spezialisierte Ingenieure.

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