Süddeutsche Zeitung

Klopp-Abschied beim BVB:Abgang im letzten Moment

Es war der richtige Instinkt. Jürgen Klopp verlässt Borussia Dortmund, bevor die Marke Klopp ernsthaft Schaden genommen hätte. Für den Klub wird es schwierig: Wer soll künftig Optimismus und Energie verbreiten?

Kommentar von Thomas Hummel

Die Gesichter sagten alles. Links das sehr graue, sehr lange Antlitz von Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, rechts das nicht minder fahle und irgendwie zerknautschte von Sportdirektor Michael Zorc. In der Mitte der fidele Energieprotz Jürgen Klopp, der sogar Momente hatte, in denen er wie üblich herumkasperte.

Hier der Verein, für den sich nun alles ändert. Dort der Trainer, der derselbe bleiben kann.

Das Ende der Liebesbeziehung zwischen Borussia Dortmund und Jürgen Klopp trifft den Klub wesentlich härter als seinen Vorturner. Der hat gezeigt, dass er einen sicheren Instinkt hat, gerade noch den richtigen Moment für einen glorreichen Abgang zu erwischen. Bevor die Marke Klopp vielleicht ernsthaften Schaden genommen hätte.

Die Marke Klopp beruht noch auf dem Ende der vergangenen Saison. Da schwebte Dortmund in einer Sphäre mit Real Madrid und Bayern München. Im Viertelfinal-Rückspiel der Champions League dominierte der BVB Real, wie das den Spaniern selten widerfahren ist in ihrer königlichen Geschichte. Und im Endspiel des DFB-Pokals war Dortmund den Münchnern ein ebenbürtiger Gegner. Beide Vergleiche gingen zwar verloren, doch es waren glorreiche Niederlagen gegen die Größten der Branche.

Und damit Teil des "modernes Fußball-Märchens" in Dortmund, wie Sportdirektor Zorc pathetisch erklärte. Die Hauptrolle in diesem siebenjährigen Stück spielte immer Jürgen Klopp. Mit seinem Charisma, seinem Talent für öffentliche Auftritte, auch mit seinen Ausrastern und der Gabe, ein Scheiß-Spiel eben ein Scheiß-Spiel zu nennen, saugte er die Aufmerksamkeit an. In Dortmund mutierten BVB-Fans ohne es zu wissen zu Klopp-Fans.

Klubeigentümer in der großen, weiten und reichen Fußballwelt sind auf ihre Art ebenfalls zu Klopp-Fans geworden und so dürfte es für den Trainer kein Problem darstellen, sich demnächst eine große, schöne Aufgabe zum Beispiel in England auszusuchen. Ihm steht praktisch alles offen. Zumindest jetzt noch.

Dabei ist er auch für den verblüffenden Absturz seiner Mannschaft verantwortlich. Bundesliga-Letzter war der BVB noch im Februar, in der Champions League schließlich chancenlos gegen Juventus Turin. Bis heute sieht auf dem Platz nichts mehr so aus in Dortmund wie noch vor einem Jahr. Der FC Bayern hat zwar zwei Herzstücke herausgekauft, doch Dortmund reinvestierte das Geld auch - und kaufte entweder die falschen Spieler oder Klopp konnte nicht mit ihnen umgehen. Ob das alles besser geworden wäre? Fraglich.

Fragezeichen über den Köpfen

Nun muss es ein neuer Trainer besser machen. Vieles deutet auf Thomas Tuchel hin, weil er viele von Klopps Tugenden mitbringt und damit für einen halbwegs geordneten Übergang sorgen könnte. Charisma, Talent für Auftritte, auch das Emotionale bis zur Schmerzgrenze hat er im Repertoire. Doch egal, wer kommt: Er hat eine schöne Aufgabe vor sich. Er wird eine sehr talentierte Mannschaft vorfinden, die ein ordentliches Mist-Jahr hinter sich hat und deshalb offen sein muss für Neues. Geld hat die Borussia auch (noch) genug, um zudem neues Personal anzuschaffen.

Für den Klub hingegen wird es schwierig, sich von der Überfigur Klopp zu lösen. An den Gesichtern von Watzke und Zorc las man ab, wie schwierig. Sie wirkten alleingelassen von ihrem Anführer. Als stünden Fragezeichen über ihren Köpfen, wie das hier bloß weitergehen soll ohne ihren großen Klopp. "Du hast diesem Klub, aber auch mir persönlich viel Energie und Optimismus mitgegeben", sagte Zorc auf der Pressekonferenz, woraufhin dieser antwortete: "Das war aber auch notwendig."

Bei der geballten Dankbarkeit, die ihm entgegenschlägt, war es ein fast genialer Schachzug, noch einen Wunsch, einen Traum zu offenbaren: noch einmal "aus gutem Grund" mit dem Lastwagen um den Borsigplatz fahren. Nach dem Gewinn des DFB-Pokals. Wenn die Mannschaft so reagiert wie die Klubangestellten, darf sich der FC Bayern im Halbfinale zumindest auf einen Kampf bis zum Letzten einstellen. Alle für Klopp.

Während der sich erträumt, mit dunkler Sonnenbrille mitten in Dortmund als scheidender Messias zu gehen, muss sich der BVB die Frage stellen, wer künftig Energie und Optimismus in den Verein hineinträgt.

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