Süddeutsche Zeitung

Bundestrainerin Voss-Tecklenburg:Kommunikation über Anwälte

Auch nach einer persönlichen Stellungnahme ist offen, ob Martina Voss-Tecklenburg ihre Arbeit als Bundestrainerin fortführen wird. Der DFB klingt distanziert - und so manches bleibt undurchsichtig.

Von Anna Dreher

Unter gewöhnlichen Umständen wäre die Pressekonferenz des Nationalteams sicher anders abgelaufen. Torhüterin Ann-Katrin Berger und Mittelfeldspielerin Linda Dallmann hätten über den Besuch von Bundeskanzler Olaf Scholz parliert, die Arbeit mit Interims-Bundestrainer Horst Hrubesch wäre stärker im Fokus gestanden, vielleicht auch die gemeinsame Bewerbung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) mit den Niederlanden und Belgien um die WM 2027, die am Mittwoch offiziell bekanntgegeben wurde. Schließlich war das der Anlass für den hohen politischen Besuch. Was viel mehr interessierte, waren Antworten zu einer Person, die gar nicht beim Nationalteam weilt: Martina Voss-Tecklenburg.

Am Dienstagabend war auf dem persönlichen Instagram-Profil der Bundestrainerin ein neuer Beitrag veröffentlicht worden, der erste, seit sie sich am 4. August zum frühen Aus bei der Weltmeisterschaft in Australien geäußert hat. Mehrere Seiten, dicht gefüllt mit Sätzen, versehen mit der Überschrift "Erklärung von Martina Voss-Tecklenburg zur aktuellen Situation". Am 8. September hatte der DFB mitgeteilt, Voss-Tecklenburg sei krankgeschrieben. In der öffentlichen Wahrnehmung galt das nach wie vor. Umso größer waren Überraschung und Irritation darüber, dass am vergangenen Wochenende Auftritte bekannt wurden - und in der Folge davon die Neuigkeit, dass sich die 55-Jährige seit geraumer Zeit im Erholungsurlaub befindet.

"Das Thema ist momentan ein großes und weit verbreitet", erkannte Dallmann an, "ich kann sagen, es ist für uns gerade echt nicht das Relevanteste. Wir stecken in einer fußballerisch sehr ernsten Situation." Das Team müsse seinen Fokus auf die bevorstehenden Partien ausrichten, damit habe es ohnehin schon eine große Aufgabe zu bewältigen. Als es um eine mögliche Verlängerung der Zusammenarbeit mit Hrubesch ging, antwortete Berger, das Team sei offen für alles, "natürlich würde es wahrscheinlich Spaß machen, so wie es jetzt schon Spaß macht. Aber schlussendlich haben wir da nicht viel mitzureden".

Ein Bekenntnis zur Bundestrainerin vermeiden auch Dallmann und Berger

Wie zufrieden die Nationalspielerinnen sein dürften, nach angespannten Wochen nun mit dem beliebten 72-Jährigen und auch wieder mit Assistenztrainer Thomas Nörenberg zusammen zu arbeiten, wurde deutlich. Dallmann beschrieb eine "extreme Lockerheit", auch Tempo und Spielfreude seien wieder da gewesen: "Ich habe schon das Gefühl von Neustart." Was die Olympia-Qualifikation angehe, hätten die DFB-Frauen nun "mit Horst den besten Trainer, uns da einzuheizen". Die 29-Jährige vom FC Bayern lieferte auch direkt einen Beleg dafür: "Er hat gesagt, er läuft nach Frankreich, um uns dort spielen zu sehen - wenn wir ihn nicht mitnehmen."

Wie zuvor manch andere Kollegin vermieden auch Berger und Dallmann ein klares Bekenntnis zur Bundestrainern. Sie antworteten ausweichend bis diplomatisch. Ob die Spielerinnen inzwischen Kontakt zu Voss-Tecklenburg hatten, blieb unbeantwortet. In der Anfangsphase der Krankschreibung hieß es, dass diese mit Rücksicht auf ihre Erholung in Ruhe gelassen werde. Rund um die WM waren aber auch Dissonanzen zwischen Voss-Tecklenburg und dem Team kolportiert worden. Lena Oberdorf hatte am Montag gesagt, dass sich ihr zum Verhalten der Bundestrainerin "ein paar Fragezeichen" ergeben hätten - und dass sie sich gewünscht hätte, dass erst die WM besprochen und dann ein Urlaub angetreten worden wäre.

Auf den noch ausstehenden Abschluss der Turnier-Analyse sowie ihre Zukunft geht Voss-Tecklenburg in ihrem Statement auch ein. Sie schreibt, dass sie mit der sportlichen Leitung bei den Gesprächen zu der "festen Überzeugung" gekommen sei, mit allen Beteiligten eine starke Einheit bilden und wieder an Erfolge anknüpfen zu können. Das lässt sich eindeutig so verstehen, dass sie weiterhin als Bundestrainerin arbeiten will; und es liest sich wie die Fortsetzung ihrer Aussage einen Tag nach dem WM-Aus, als sie feststellte: "Ich bin noch nie weggelaufen, wenn es schwierig geworden ist" und den Willen formulierte, die nächsten Schritte gehen zu wollen.

Dem DFB sei signalisiert worden, sie sei zur weiteren WM-Aufarbeitung und Gesprächen über eine künftige Zusammenarbeit bereit. Nun werde kurzfristig ein Termin erwartet, "nach dem auch der Geschäftsführer Andreas Rettig wieder aus den USA zurückgekehrt ist". Der Rückflug des DFB-Trosses von der Länderspielreise der Männer fand am 18. Oktober statt, beim Besuch von Bundeskanzler Scholz war auch Rettig dabei. Weiter schreibt Voss-Tecklenburg, der Austausch mit dem DFB finde regelmäßig und vertrauensvoll statt, ihr Arbeitgeber sei "über alle Umstände meiner persönlichen Situation" informiert. Also auch darüber, dass Voss-Tecklenburg im Rahmen ihres Urlaubes "einige private Termine wahrgenommen" hat.

Von Verbandsseite klingt das alles etwas anders, eher nach verhärteten Fronten. "Derzeit läuft die Kommunikation in erster Linie über die anwaltliche Vertretung von Martina Voss-Tecklenburg", sagte eine DFB-Sprecherin auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. Das Statement, das vor der Pressekonferenz mit Berger und Dallmann veröffentlicht wurde, wirkt distanziert: "Wir möchten klarstellen, dass uns Martina Voss-Tecklenburg übermittelt hat, erst nach einer Bedenkzeit für ein persönliches Gespräch nach ihrem Erholungsurlaub zur Verfügung zu stehen", heißt es in der Mitteilung. "Dies haben wir natürlich respektiert und so eingeplant." Der Verband strebe zeitnah nach dem Urlaub ein gemeinsames Gespräch an, vorgreifen werde er diesem nicht, Priorität habe die Olympia-Qualifikation. Am Freitag geht es in der Nations League gegen Wales (17.45 Uhr, ARD) in Sinsheim weiter, gefolgt von der Partie am Dienstag in Island.

So manches bleibt undurchsichtig, beide Seiten dürften ihre Aussagen und deren Zeitpunkt gerade gut abwägen. Der Vertrag von Martina Voss-Tecklenburg war im April bis zur EM 2025 verlängert worden. Sollte es zu einer vorzeitigen Auflösung kommen, würde wohl eine Abfindung fällig werden - und der DFB ist finanziell ohnehin angeschlagen.

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