Süddeutsche Zeitung

DFB-Präsident Reinhard Grindel:Der umstrittene Steuermann

  • Der Rücktritt Mesut Özils rückt auch DFB-Präsident Reinhard Grindel in den Fokus.
  • Grindel war schon umstritten, als er noch als Journalist und als CDU-Politiker tätig war.
  • Er muss beim DFB etliche Baustellen moderieren - einen Plan lässt er dabei nicht erkennen.

Genau zwei Wochen hat es also gedauert, bis der DFB-Präsident Reinhard Grindel von Mesut Özil die geforderte Antwort bekam. Vor zwei Wochen, die WM in Russland ging gerade in ihre entscheidende Phase, hatte Grindel dem kicker jenes Interview gegeben, in dem er den Nationalspieler Özil aufforderte, doch bitte all die Fragen zu seinem Foto mit dem türkischen Staatschef Erdogan zu beantworten, die "die Fans" berechtigterweise noch hätten. "Völlig klar" sei es für ihn, sagte Grindel, "dass sich Mesut, wenn er aus dem Urlaub zurückkehrt, auch in seinem eigenen Interesse öffentlich äußern sollte". Auch davon hänge Özils Zukunft in der Nationalmannschaft ab.

Nun hat Grindel die öffentliche Äußerung vorliegen. Er hat sie sich am Sonntag von Özils Twitter-Account downloaden können, sie heißt "III/III DFB" und ist der dritte Teil jener Trilogie, an deren Ende der 29-jährige Özil aus der Nationalelf zurücktritt. Die Antwort ist nicht so ausgefallen, wie Grindel sie sich erwartet hatte.

Mit vielem hatten sie beim DFB gerechnet, manche durchaus mit einem Rücktritt Özils - etwa aus Verärgerung über die fehlende Rückendeckung, die aus Grindels Interview ebenso herauszulesen war wie aus unglücklichen Äußerungen des Managers Oliver Bierhoff kurz zuvor. Aber auch, dass Özil bald gerne wieder nominiert werden würde, hielten sie im DFB für nicht unwahrscheinlich. Sicher nicht gerechnet hatten sie aber damit, dass Özil und sein Manager Erkut Sögüt, der die Statements formuliert haben dürfte, den DFB-Chef Grindel in dieser Schärfe angreifen würden.

Auch mit dem neuen Vertrag für Jogi Löw stieß Grindel DFB-intern auf Widerstand

"Ich werde nicht länger der Sündenbock sein für seine Inkompetenz und Unfähigkeit, seinen Job gut zu machen", steht da in Özils Statement. Oder: "In den Augen von Grindel und seinen Unterstützern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Migrant, wenn wir verlieren." Oder: "Die Sache, die mich in den letzten Monaten am meisten frustriert hat, war die Fehlbehandlung durch den DFB, speziell durch DFB-Präsident Reinhard Grindel." Rücktrittsforderungen an den DFB-Chef ließen danach nicht lange auf sich warten, aus dem Fußball wie aus der Politik.

Grindel und Präsidiumskollegen konferierten am Montag per Telefon über eine angemessene Antwort, danach gab der DFB eine auf Ausgewogenheit bedachte Erklärung heraus. Es ist ein Mix aus Bedauern des Rücktritts samt Würdigung von Özils Verdiensten einerseits - und der Zurückweisung des von Özil erhobenen Rassismus-Vorwurfs gegen Teile des Verbands andererseits. Es fehlt nicht die Formulierung, dass für "jeden Spieler, der für Deutschland Fußball spielen" wolle, ein Bekenntnis zu Werten wie "Menschenrechten" oder "Meinungs- und Pressefreiheit" Voraussetzung sei; ein Hinweis, dass Özil in seinen Statements zwar seinen Respekt vor dem Amt des türkischen Präsidenten betont, aber erneut kein Wort darüber verliert, wie Amtsinhaber Erdogan die Türkei in einen autokratischen Staat verwandelt.

Ohne konkret zu werden, werden in der DFB-Erklärung auch Fehler eingestanden: "Dass der DFB im Umgang mit dem Thema" zu offenen Fragen "auch einen Beitrag geleistet hat, räumen wir selbstkritisch ein", heißt es. "Und dass Mesut Özil das Gefühl hatte, als Ziel rassistischer Parolen gegen seine Person nicht ausreichend geschützt worden zu sein, (...) bedauern wir."

Weitergehende Fragen beantworteten Grindel und der DFB nicht - dabei hatten Özil und sein Management mit konkreten Vorwürfen operiert. Grob zusammengefasst: In Person von Grindel werde der DFB von einem Mann geführt, der nur so tue, als seien ihm Integration und Anti-Rassismus-Kampagnen ein Anliegen, und der darüber hinaus sein Fähnchen gern nach dem Wind drehe. "Es gehört für uns als Verband auch zum respektvollen Umgang mit einem verdienten Nationalspieler, dass wir manche für uns in Ton und Inhalt nicht nachvollziehbare Aussage in der Öffentlichkeit unkommentiert lassen", teilt der DFB mit. Eine geschickte Formulierung, um zu manchem, was nun öffentlich auf dem Tisch liegt, nichts zu sagen.

Ein Quereinsteiger im Fußballbetrieb

In jedem Fall lenkt all das den Scheinwerfer auf eine Figur, die bisher eher im Hintergrund gewirkt hat - zumindest wirkte es lange so: Reinhard Grindel, 56, den DFB-Präsidenten. Jetzt benennt ihn Özil als den Steuermann, der die Integrationspolitik der Nationalelf an die Wand gefahren habe. Grindel, der Quereinsteiger im Fußballbetrieb, den nur eine schicksalhafte Fügung an die Verbandsspitze gespült hatte: Als sich Ende 2015 in der Affäre um ungeklärte Millionenflüsse rund um die WM 2006 der Amtsinhaber Wolfgang Niersbach heillos verstrickt hatte, musste der DFB einen neuen Frontmann aus dem Hut zaubern. Allerlei Kandidaten winkten ab: Reinhard Rauball, Bierhoff, Heribert Bruchhagen. Auch der damalige Interimschef Rainer Koch erklärte den Verzicht, zugleich warb er für den erst seit 2013 amtierenden Schatzmeister: Grindel. Monate später war der Niedersachse gewählt.

