Süddeutsche Zeitung

Autoindustrie:Historischer Umbruch

Joschka Fischer im Werbespot eines Automobilherstellers? Für die einen mag dies Greenwashing, für andere sogar Verrat sein. Die Kombination Fischer-BMW zeigt aber vor allem eines: die Unordnung einer Branche.

Ein Kommentar von Thomas Fromm

Wenn plötzlich Dinge zusammen gehen, die früher nie so zusammen gegangen wären, sind Fragen fällig. Was ist passiert? Welche Seite hat sich da nun bewegt? Hat alles noch seine Ordnung?

Wenn zum Beispiel der Vorzeige-Grüne Joschka Fischer in einem dreiminütigen Werbespot auftritt und dabei aus einem kleinen elektrischen BMW herausruft, er sei "beeindruckt", dann wirft das Fragen auf. Ist der alte Ur-Sponti, der zuletzt als Industrieberater seine Kreise zog, jetzt ganz auf der anderen, der dunklen, Seite gelandet? Oder ist BMW mit seinem neuen Elektroauto nun auf einmal so grün geworden, dass selbst der Dauerläufer Fischer von einem "wunderschönen Fahrgefühl" schwärmt?

Industrie steckt im Umbruch

Man kann so etwas skurril finden. Man kann Fischers Auto-Einsatz für kommerzielles Greenwashing und Verrat halten. Als Befürworter von Elektroautos mag man die offen zur Schau gestellte Nähe zur Industrie vielleicht sogar ganz ok finden. Vor allem aber: Fischer und BMW, dieses seltsame Paar, zeigen die ganze Unordnung einer Branche auf, in der es keine einfachen Wahrheiten mehr gibt. Die Industrie steckt in einem Umbruch, und selbst in den Vorstandsetagen ist vielen noch nicht klar, was da draußen gerade eigentlich geschieht. Die Manager hecheln wie eh und je von Quartal zu Quartal, von Jahr zu Jahr, obwohl sie eigentlich - man muss es so sagen - mindestens Fünf-Jahrespläne machen müssten.

Zum Beispiel am Dienstag, da schaute die Industrie auf Berlin, wo der Verband der Automobilindustrie (VDA) seine Jahrespressekonferenz abhielt. Es gab: die üblichen Zahlenspiele. Pkw-Neuzulassungen in 2013 wohl bei 2,93 Millionen, also noch unter Vorjahr. Für 2014 sei man "zuversichtlich", aber mit 2013 könne man "nicht zufrieden sein", so VDA-Chef Matthias Wissmann.

Die Frage ist, ob man überhaupt je wieder ein Niveau erreichen wird, mit dem Wissmann - nach heutigen Maßstäben - zufrieden sein kann. Denn die nach unten weisenden Kurven in den Absatzstatistiken könnten mehr sein als eine konjunkturbedingte Delle. Man kann sie auch als Vorboten einer neuen Ära sehen. Einer Ära, in der schiere Größe und Absatz ihre Bedeutung verlieren.

Da ist die Politik, die die Hersteller mit immer strengeren CO2-Auflagen in die Pflicht nimmt und sie zwingt, neue, umweltfreundliche Autos mit alternativen Antrieben zu bauen. Autos, die erst einmal teurer sind als die klassischen Benziner. Da ist eine junge Kundschaft, die ihre Prioritäten anders setzt als die Generation der Eltern und Großeltern. Ein Auto? Vielleicht. Aber nicht unbedingt. Und wenn, dann als Carsharing-Fahrzeug.

Manche profitieren noch vom Boom in den USA und China

Was die Hersteller genau wissen: Jedes Carsharing-Auto, das auf der Straße für vier oder fünf Privatwagen steht, ersetzt auch in ihrer Bilanz einige Modelle, die dann nicht mehr gebaut werden. Dass Konzerne wie Daimler selbst Car-Sharing-Dienste anbieten, zeigt: Sie wissen, dass es jemand anders tut, wenn sie es nicht selber machen. Vieles spricht zwar dafür, dass die Autokonzerne ihren Absatz in Schwellenländern, in China und in den USA auf absehbare Zeit noch steigern werden. Nicht aber in Europa und schon gar nicht in den dortigen Großstädten.

Die Absatzkrise auf dem Automarkt lässt sich nur zum Teil mit der seit Jahren andauernden Finanz- und Eurokrise erklären. Wenn Opel Bänder stilllegen muss, weil in Europa zu viele Fahrzeuge auf den Hinterhöfen der Fabriken herumstehen, wenn bei dem alten französischen Traditionshersteller Peugeot der Staat einsteigen will und chinesische Investoren um ein Drittel der Anteile in Paris buhlen, wenn die schwedischen Ikonen Saab und Volvo in asiatischen Händen landen, wenn in Italien darüber diskutiert wird, ob und wann sich das italienische Nationalheiligtum Fiat eines Tages ganz vom Apennin zurückziehen wird, wenn Konzerne wie Daimler und BMW immer mehr Autos in China und den USA bauen, dann ist das nicht unbedingt nur Krise. Dann ist das auch: ein historischer Umbruch.

Möglich, dass einige dabei unter die Räder kommen. Vor allem diejenigen, die sich gerade auf dem europäischen Automarkt brutale Rabattschlachten liefern. Andere wie Daimler, BMW und VW machen weiterhin Milliardengewinne und fahren Sonderschichten. Sie profitieren vom Boom in den USA und China. Noch. Denn wie lange der anhält, wissen sie nicht - auch für die Milliardenverdiener wird es wohl nicht ewig so weitergehen.

Wenn Joschka Fischer jetzt also den Außenminister von BMW gibt, sollte einen das nicht groß verwundern. In der Autoindustrie werden demnächst Dinge passieren, die noch seltsamer sind.

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SZ vom 04.12.2013
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