Süddeutsche Zeitung

Medienkritik des FC Bayern:Ein Auftritt, der zur Realsatire wird

  • Auf einer Pressekonferenz attackieren die Bayern-Bosse Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge die Kritiker der Münchner.
  • Sie verlangen mehr Respekt für Spieler, lassen diesen ihrerseits aber vermissen.
  • Mit ihrer bewährten Wagenburgmentalität versuchen sie, ihren Verein zu schützen. Sie zeigen damit aber auch, wie groß die Unruhe wirklich ist, die bei den Bayern herrscht.

Von Benedikt Warmbrunn

"Guten Tag", sagt Uli Hoeneß, als er den bereits etwas stickigen Presseraum des FC Bayern betritt, wenige Schritte hinter Karl-Heinz Rummenigge und Hasan Salihamidzic. Dann beugt sich Hoeneß zu einem Journalisten vor, er sagt nur ein Wort: "Schlaumeier."

Danach geht es um Anstand, Würde und Respekt.

Der Journalist, zu dem sich der Präsident des FC Bayern vorbeugt, ist ein langjähriger Beobachter des Vereins, der Fernsehreporter Uli Köhler, die beiden kennen sich seit Jahrzehnten, sie haben sich schon tausendmal gekabbelt, sie haben sich mindestens 999 Mal wieder vertragen, es ist also ein ganz spezieller Gruß an einen ganz speziellen Wegbegleiter. Aber an diesem Freitagmittag liegt darin nichts Spielerisches, nichts Leichtes, nichts Amüsantes.

Hoeneß steigt auf sein Podium, er setzt sich zwischen den Vorstandsboss Rummenigge und den Sportdirektor Salihamidzic, er sitzt stramm und aufrecht, den Blick geradeaus gerichtet. Er sitzt da wie einer, der sich seiner Mission ganz sicher ist.

An diesem Freitagmittag liegen hinter dem FC Bayern Wochen, wie sie der Verein schon lange nicht erlebt hat. Die Mannschaft hat seit vier Spielen nicht mehr gewonnen, sie steht in der Bundesliga auf dem sechsten Tabellenplatz, vor der Partie an diesem Samstag (15.30 Uhr) beim VfL Wolfsburg beträgt der Rückstand auf den Tabellenführer Dortmund vier Punkte. Dazu sind einige Spieler nicht in Bestform, gerade langjährige Stützen wie Torwart Manuel Neuer oder Innenverteidiger Jérôme Boateng. Wochen wie diese waren beim FC Bayern schon immer Wochen der Unruhe, auf einmal ist ein im Training dahingeworfenes Leibchen wie das von Arjen Robben schon ein Fall für das Stimmungsbarometer, obwohl Robben auch Leibchen hingeworfen hat in Zeiten, in denen es dem Verein sportlich prächtig ging.

In diese Tage hinein verschickt der Verein am Donnerstagnachmittag eine E-Mail ("Betreff: Neuer Termin"), in der für Freitag um 12 Uhr ein "Pressetalk" mit Hoeneß, Rummenigge und Salihamidzic angekündigt wird. Es ist eine ungewöhnliche Einladung, allein schon, weil die drei zuletzt vor einem knappen Jahr auf einem Podium saßen, als sie Jupp Heynckes als Trainer vorstellten (der damalige Rückstand auf Dortmund: fünf Punkte).

Wie so oft finden Hoeneß und Rummenigge, die beiden Mächtigen beim FC Bayern, in unruhigen Zeiten zusammen, und dieses Mal nehmen sie eben auch noch ihren treuen Sportdirektor mit. Sie stellen sich in ihrer bewährten Wagenburg-Mentalität vor ihre Mannschaft sowie vor ihren neuen Trainer Niko Kovac. Und wie so oft versuchen sie ihren Verein zu schützen, indem sie sich einen gemeinsamen Feind suchen. In diesem Fall sind das die Medien und die Ex-Spieler unter den TV-Experten. "Heute ist ein wichtiger Tag für den FC Bayern, weil wir Ihnen mitteilen, dass wir uns das nicht mehr gefallen lassen", sagt Rummenigge einmal, was genau er meint, sagt er auch, und zwar: "herabwürdigende, hämische, faktische Berichterstattung". Er sagt das wirklich so. Er sagt: faktisch.

Kovac wünscht "viel Spaß"

Der Tag beginnt jedoch mit einem Prolog: ein kleiner Pressetalk mit Niko Kovac. Der Trainer sieht erschöpft aus, mit graumeliertem Zehn-Tage-Bart, er ist aber aufrichtig um Souveränität bemüht. Doch aus der Länderspielpause kommt er mit altbekannten Erkenntnissen (zu viele ungenutzte Chancen, zu viele individuelle Fehler), dazu mit ein paar hübschen Aphorismen ("Ich sage immer: Die Hoffnung generiert sich in der Arbeit"). Worüber seine Vorgesetzten später sprechen werden, sagt Kovac, das wisse er nicht. Zur Verabschiedung wünscht er noch "viel Spaß". Bevor er den Raum verlässt, sagt er fürsorglich: "Ich lass die Tür mal offen, damit Sauerstoff hereinkommt."

