Süddeutsche Zeitung

Europäischer Fußball:Offiziell: Zwölf Klubs wollen Super League gründen

In der Nacht zum Montag veröffentlichen zwölf Top-Klubs eine Erklärung mit der Absicht, zum nächstmöglichen Zeitpunkt eine Super League gründen zu wollen. Der Europaverband Uefa droht mit dem Ausschluss aus den nationalen Ligen.

Von Thomas Kistner

Der internationale Ballbetrieb läuft auf eine epochale Entscheidung zu, wenn am Montag und Dienstag die europäische Fußball-Union Uefa am Genfer See tagt. Der große Bruch deutet sich an - zwischen einem Dutzend Topklubs und dem Rest der Branche.

In der Nacht zum Montag verkündeten nämlich zwölf Klubs offiziell, dass sie eine Super League schaffen wollen. Real Madrid, der FC Barcelona, Atlético Madrid, Inter und AC Mailand, Juventus Turin sowie die englischen Vereine Manchester United, Manchester City, Chelsea, Liverpool, der FC Arsenal und Tottenham veröffentlichten gemeinsam eine entsprechende Erklärung.

Darin heißt es, man habe sich geeinigt, einen neuen Wettbewerb namens "Super League" zu gründen, organisiert und verwaltet von den Klubs selbst. Man erwarte, dass sich drei weitere Klubs den bisherigen zwölf anschließen werden, die erste Saison soll so bald wie möglich stattfinden.

Als Format strebt man an, dass sich fünf weitere Klubs zusätzlich zum festen Stamm der 15 Dauermitglieder jährlich für den Wettbewerb qualifizieren können. In zwei Gruppen zu je zehn Mannschaften sollen sich die Klubs dann fürs Viertelfinale qualifizieren, die Spiele sollen unter der Woche stattfinden, die Vereine könnten so weiter in ihren nationalen Ligen spielen. Was in der Mitteilung nicht steht, aber was offensichtlich ist: Die Champions League wäre Geschichte.

Der neue Wettbewerb soll angeblich höhere Einnahmen bieten als die Königsklasse. In dem Statement heißt es, man rechne mit zehn Milliarden Euro für die Klubs in der ersten "Verpflichtungsperiode" und zusätzlich 3,5 Milliarden Euro für Infrastruktur.

Die US-amerikanische Investmentbank JPMorgan steht als Geldgeber hinter dem Vorhaben. Das bestätigte das Unternehmen mit Sitz in New York am Montag. "Ich kann bestätigen, dass wir den Deal finanzieren", sagte ein Sprecher der Bank der französischen Nachrichtenagentur AFP.

"Wir werden dem Fußball auf jedem Level helfen und ihn zu seinem rechtmäßigen Platz in der Welt bringen. Fußball ist der einzige globale Sport auf der Welt mit mehr als vier Milliarden Fans und unsere Verantwortung als große Klubs ist es, auf deren Begehrlichkeiten zu reagieren", wurde Real-Boss Florentino Pérez in der Mitteilung zitiert, der offenbar Vorsitzender der "Super League" werden soll.

Dieser Vorstoß kommt nur Stunden, bevor die Uefa am Montag über die Reform ihrer Champions League berät, die ohnehin wegen üppiger Zugeständnisse an die Großklubs umstritten ist: Das wirft nicht nur Stilfragen auf, es führt die Parteien an die Bruchlinie.

Die Uefa reagierte gestern Abend schon vor der offiziellen Verkündung zusammen mit den nationalen Ligen aus England, Spanien und Italien mit einer Mitteilung. Man wolle gemeinsam dieses "zynische Projekt" stoppen. Sollten Klubs an der Super League teilnehmen, werde man sie aus den nationalen Ligen und anderen Bewerben verbannen, die Spieler dürften zudem nicht mehr für ihre Nationalteams auflaufen. Man bedanke sich bei Klubs aus anderen Ländern, "besonders bei den französischen und deutschen Klubs", die sich dem Vorhaben nicht angeschlossen haben. Das Statement endet mit: "Genug ist genug."