Dabei hat die enorme Dimension der Sommermärchen-Affäre stets auch überschattet, dass Grindel nie unumstritten war. Zunächst Journalist, der die ZDF-Büros in Berlin und später Brüssel leitete, war er 2002 für die CDU in den Bundestag eingezogen. Trotz der Schatzmeister-Funktion im DFB fungierte er dort auch als Vize-Chef des Sportausschusses - sogar noch, als sich der Ausschuss schon mit den anrüchigen Millionenzahlungen im DFB-Kontext befasste. Und als 2014 das Parlament ein Gesetz zur Strafbarkeit von Abgeordnetenbestechung anschob, gab es neben 582 Ja-Stimmen und drei Ablehnungen sieben Enthaltungen. Eine davon kam von Grindel, der im DFB zu der Zeit Anti- Korruptionsbeauftragter war. Auch in der Europa-Union Uefa ließ er sich nach seinem Einstieg 2017 an die Spitze des Governance- und Compliance-Komitees wählen.

Als Fußballverbandschef hat Grindel selten überzeugt

Mögliche Interessenskonflikte säumten öfter seinen Weg - auch das breitet Özils Brandschrift nun aus. Etwa, wie Grindel einst im Bundestag dafür plädierte, dass sich junge Deutsche mit doppelter Staatsbürgerschaft für eine Nationalität entscheiden müssten. Das stieß schon damals auf Missbehagen, Grindel wurden Vorurteile vorgeworfen - wobei doch der DFB für das Gegenteil stehe: Toleranz und Integration.

Als Verbandschef hat Grindel in kurzer Amtszeit dann selten überzeugt. In den internationalen Gremien Uefa und Fifa gilt er als Leichtgewicht, die Aufarbeitung der WM-Affäre 2006 ist längst ins Stocken geraten. Und mit der Vertragsverlängerung bis 2022 mit Bundestrainer Joachim Löw - ohne Not vor der WM - hat er auch intern Widerstand geweckt: Geht Löws Reformprojekt schief, wird der DFB zwecks Abfindung tief in die bereits durch andere Affären (Steuernachforderung WM 2006) belasteten Kassen greifen müssen. Erst Mitte voriger Woche hat der Verband protestierende Landesfürsten per Dekret zum Schweigen gebracht - auch dieser restriktive Umgang mit der Öffentlichkeit ist ein Merkmal der Grindel-Ära. So war schon bei Löws Nominierung des WM-Spielerkaders Journalisten nicht erlaubt worden, Fragen zu stellen. Dabei gab es die reichlich.

Während sich unter Grindel das Hochgefühl der eigenen Weltmeisterlichkeit ausbreitete, das dann in Russland wie ein angepiekster Heißluftballon zerplatzte, war der Politiker Grindel offenbar auch in der verbandsinternen Özil-Debatte aktiver, als bekannt. Das behauptet jedenfalls der Spieler, der dem DFB-Chef unterstellt, er habe das Treffen bei Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier belastet und gar ein abschließendes Statement auf DFB-Kurs trimmen wollen. Der Punkt könnte noch wichtig werden. Das Bundespräsidialamt hatte nach dem Treffen in einer - per Facebook allerdings eher diskret gehaltenen - Stellungnahme etwas dargelegt, was eher nicht ins überlieferte Weltbild des CDU-Politikers Grindel passt: "Heimat gibt es auch im Plural. Ein Mensch kann mehr als eine Heimat haben, und neue Heimat finden. Das hat die Bundesrepublik für Millionen von Menschen bewiesen und es hat uns bereichert." Wollte Grindel auch da eingreifen? Aus Funktionärskreisen heißt es, man habe von Grindel eine andere Darstellung der von Özil geschilderten Vorgänge erhalten. Eine konkrete Anfrage beantwortete der DFB am Montag nicht.

Der DFB will die Dinge einfach aussitzen

Die Frage, wie offen intern miteinander geredet wird, könnte also auch noch zu klären sein.

Ohnehin wird ein allgemeines Abrücken spürbar unter all denen, die sich im Verband jetzt nicht über den Vorturner Grindel äußern wollen. Abwarten, das ist das DFB-Allheilmittel: Ob Löws Reform jetzt nicht erst recht scheitert, nachdem die Özil-Affäre auch den Teambetrieb erreicht hat. Und ob die Causa nicht die ideale Vorlage für die Türkei liefert, um im Herbst die Austragung der EM 2024 gegen den Mitbewerber Deutschland zu erobern - der jetzt ein Integrationsproblem hat, das in ganz Europa wahrgenommen wird.

Nimmt man all die Baustellen, sieht man dazu die Strategie des DFB, die Dinge auszusitzen, um sich irgendwie in den ablenkenden Trubel der neuen Bundesliga-Saison zu retten, drängt sich der Schluss auf, dass die Verbandsspitze bis heute keinen Plan hat - und einen angeknockten Präsidenten. Vielleicht ergäbe ein klarer Schnitt an der Verbandsspitze jetzt den Ruck, der durch die zerstrittene nationale Fußballgesellschaft gehen müsste. Weil es schlimmer nicht mehr kommen kann.

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Quelle:
SZ vom 24.07.2018/schma
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