Süddeutsche Zeitung

VfL Wolfsburg:Gomez zur Bundesliga: "Mehr Gemurkse als sonst was"

  • Wolfsburgs Mario Gomez fällt im Spiel gegen Leverkusen nicht nur mit drei Toren auf, sondern auch mit Worten.
  • Er kritisiert die Qualität der Bundesliga, viele Spiele seien von "Druck, Angst, Nervosität und Einfach-nur-den-Arsch-retten-wollen" geprägt.
  • Tabelle und Ergebnisse der Bundesliga finden Sie hier.

Von Philipp Selldorf, Leverkusen

Mario Gomez hat am Sonntagabend ziemlich übel hergezogen über die Liga, in der er sein Geld verdient. Woche für Woche, so klagte er, sei "mehr Gemurkse als sonst was" zu beobachten im Kampf um das Dasein in der ersten Liga. So viele Spiele seien von "Druck, Angst, Nervosität und Einfach-nur-den-Arsch-retten-wollen" geprägt, findet Gomez, weshalb er das zähe Gedränge zwischen den Plätzen sechs bis 16 auch nicht als Qualitätsmerkmal betrachten möchte: "Acht Punkte zwischen Europa League und Abstiegsplatz, das gibt es normalerweise in der dritten und vierten Liga. Man kann das als Stärke oder Schwäche der Liga auslegen, ich finde, das ist Schwäche."

Zum Glück hat der asiatische Markt nicht zugehört, als Gomez am Sonntag um viertel nach acht in dekorativen Adiletten und ebenso dekorativen giftgrünen Socken seine bittere Meinung zum Zustand der Bundesliga gesagt hat; es standen bloß noch ein paar Reporter aus Wolfsburg vor ihm. Dem asiatischen Markt hatte Gomez zuvor in der Partie zwischen Bayer Leverkusen und Wolfsburg ganz andere, sogar betörend attraktive Signale vom deutschen Fußball gesendet.

Der 31 Jahre alte Nationalspieler belieferte das Publikum im fernen Osten unter anderem mit den Bildern seiner drei Tore, die aus dem Spiel ein Spektakel machten: Beim Stand von 2:0 für Leverkusen bog die Begegnung in die letzten zehn Minuten ein, und am Ende ärgerten sich die Wolfsburger, dass sie ihre 3:2-Führung nicht hatten halten können, während wiederum die Leverkusener sich ärgerten, dass sie das greifbar nahe 4:3 verpasst hatten - Robin Knoche rettete nach Roberto Hilberts Schuss knapp vor der Torlinie. Das 3:3 war schließlich eine Lösung nach Art des König Salomon.

Völler sieht "lächerliche Fehlentscheidung"

Trotz des verrückten Finales traf der Vorwurf des Gemurkses zu, nicht bei den Gästen, sondern bei den Gastgebern. Kein Zuschauer hatte so richtig kapiert, wie es Bayer gelungen war, gegen permanent überlegene Wolfsburger 2:0 in Führung zu gehen, denn nicht nur Mario Gomez fand: "Man musste nicht die grün-weiße Brille aufhaben, um zu erkennen, dass Leverkusen nicht sein bestes Spiel gemacht hat."

Wie ernst die Lage bei Bayer 04 ist, das ließ sich durch Rudi Völlers penetrante Kritik an Schiedsrichter Deniz Aytekin erkennen. Dessen Strafstoßpfiff in der 87. Minute geißelte der Bayer-Sportchef wahlweise als "furchtbare", "katastrophale" oder "lächerliche Fehlentscheidung" sowie als "ich wiederhole: geschenkten Elfmeter". Womit nun wirklich jeder verstanden hatte: Zum Zweck der Staatsräson haut Völler lieber den Schiedsrichter in die Pfanne als die eigene, schwer verunsicherte Elf, die seit der Trennung von Trainer Roger Schmidt nicht besser vorankommt als vorher. Der neue Coach Tayfun Korkut hat auch im vierten Spiel noch keinen Sieg gelandet.

Gomez widerspricht Völler

Konfrontiert mit Völlers Ansicht zum Schiedsrichter, machte Gomez erneut von der freien Meinungsäußerung Gebrauch. Erstens unterstellte er Völler "Wahrnehmungsstörungen", zweitens tadelte er, das sei nicht das Verhalten "eines Sportsmanns". Auch Gomez hatte im Spiel Kontakt mit Aytekin gehabt, besonders in der 68. Minute, nachdem ihn Bayer-04-Verteidiger Dragovic mit lautem Rums niedergerammt hatte - im Stile von "Rambo", wie das Opfer den Schiedsrichter wissen ließ. "Glasklarer Elfmeter!", rief Gomez. Aytekin erwiderte: "Ich sehe es nicht so." Woraufhin das Wundersame geschah: Mario Gomez verlor keine Zeit mit Klagen und Beschweren und spielte weiter, bis er endlich und hochverdient sein erstes Tor erzielt hatte, dem er gleich das zweite und dritte folgen ließ - Krönung eines von Anfang an hochklassigen Stürmer-Auftritts.

Mario Gomez ist ein Fußballer, dem man immer gleich anmerkt, wenn er sich wohlfühlt. Beim VfL ist er jetzt der prominenteste Zeuge für den inspirierenden Einfluss, den der neue Trainer Andries Jonker binnen fünf Wochen beim VfL Wolfsburg verwirklicht hat. Seit der Ankunft des Niederländers hat Gomez in jedem der vier Spiele getroffen, doch er besteht darauf, dass diese Quote mehr über Jonkers Arbeit verrät als über seine Torjägerkunst: "Mein Job ist für jedermann einfach zu sehen. Ich bin derjenige, der die Tore macht. Aber dass wir wieder einen klaren Plan haben, das sieht man nicht nur mir, sondern der kompletten Mannschaft an. Jeder Spieler fühlt sich wohl damit und hält sich daran."

Glanz auf und neben dem Platz

Die VfL-Profis scheinen neuerdings ein Gefühl von Freiheit zu atmen, das war in Leverkusen zu sehen und bei Gomez sogar zu hören, als er ohne branchenübliche Zurückhaltung seine Meinungen äußerte. Warum auch nicht? Rudi Völler kann Widerspruch verkraften, und das Ansehen der Liga erleidet durch Gomez sowieso keinen Schaden. Glanz verbreitet er auf und neben dem Platz, während der monatelang in traurigem Grau versteckte VfL plötzlich als gutes Beispiel leuchtet: Mitten im Abstiegskampf haben die Wolfsburger die Freude am Fußball wiederentdeckt. Jonker habe der Mannschaft den Sinn der Sache wieder ins Bewusstsein gebracht, erzählte Gomez: "Warum spielen wir Fußball?, hat er uns gefragt: Weil wir Spaß daran haben."

So hat's ausgesehen am Sonntagabend. Nach Fußball, nicht nach Gemurkse.

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Quelle:
SZ vom 04.04.2017/ska
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