Süddeutsche Zeitung

Fifa-Skandal erreicht neue Dimension:Das 80-Millionen-Dollar-Sorglospaket der Fifa

Ein Funktionärstrio um Ex-Präsident Sepp Blatter soll sich etwa für das korrekte Feststellen des WM-Siegers horrende Boni genehmigt haben. Der Fifa-Skandal nimmt damit eine neue Dimension an.

Der Fußball-Weltverband Fifa erhebt schwere Vorwürfe gegen sein früheres Spitzenpersonal. Der langjährige Präsident Sepp Blatter, der frühere Generalsekretär Jérôme Valcke sowie der erst vor zwei Wochen fristlos entlassene Finanzchef Markus Kattner sollen zusammen allein in den vergangenen fünf Jahren mindestens 79 Millionen Schweizer Franken (80 Millionen Dollar) an Gehältern und Boni erhalten haben. Die Zahlungen beruhten weitgehend auf diskreten Vereinbarungen, die nur Blatter, Valcke sowie der im Juli 2014 verstorbene, langjährige Blatter-Stellvertreter Julio Grondona (Argentinien) unterzeichnet hatten.

Die von Anwälten der US-Großkanzlei Quinn Emanuel beratene Fifa listete am Freitag detailliert eine Fülle von Verträgen auf, die dem früheren Führungstrio diese Millionenzahlungen sicherten. Demnach sollen die drei etwa am 1. Dezember 2010 insgesamt 23 Millionen Franken an Bonus-Zahlungen für die abgelaufene WM in Südafrika erhalten haben: Blatter elf, Valcke neun, Kattner drei. Für die WM 2014 sollen Zusatzleistungen in Höhe von zusammengerechnet 14 Millionen Franken ausgezahlt worden sein, für die WM 2018 seien 15,5 Millionen vereinbart gewesen.

Für alarmierend hält die Fifa zudem, dass finanzielle und vertragliche Vereinbarungen wiederholt zu sportpolitisch markanten Zeitpunkten stattfanden. So erhielten Valcke und Kattner vier Wochen vor der Präsidentschaftswahl am 1. Juni 2011, als völlig unklar war, ob Blatter den Machtkampf gegen den einflussreichen Katarer Mohammed bin Hammam gewinnen würde, üppig ausgestattete 8,5-Jahres-Verträge. Damit seien den zwei Hauptamtlichen auch mögliche Zuwendungen in Höhe von bis zu 17,5 (Valcke) bzw. 9,8 Millionen Franken (Kattner) gesichert worden.

Laut Fifa könnten zumindest manche dieser Kontrakte gegen Schweizer Recht verstoßen. Deshalb hat der Weltverband die Bundesanwaltschaft in der Schweiz sowie die Behörden in den USA informiert. Die Fifa sprach am Freitag von "enormen Fallschirmen", die sich das Trio untereinander zugeschanzt hätten, und nannte die Zahlungen "unethisch". Quellen nahe an den internen Ermittlungen beschrieben die Kriterien für die Boni-Wirtschaft auf der Chefetage als entlarvend dünn: Honoriert worden sei etwa, dass bei WM oder Confed-Cup alle Spiele gespielt und die Sieger korrekt festgestellt worden seien.

Die Bundesanwaltschaft (BA) hat der SZ zudem bestätigt, dass es am Donnerstag in der Fifa-Zentrale erneut eine Hausdurchsuchung gab. Dabei seien Dokumente und elektronische Daten sichergestellt worden. Die Durchsuchung soll "die bisherigen Erkenntnisse im Strafverfahren bestätigen beziehungsweise ergänzen". Die BA ermittelt bereits seit dem Vorjahr rund um die Fifa. Ende Mai 2015 eröffnete sie ein Strafverfahren im Zusammenhang mit den WM-Vergaben 2018 an Russland und 2022 an Katar gegen unbekannt. Damals gab es auch die erste Razzia, in Kooperation mit der US-Justiz, die bereits seit 2010 rund um die Fifa ermittelt.

Aus diesen Untersuchungen und der Sichtung der sichergestellten Dokumente leiteten sich im Herbst 2015 und im Frühjahr 2016 weitere Strafverfahren ab: Sie richten sich gegen Sepp Blatter wegen des Verdachts der ungetreuen Geschäftsbesorgung sowie gegen den früheren General- sekretär Jérôme Valcke, ebenfalls wegen Untreue-Verdachts.

