Süddeutsche Zeitung

Automobile Spielereien:Fahren wie James Bond

Aston Martin legt das Bond-Auto aus "Goldfinger" neu auf, mit so vielen Bond-Gadgets wie möglich. Das ist Eskapismus bis der TÜV kommt.

Glosse von Stephan Radomsky

Die Zeiten sind hart. Die Demokratie, die Freiheit, die Wirtschaft - alles scheint in Gefahr, seitdem sich das fiese Virus um den Erdball verbreitet. Höchste Zeit also für einen Helden, für einen, der die Welt rettet. So einen wie Sean Connery, damals 1964, als er als Agent Ihrer Majestät (das war auch damals schon Elizabeth II.) den Jahrhundert-Bösewicht Goldfinger besiegte.

Connery ist inzwischen aber 89 und Teil der Hochrisikogruppe. Als Corona-Held fällt er also aus. Bliebe noch sein heimlicher Co-Hauptdarsteller von damals, der silberne Aston Martin DB 5: ein Traumwagen mit tödlicher Ausstattung. Maschinengewehre, Schleudersitz, Öl- und Nebelwerfer, Radarortung, Funktelefon. Wie passend, dass der kriselnde britische Hersteller Aston Martin seinen Klassiker gerade in einer Kleinserie neu aufgelegt hat. 25 Stück werden gebaut, mit so vielen Bond-Gadgets wie möglich und zu einem Stückpreis von umgerechnet mehr als drei Millionen Euro. Alle Wagen seien bereits verkauft, heißt es.

Aber können sie wirklich die Rettung sein? So ziemlich jede Familienkiste verfügt heute über Satellitenortung, vulgo: Navi, genauso wie jedes Familienmitglied heute sein eigenes Funktelefon in der Tasche trägt. Dafür funktionieren die Teile - anders als im Original-Auto - auch wirklich. Ansonsten aber wirkt die Agentenausstattung im neu-alten Aston, als wäre sie eher aus einem Yps-Heft denn aus der Werkstatt von Chef-Tüftler Q: Statt Patronen im Kaliber .30 verschießen die Maschinengewehre nur Lichtblitze, statt Öl verspritzen die Düsen am Heck nur Wasser, und den Beifahrer-Schleudersitz aus dem Original gibt es gar nicht. Mit so was käme man heute auch schlicht nicht durch den TÜV. James Bond konnte das damals egal sein.

Echte Helden lassen sich eben nicht nachbauen. Die gibt es nur im Original, und man muss warten, bis sie einem begegnen. So wie vergangenes Jahr: Da ging der letzte echte DB 5 aus "Goldfinger" bei einer Auktion in den USA für umgerechnet 5,75 Millionen Euro weg. Die Flucht aus der trüben Gegenwart hat ihren Preis.

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Quelle:
SZ vom 30.05.2020/mxh
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