Süddeutsche Zeitung

Fußball-WM:Argentinien ist jetzt eine Turniermannschaft

Angeführt von Lionel Messi, der so agil und gelöst spielt wie in keiner der vorangegangenen Partien, schlagen die Südamerikaner mühelos Polen mit 2:0. Auch die Verlierer jubeln nach langem Zittern, denn am Ende ziehen beide Teams ins Achtelfinale ein.

Von Javier Cáceres, al-Rayyan

Es sind mitunter Rückschläge, die Mannschaften bei großen Turnieren stählen; die WM-Geschichte ist voller Beispiele. Dann, wenn die Effekte einer dramatischen Auftaktpleite umgekehrt und frische Kräfte freigesetzt werden. So betrachtet hat Argentinien die Grundlage dafür gelegt, bei dieser WM das Label "Turniermannschaft" zu erhalten. Nach der dramatischen 1:2-Niederlage gegen Saudi-Arabien im Auftaktspiel landete Argentinien zwei Siege und drang ins Achtelfinale vor. Dem Sieg gegen Mexiko folgte nun ein 2:0 gegen hasenfüßige Polen, durch Tore von Alexis McAllister (46. Minute) und Julián Álvarez (68.).

Doch auch Polen jubelte, als die eigene Partie vorüber war. Denn da drang die Kunde vor, dass Saudi-Arabien gegen Mexiko auf 1:2 verkürzt hatte - und die Polen wegen des besseren Torverhältnisses in die K.-o.-Runde einziehen durften. Auf Polen wartet Weltmeister Frankreich; Argentinien trifft auf Australien.

Das Duell zwischen Argentinien und Polen war vorab zu einem Zweikampf zwischen den Spielführern beider Mannschaften verdichtet worden. Lionel Messi gegen Robert Lewandowski. Als handelte es sich um einen Boxkampf und nicht um ein Fußballspiel. Argentiniens Nummer "10" gegen Polens (und Barcelonas) Nummer "9". Diese Reduktion des Kollektivs auf einen einzigen Namen ergab zumindest im Falle des polnischen Nationalteams einen Sinn. Polens Trainer Czeslaw Michniewicz versetzte im Grunde sein ganzes Team in Abwehrbereitschaft. Und erklärte Lewandowski zum einsamen, nach Inspiration suchenden Poeten. Denn Polen war als Tabellenführer ins letzte Gruppenspiel gegangen - und wusste, dass ein Punkt für den Aufstieg ins Achtelfinale reichen würde.

Polens Torwart Wojciech Szczesny wehrt einen Ball nach dem anderen ab

Die Argentinier - und Messi - hingegen waren nach ihrer krachenden 1:2-Niederlage gegen Saudi-Arabien aus dem Auftaktspiel im Grunde dazu verdammt, zu siegen. Und keinesfalls zu verlieren. Sie suchten darob ihr Heil im Angriff, zeigten sich entsprechend initiativreich von Beginn an. Insbesondere Lionel Messi, der akklimatisiert wirkte. Und der so agil und gelöst spielte wie in keiner der vorangegangenen WM-Partien.

Ausweis dessen war ein Schuss aus spitzem Winkel in der zehnten Minute, den Polens Torwart Wojciech Szczesny parierte. Und auch die Vorlage, die er sieben Minuten später dem weit in der gegnerischen Hälfte agierenden Linksverteidiger Acuña gab (17.). Die Argentinier drängten die Polen immer stärker gegen die Wand: Julián Álvarez und Acuña - zwei von vier neuen Spieler im Vergleich zum vorherigen Spiel gegen Mexiko - scheiterten bei einer Doppelchance; kurz danach begann die Szczesny-Show. Erst lenkte er eine von Ángel Di María direkt aufs Tor gezirkelte Ecke über die Querlatte. Bei der nächsten gefährlichen Szene sah er weniger gut aus: Er berechnete eine Flanke scharf - und erwischte mit dem Arm Lionel Messi im Fünfmeterraum am Kopf. Und damit schlug die Stunde des umstrittensten Videoschiedsrichters der Welt: Pol van Boekel.

Der Niederländer, der bei diversen Champions-League-Spielen mit umstrittenen Entscheidungen auf sich aufmerksam machte, rief den Referee an den Bildschirm und überzeugte ihn davon, einen Elfmeter zu verhängen. Das war eine mehr als nur harte Entscheidung. Doch es gab so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit. Messi trat an, schoss scharf in die rechte Ecke. Szczęsny parierte den Ball mit der rechten Hand bravourös. Authentische argentinische Fans, die zu Tausenden im 974-Stadion waren, riefen "Meeesssi, Messsi, Messsi".

Es dürfte dazu beigetragen haben, dass sich die Depressionen der Argentinier in Grenzen hielten, als sie in die Kabine gingen. In jedem Fall fanden sie unmittelbar nach Wiederanpfiff zum Führungstreffer - durch Alexis Mac Allister. Eine Hereingabe von Rechtsverteidiger Nahuel Molina traf er so absurd schlecht, dass der Ball perfekt an den linken Innenpfosten und von dort ins Tor rollte. Polen simulierte ein paar Angriffe und wäre fast zum völlig unverdienten Ausgleich gekommen: Kamil Glick hatte bei einem Kopfball aus kurzer Distanz kein Glück (67.).

Der Rest war hauptsächlich ein Monolog erstarkender Argentinier, die durch Álvarez zum 2:0 kamen: Nach einem Pass von Enzo Fernández traf Álvarez aus 14 Metern ins rechte obere Eck. Es gab weitere Chancen für die Argentinier, unter anderem von Messi bei einem Solo übers halbe Feld. Aber die Partie verlagerte vom Feld in die Köpfe. Polen musste zittern, weil Mexiko gegen Saudi Arabien führte. Die Teams waren punkt- und torgleich, nur die Anzahl kassierter gelber Karten hielt Polen zeitweise im Turnier. Doch am Ende trafen die Saudis - und Polen konnte endlich feiern.

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