Unmittelbar nach der Publikation der Pläne verschickte der Weltfußballverband Fifa eine Stellungnahme, in der er die neue Liga zwar nicht direkt erwähnte, aber dennoch "Missbilligung" zum Ausdruck brachte über alle Pläne, die die "Grundprinzipien Solidarität, Inklusivität, Integrität und gleichberechtigte finanzielle Umverteilung" nicht widerspiegeln.

Aus Deutschland folgte ebenfalls noch am Sonntagabend Unterstützung: "Wirtschaftliche Interessen einiger Top-Klubs aus England, Italien und Spanien" dürften "nicht die Abschaffung gewachsener Strukturen im gesamten europäischen Fußball zur Folge haben", schrieb Christian Seifert, Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga (DFL). Die nationalen Ligen auf diese Weise "irreparabel zu beschädigen", sei "unverantwortlich". Die Erklärung der Uefa und der Ligen-Vertreter aus den Ländern der zwölf Abtrünnigen machte sich Seifert ausdrücklich zu eigen, was auch ein Signal sein dürfte an etwaige deutsche Super-League-Interessenten: Gleichzeitig in der Bundesliga und in der Super League antreten, das wird nicht möglich sein.

Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke betonte am Montag, dass der BVB und der FC Bayern sich über die Ablehnung der Super League einig sind. Watzke erklärte in einer Mitteilung seines Vereins, dass "beide deutsche Klubs, die im ECA-Board vertreten sind, der FC Bayern München und Borussia Dortmund, in allen Gesprächen zu 100 Prozent deckungsgleiche Auffassungen vertreten haben".

Die Auswirkungen einer Abspaltung wären gewaltig, es ginge nicht zuletzt um Milliardenklagen von Sendern und Sponsoren, sollte die Champions League künftig ohne Real, Juve oder Chelsea stattfinden. Doch die Uefa hat noch eine zusätzliche scharfe Waffe zur Hand in einem möglichen Rechtsstreit mit den Nimmersatts der Branche: die Rückendeckung der Europäischen Kommission in Brüssel. Uefa-Präsident Aleksander Čeferin ließ sich im Dezember von EU-Kommissarin Ursula von der Leyen persönlich die hohe Schutzbedürftigkeit des europäischen Sportmodells zusichern, mit offenen Ligenbetrieben samt Auf- und Abstiegen. Die avisierten harten Sanktionsmaßnahmen dürfte das zusätzlich politisch und vor allem juristisch absichern. Die Drähte zwischen Nyon und Brüssel wurden vorsorglich wieder aktiviert. Und noch am Sonntagabend meldete sich Emmanuel Macron aus dem Élysée-Palast: Frankreichs Staatschef lobte die Distanz der nationalen Klubs zur Superliga, er unterstütze voll die Uefa dabei, "die Integrität der Wettbewerbe" zu sichern. Englands Premier Boris Johnson stieß am späteren Abend ins selbe Horn.

Auch deutsche Klubs haben sich den Aufrührern bisher verweigert. Obwohl seit Längerem viele Planspiele im Dunstkreis einer Superliga laufen, befeuert von Gianni Infantino, dem Boss des Weltverbandes Fifa und Erzwidersacher Čeferins. Die klare Reaktion von Uefa und beteiligten Ligen könnten dem Projekt noch vor der offiziellen Verkündung den Stecker gezogen haben. Klar ist aber: Die ECA pokert mit höchstem Einsatz. Und Juventus-Chef Andrea Agnelli wiederum spricht mit gespaltener Zunge: Er ist Uefa-Funktionär, Chef des Klubverbunds ECA - und Wortführer der Abtrünnigen?

Auch Fanvertreter lehnten eine Super League am Sonntag einhellig ab. Das ist nicht ganz unwichtig für die Business-Pläne der Super-League-Träumer, zumal in pandemischen Zeiten noch weniger anzunehmen ist, dass die breite europäische Fan-Basis eine solche Attacke auf die Grundfesten des Spiels verzeihen - oder gar goutieren - könnte. Gary Neville, englischer Alt-Nationalspieler und heute TV-Kommentator, fasste das beim Sender Sky in Worte, die nicht nur britische Fans ins Herz treffen dürften: Besonders enttäuscht sei er über die Volksklubs Manchester United und FC Liverpool. Eingedenk Liverpools legendärer Fan-Hymne "You never walk alone" sei der Beitritt zu so einer Super League eine "reine Schande".

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