Süddeutsche Zeitung

Deutsches Basketball-Nationalteam:Bohrende Fragen bei Dennis Schröders Comeback

Lesezeit: 3 min

Besser ohne den Besten? Wenige Wochen vor der Heim-EM müssen Deutschlands Basketballer ihren fähigsten Einzelkönner wieder integrieren - und einen Spagat mit den restlichen NBA-Profis schaffen.

Von Jonas Beckenkamp

Noch hat Dennis Schröder in diesem Sommer kein Basketballspiel bestritten, aber ein paar Kilometer hat er schon auf dem Tacho. Er ist viel herumgekommen zwischen den USA, seiner Heimat Braunschweig, zwischen Terminen in München, Berlin und Frankfurt, wo er jetzt gelandet ist, um endlich wieder da zu sein. "Da" bedeutet: Bei der deutschen Nationalmannschaft, für die er seinen bisher letzten Auftritt vor knapp drei Jahren bei der WM in China absolviert hatte.

Damals ging in Spielen gegen Frankreich und vor allem gegen die Dominikanische Republik sehr vieles schief, Platz 18 am Ende, ein schwer verdaulicher Reinfall. Schröder, 28, gönnte sich danach eine Pause vom Deutschen Basketballbund (DBB), er schraubte an seiner NBA-Karriere und musste wegen Vertragsangelegenheiten auf Olympia verzichten. Dort erlebte das Nationalteam einen verblüffenden Aufschwung, in Tokio ging es gar bis ins Viertelfinale - ohne den besten deutschen Korbwerfer.

Mit dieser Fallhöhe und mehreren um ihn kreisenden Themen gibt Schröder nun am Donnerstag in Tallinn sein Comeback, wenn das DBB-Team in der WM-Qualifikation auf Estland trifft (18 Uhr, live auf Magentasport). Im Gepäck hat man wenige Wochen vor Beginn der Heim-EM (Spielorte u.a. Köln und Berlin) bohrende Fragen wie diese: War Deutschlands Basketball ohne den alles dominierenden Einzelkünstler von den Houston Rockets besser dran? Haben sich die restlichen Riesen von ihm als Ego, Ballmagnet und Alleinunterhalter emanzipiert?

Dennis Schröder als Ballmagnet - wie passt das zusammen mit Team-Basketball?

Die Sache ist kompliziert: Wenn Schröder kann, wenn er fit und terminlich ungebunden ist, steht er gerne zur Verfügung, das hat er stets betont. Wenn er spielt, ist er mit seinem Überschallantritt, seiner Furchtlosigkeit und seinem Korbdrang im Grunde ein Gewinn. Doch wer an die Auftritte in China denkt, hat auch eine gelähmt wirkende DBB-Truppe in Erinnerung - lustlos verteidigende, mosernde Mitspieler, die Ordnung und Spielorganisation vermissen ließen. Gute Organisation, das ist Schröders Job, auch im Hinblick auf die nächsten Wochen, in denen sich das Team neu zusammenwürfelt.

"Es herrscht schon jetzt eine sehr gute Teamchemie, alle reden viel miteinander", beteuerte Schröder dieser Tage beim Training. Bundestrainer Gordon Herbert, der vor fast einem Jahr das Amt von Hendrik Rödl übernahm, beschäftigt derzeit vor allem die Einweisung seines Spielmachers ins Offensivkonzept. Wer muss wann den Ball bekommen? Wann kann der NBA-Mann selbst übernehmen? Wann ist Schröders Freestyle eine Waffe, wann braucht es von ihm mehr Führungsqualitäten?

Kollege Johannes Voigtmann, der seit Jahren als Wortführer und Kapitänsanwärter im Team gilt, findet: "Es ist ja nicht so, dass einer der Chef ist. Wir haben viele, die auf höchstem Niveau spielen und deshalb das Recht haben, etwas zu sagen." Mit Schröder, der es aus der NBA gewohnt ist, viel zu dribbeln und ins Eins-gegen-Eins zu gehen, sieht er keine Integrationsprobleme. Und auch die teils schwankende Stimmung bei der vergangenen WM sei kein Thema mehr. Der Braunschweiger habe durch sein Dabeisein als Edelfan während der Olympia-Qualifikation im vergangenen Jahr unterstrichen, wie wichtig ihm das Nationalteam sei. "Und spielerisch hat er eine solche Qualität, die wir uns nicht entgehen lassen können", so Voigtmann.

Bundestrainer Herbert wünscht sich vor allem eines: Praxis

Neben der Personalie Schröder muss das Nationalteam nach den Quali-Spielen in Estland und gegen Polen (Sonntag, 18 Uhr) noch einen weiteren Spagat bewältigen: Eine Reihe von Profis, die dieser Tage dabei sind, haben wohl kaum eine Chance, es überhaupt in den EM-Kader zu schaffen. Wenn alles klar geht und alle NBA -und Euroleague-Kräfte ihre Zusage geben, besetzen demnächst Akteure wie Maxi Kleber (Dallas Mavericks), Daniel Theis (Boston Celtics) und die Brüder Moritz und Franz Wagner (Orlando Magic) die Plätze.

Dazu dürften sich noch derzeit pausierende EM-Kandidaten wie Robin Benzing (Bologna), Maodo Lo, Johannes Thiemann (Alba Berlin), Andreas Obst (FC Bayern) und vielleicht sogar Euroleague-Sieger Tibor Pleiss (Anadolu Efes Istanbul) gesellen. Gut möglich also, dass aus dem aktuellen Aufgebot neben Schröder, Isaac Bonga (Toronto Raptors) und dem aktuell vereinslosen Voigtmann allenfalls Aufbautalent Justus Hollatz (soeben nach Spanien gewechselt) längerfristig dabei bleibt.

Fürs Erste gehe es laut Voigtmann "darum, den Einstieg in den Sommer gut zu schaffen" und Richtung WM 2023 voran zu kommen. Der Modus ist kompliziert, mit zwei Siegen in dieser Woche sähe es jedenfalls gut aus. Bundestrainer Herbert hat aber auch die EM im September im Blick, er wünscht sich vor allem eines: Praxis. "Fast alle Spieler haben seit Wochen nicht für Pflichtspiele auf dem Feld gestanden, daher ist es wichtig, dass sie das Gefühl fürs Basketballspielen zurückbekommen."

Rollen verteilen, als Team zusammenfinden, Spielzüge einstudieren, das sind die Herausforderungen. Und dann geht es eigentlich erst richtig los für den deutschen Basketball - mit Dennis Schröder als Kilometerfresser und Dirigent.

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