Süddeutsche Zeitung

Olympiastadion München:Faszinierend wie eine leere Kathedrale

Das Münchner Olympiastadion war einst von Bayern-Fans bevölkert, nun spielt mit Türkgücü erstmals seit acht Jahren wieder ein Klub dort Fußball - das hat auch eine politische Dimension.

Von Christoph Leischwitz

Das Stadion hätte ein Tor verdient gehabt. Aber das 0:0 zwischen Türkgücü München und dem SV Wehen Wiesbaden passte schon ein bisschen zur herbstlichen Stimmung im Münchner Olympiastadion. Sie mussten an diesem trüben Samstagmittag für das Drittliga-Fußballspiel tatsächlich das Flutlicht anschalten, dessen neue LED-Lampen die Stadt München rund 100 000 Euro gekostet haben. Der Olympiaturm zeigte auf der Wetterseite eine lange Regenrinne, es nieselte, das Spiel plätscherte dahin - und kurzfristig waren auch noch Zuschauer untersagt worden.

Mehr als 1000 Karten hatte Drittliga-Aufsteiger Türkgücü schon verkauft, als am Freitag das Verbot aus dem Rathaus kam. Unter den verhinderten Stadionbesuchern, so war zu hören, befanden sich auch sogenannte Groundhopper aus ganz Deutschland. Fans also, die den Besuch exotischer Stadien sammeln wie andere Menschen früher Briefmarken.

Am 14. Mai 2005 hatte Stephan Lehmann, der Stadionsprecher des FC Bayern, ins Mikrofon geschrien: "Und jetzt machen wir es zum letzten Mal im Olympiastadion: Hier ist die Mannschaftsaufstellung des FC Bayern München ..." 2012 folgte in der ehrwürdigen Arena noch ein Einzelevent, das Champions-League-Finale der Frauen. Doch seit acht Jahren war hier nicht mehr Fußball gespielt worden.

Türkgücü-Profi Sercan Sararer war wenige Sekunden nach 14 Uhr der erste Ballkontakt in diesem Drittligaspiel vorbehalten. In der einst von Bayern-Fans bevölkerten Südkurve sah man eine aufgespannte Türkgücü-Fahne. Dieser speziell fußballhistorische Tag hatte auch noch eine weitere Dimension - eine politische: "Türkgücü München - Traditionen bewahren - Kulturen und Menschen verbinden", stand auf der Bande hinter dem Nordkurven-Tor. Und vor dem Anpfiff wurde über die alten Lautsprecher das Lied "Doppelherz" von Herbert Grönemeyer und Andac Berkan Akbiyik eingespielt. "Einmal hier und dann da zu Hause", heißt es im Songtext.

Das gilt auch ein wenig für Türkgücü, den ersten von Migranten gegründeten Verein im deutschen Profifußball, oder besser: den Nachfolgeklub nach einer Insolvenz im Jahr 2001. Nachdem der geschäftstüchtige Hasan Kivran, ein ehemaliger A-Junior des Klubs, die Regie übernahm, stieg der Verein dreimal in Serie auf, von der Landesliga in die 3. Liga. Doch Türkgücü trainiert weiter auf einer Bezirkssportanlage im Münchner Osten - und hat immer noch keine feste Heimspielstätte.

So kam es dazu, dass das Olympiastadion für den Fußball wieder aufgesperrt wurde. Türkgücü darf maximal zwölf seiner 19 Heimpartien in dieser Saison im Grünwalder Stadion austragen, das auch die Ligakonkurrenten 1860 und FC Bayern II nutzen. Dass am vierten Spieltag nun die Premiere in der Ersatzheimat gefeiert wurde, war aber auch ein Stück weit der Pandemie geschuldet: Normalerweise hätte an diesem Wochenende der München Marathon stattgefunden, der hätte auf dem Olympiagelände natürlich Vorrang gehabt.

"Es ist kultig"

Als Torschütze nach mehr als 15 Jahren Männerfußballpause im Olympiastadion konnte sich noch niemand in die Geschichtsbücher eintragen. Am nächsten kamen dieser Ehre Türkgücüs Marco Holz (77.) und Wehens Benedict Hollerbach (87.), die Latte bzw. Pfosten trafen. Türkgücü spielte gegen Ende etwas vorsichtiger als in den drei Partien zuvor. Trainer Alexander Schmidt führte das auch darauf zurück, dass man eine Woche zuvor bei Waldhof Mannheim nach einer 4:2-Führung noch 4:4 gespielt hatte. Die Partie gegen Wehen hatte aufregend begonnen, entwickelte dann aber über weite Strecken einen herbstlich-trostlosen 0:0-Charakter.

"Es ist kultig", schwärmte Schmidt trotzdem vom Stadion, aber Begeisterung kam auch bei ihm nicht auf: "Mit Zuschauern wäre es uns natürlich lieber gewesen", betonte er. So waren dann auch die Anweisungen der Trainer, die sich mit ihren Einwechselspielern vor der Gegengerade befanden, sogar auf der Haupttribüne zu hören. Spiele vor leeren Rängen gab es viele in den vergangenen Monaten, doch so ein weitläufiges Stadion scheint dann noch ein bisschen leerer zu sein. Der Aufenthalt im Olympiastadion wirkte eher wie ein Besuch im Museum oder in einer leeren Kathedrale: faszinierend, aber dezent und nur bedingt emotional. Zurufe der Spieler, Pressschläge, Schiedsrichterpfiffe, all das hallte vom Stadion-Zeltdach zurück. Das schrie förmlich nach Zuschauern, die den Schall hätten schlucken können.

Schmidt erzählte von schönen Kindheitserinnerungen, die man mit diesem Stadion verbinde, er erwähnte das Champions-League-Finale 1997, als Borussia Dortmund hier Juventus Turin besiegte. Der einzige am Samstag Anwesende, der in diesem Stadion schon mal gespielt hatte, war Michael Hofmann, 47. Der Torwarttrainer von Türkgücü legte einen beckenbauerhaften Spaziergang auf der Tartanbahn hin, und schaute die leeren Ränge hinauf, als ob er sich an alte Zeiten zurückerinnere. Im April 1998 hatte er hier sein erstes Bundesligaspiel bestritten mit 1860 (3:1 gegen Hertha BSC), er hatte hier gegen Leeds United in der Champions-League-Qualifikation gespielt und mit Gianluigi Buffon Handschuhe getauscht. "Ich bekomme hier Gänsehaut", hatte er vor dem Spiel in einem Clip der Olympiapark GmbH gesagt.

Die Frage ist, wie oft er in diesem Jahr noch Gänsehaut bekommen kann. Die nächsten Spiele im Olympiastadion sind gegen Duisburg (14. November) und Saarbrücken (24. November) geplant. Doch unter dem erstligatauglichen Rasen ist keine Heizung eingebaut. Neben allen Corona-Unwägbarkeiten könnte also auch ein früher Wintereinbruch die Spiele stoppen.

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Quelle:
SZ vom 12.10.2020
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