Fifa-Präsident Infantino empfindet sein Gehalt als "Beleidigung"

Gegen den im Mai nach einem offenkundigen Machtkampf mit dem neuen Präsidenten Gianni Infantino und wegen "Verletzung der treuhänderischen Verantwortung" entlassenen Kattner gibt es bisher kein Verfahren; die Fifa prüfe noch alle rechtlichen Schritte, teilte sie mit. Die Bundesanwaltschaft erklärte: "Die Untersuchungen richten sich nach wie vor nur gegen die von der BA in früheren Stellungnahmen bekannt gegebenen Personen sowie gegen unbekannt." Quellen, die mit der internen Ermittlung gut vertraut sind, teilen indes mit, dass am Donnerstag speziell Kattners Büro durchsucht worden sei.

Besonders heikel muten jetzt auch die Vorgänge von Ende Mai 2015 an. Am 27. Mai wurden in Zürich sieben Spitzenfunktionäre sowie zahlreiche Sportmanager in anderen Ländern festgenommen. Am 29. Mai ließ sich Blatter trotz massiver internationaler Proteste in eine fünfte Amtszeit wählen; schon vier Tage später kündigte er seinen Rücktritt an. Am Wochenende dazwischen, am 30. und 31. Mai, wurden üppige Verträge aufgesetzt. Am Samstag erhielt Blatter einen neuen Arbeitsvertrag, der ihm drei Millionen Franken Jahresgehalt, einen Jahresbonus von bis zu 1,5 Millionen sowie einen zusätzlichen Legislaturperioden-Bonus von bis zu zwölf Millionen zusicherte. Am Sonntag wurde nach Fifa-Darstellung dann der Vertrag von Finanzchef Kattner verlängert: mit einer Klausel, die ihm explizit auch im Falle einer Entlassung die volle Abgangsentschädigung garantiert - und einer "Schadloserklärung", in welcher ihm die Fifa zusichert, im Falle zivilrechtlicher oder strafrechtlicher Verfolgung "sämtliche Kosten derartiger Verfahren (Anwaltskosten bei freier Anwaltswahl, Schadenersatz, Bußen etc.) zu übernehmen".

Das Gesamtbild zeigt klar, wie Blatter seit Mitte der Nullerjahre Macht und Einkommen zementierte. Problematisch sind die Enthüllungen aber auch für Domenico Scala, den im Mai nach einer Auseinandersetzung mit dem neuen Fifa-Chef Infantino zurückgetretenen Chef der Compliance-Kommission. Er zeichnete Kattners Vertrag ab. Scala leitete auch die Vergütungskommission, welche die Saläre des Spitzenpersonals festlegt. Dieses Gremium soll auch schon 2014 millionenschwere, fragwürdige Boni-Zahlungen vor allem an Valcke und Kattner durchgewunken haben. Zur Frage, ob sie juristische Schritte auch gegen Scala prüfe, blieb die Fifa am Freitag vage: Alles und jeder sei auf dem Prüfstand, hieß es, "insbesondere die Pflichten der Leute im Subkomitee". Gemeint ist das Vergütungsgremium, in dem neben Scala auch Fifa-Vize Issa Hayatou sitzt. In Scalas Umfeld wurde bisher argumentiert, der Finanzkontrolleur habe bestehende Verträge ja nicht ändern können. Die Fifa zeichnet ein anderes Bild von ihrem Compliance-Chef, der am Reformpaket kräftig mitgewirkt hatte. Sie wirft dessen Gremium nun auch vor, dass es die absurd weichen Kriterien für die umstrittenen Millionen-Boni akzeptiert habe.

Während das diskrete Rundum-sorglos-Paket für Blatter und Gefolge den Justiz- behörden neue Munition liefert, wirkt das jüngst offenbarte Selbstverständnis des neuen Fifa-Bosses besonders bizarr. Infantino soll laut Sitzungsprotokollen beim jüngsten Vorstandstreff in Mexiko das ihm (als nicht-operativer Präsident) zugedachte Salär von zwei Millionen Franken als "Beleidigung" bezeichnet und diesen Vertrag nicht akzeptiert haben.

Vorläufig.

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SZ vom 04.06.2016/schm
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