Eine knappe halbe Stunde später sitzt dann Hoeneß zwischen Rummenigge und Salihamidzic, er hört, wie der Vorstandsboss erzählt, dass sie sich nach dem 0:3 der deutschen Nationalelf gegen die Niederlande zusammengesetzt hätten, um zu beschließen, dass "wir das in diesem Stil nicht weiter akzeptieren werden". Rummenigge baut dann die maximale Fallhöhe für diesen sog. Pressetalk auf, indem er an Artikel 1 des Grundgesetzes erinnert, daran, dass die Würde des Menschen unantastbar sei. Dann schimpft er darüber, dass der Experte (und einstige Bayern-Spieler) Olaf Thon von einer "Altherrenmannschaft" gesprochen habe. "Geht's eigentlich noch?", fragt Rummenigge.

Es ist eine Frage, die über der gesamten Veranstaltung schwebt.

Rummenigge wendet sich schließlich konkret gegen den "Springer-Verlag", gegen den der Verein in den vergangenen Wochen zwei Unterlassungserklärungen erwirkt habe: "Bei Ihnen werden wir in Zukunft die Dinge genauer anschauen." Der Klubboss löst dann allerdings nicht auf, warum er für diese Botschaft die gesamte Münchner Sportjournalistenszene versammeln musste.

Hoeneß lässt sich über Bernat aus

Dann spricht Hoeneß. Er beschwert sich, dass die Kritik an Bundestrainer Joachim Löw "widerlich" gewesen sei. Seine Mission, das wird schnell klar, ist es nicht nur, die Unruhe beim FC Bayern abzuwenden. Hoeneß sieht sich als Retter des deutschen Fußballs in Zeiten der Verwahrlosung der Sitten. Die Berichterstattung ist für ihn "respektlos". Dann darf auch der Dritte auf dem Podium, Salihamidzic, kurz reden, er beschwert sich über einen weiteren Experten, Stefan Effenberg, mit dem zusammen er 2001 die Champions League gewonnen hatte. Dieser hatte behauptet: "Von Brazzo kommt gar nichts." Von Salihamidzic kommt dann immerhin diese Zurechtweisung: "Effenberg ist beim Fernsehen, ich bin beim FC Bayern."

Dann beginnt der Teil der Veranstaltung, in dem es ein bisschen wirr wird.

Hoeneß ergreift noch einmal das Wort. "Darf ich vielleicht noch einen Satz sagen?" Er beschwert sich darüber, dass der Fernsehjournalist Köhler "zweimal" angemerkt habe, dass der nach Paris verkaufte Außenverteidiger Juan Bernat fehle. Von diesem hänge doch nicht "das Wohl und Wehe des FC Bayern" ab, schimpft Hoeneß. Und er, der wenige Minuten zuvor mehr Respekt gefordert hatte, schiebt hinterher, dass Bernat im Frühjahr in der Champions League "einen Scheißdreck" gespielt habe. Es ist der Moment, in dem der Pressetalk zur Realsatire wird.

Waren nicht auch Rummenigge und Hoeneß in ihren Botschaften in den vergangenen Jahren nicht gerade zimperlich gewesen? Zum Beispiel, als Hoeneß nach dem Rücktritt von Mesut Özil aus der Nationalmannschaft gesagt hatte, dass dieser zuletzt "einen Dreck" gespielt habe? Oder als Hoeneß kürzlich das Foul des Leverkuseners Karim Bellarabi an Corentin Tolisso "geisteskrank" genannt hatte?

"Manchmal", das gibt Hoeneß zu: "Ich will mich da aber nicht strangulieren." Das Wort "geisteskrank", okay, das nimmt er zurück. Und das zu Özil? "Ich hätte Mist sagen sollen." Das hatte er damals übrigens auch schon gesagt, dass er wohl besser "Mist" gesagt hätte, genauso wie den hämischen Satz: "Ich bin froh, dass der Spuk vorbei ist." Nun, er habe eben mit "überspitzten Formulierungen" am Tag nach dem Rücktritt, an dem es um Özils Rassimus-Vorwürfe gegen DFB-Präsident Reinhard Grindel gegangen war, "das Thema auf den Sport reduzieren" wollen.

"Aber ich überlasse jedem Einzelnen, das anders zu sehen. Denn ich bin ein großer Demokrat."

Wenig später verlassen die drei den Raum. Der FC Bayern ist weiterhin Tabellensechster in der Fußball-Bundesliga, er hat vier Punkte Rückstand auf Dortmund und seit vier Spielen nicht mehr gewonnen. Und spätestens jetzt ist klar, wie viel Unruhe im Verein herrscht.

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Quelle:
SZ vom 20.10.2018/tbr
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