Süddeutsche Zeitung

FC Barcelona:Schande von Anfield

  • Der FC Barcelona blamiert sich beim 0:4 in Liverpool und scheidet im Halbfinale der Champions League aus.
  • Mittelfeldspieler Sergio Busquets bittet nach der Partie um Vergebung: "Ich entschuldige mich bei den Fans, weil es uns nach Rom schon wieder passiert ist."
  • Das historische Aus in der Champions League könnte Konsequenzen für Trainer Ernesto Valverde haben.

Eine Niederlage wirkt immer besonders tragisch, wenn es diesen einen Moment gibt, in dem sie greifbar wird. Und den gibt es in diesem Fall. Der FC Barcelona lag am Dienstagabend im Champions-League-Halbfinale bereits 0:3 gegen den FC Liverpool zurück, hatte seinen immensen Vorsprung aus dem Hinspiel leichtfertig verspielt und dann trat der schmächtige Trent Alexander-Arnold auch noch eine der frechsten Ecken der Fußballgeschichte. Der 20-Jährige tat so, als würde er den Ball seinem Mitspieler Xherdan Shaqiri überlassen. Doch als er sah, dass Barcelonas Verteidiger in eine Art Tiefschlaf verfallen waren und Torhüter Marc-André ter Stegen einen Schritt aus dem Tor hinauskam, um seine Mitspieler anzufeuern, da schoss er doch selbst - und Stürmer Divock Origi traf ins Tor. Das war's.

Der große FC Barcelona hatte sich schon wieder blamiert. Erst im Vorjahr waren die Katalanen nach einem 3:0-Vorsprung im Champions-League-Viertelfinale gegen den AS Rom ausgeschieden. Deswegen hatten die Spieler und Trainer Ernesto Valverde in den vergangenen Tagen immer wieder betont, noch einmal werde ihnen das sicherlich nicht passieren. Doch es passierte noch einmal - und schmerzte deshalb umso mehr. 0:4 verloren, den Traum vom Triple verschusselt.

"Eine Schande", schrieb die spanische Zeitung Sport am Morgen danach. Mundo Deportivo attestierte "ein kollektives Ausschalten". Die Sportzeitung AS sprach von der "Tragödie von Anfield", Marca von der "Hekatombe von Anfield".

Krawatte und Weste verrutschen

Schon während der Partie war bei den Spielern aus Barcelona die Angst vor einem erneuten Versagen zu spüren. In der ersten Halbzeit war das Team noch dem rasanten Liverpool ebenbürtig gewesen, immer wieder überlisteten sie den Gegner. Lionel Messi, der im Hinspiel gezaubert hatte, bekam einige Chancen, er schoss mehrmals knapp am Tor vorbei. Doch je länger das Duell dauerte, je größer der Rückstand wurde, desto mutloser wirkten die Barcelona-Spieler. Auf den Fernsehbildern war zu sehen, wie die Zuschauer im Stadion nicht voller Hoffnung auf ein Tor von Messi lauerten, sondern voller Verzweiflung zusahen. Krawatte und Weste von Trainer Valverde verrutschten. Eines der größten Teams im Fußball wirkte plötzlich sehr verwundbar.

Mittelfeldspieler Sergio Busquets bat nach der Partie um Vergebung: "Ich entschuldige mich bei den Fans, weil es uns nach Rom schon wieder passiert ist", sagte er, "das ist sehr hart." Trainer Valverde wirkte auf der Pressekonferenz resigniert: "Das ist alles sehr, sehr unglücklich. Es gibt keine Ausreden." Valverde wird wissen, dass die erneute Blamage Konsequenzen für ihn haben könnte. Schon im Vorjahr, nach dem Ausscheiden gegen Rom, wäre er fast seinen Job los gewesen. Obwohl es in dieser Saison dann besser lief, blieb er stets umstritten. In Barcelona warfen sie ihm vor, das Team zu defensiv auszurichten, der typische Barca-Spielstil war oft nicht mehr zu erkennen. Einige teuer eingekaufte Spieler wie Philippe Coutinho enttäuschten meist und wirkten - wie auch am Montagabend - unmotiviert.

Die Meisterschaft hat Barcelona bereits gewonnen, der Klub hat das Pokalfinale erreicht. Doch diese historische Niederlage dürfte so schwer wiegen, dass nun Veränderungen im Verein anstehen. Die spanischen Medien rätseln, ob Valverde nun freiwillig geht oder ob er geschasst wird. Zudem wird gemutmaßt, dass sich die Verantwortlichen in der kommenden Saison auf dem Transfermarkt nicht zurückhalten werden, richtig große Siege trauen sie dieser Mannschaft, die zum zweiten Mal derart kläglich scheiterte, wohl nicht mehr zu.

In den vergangenen fünf Jahren hatte stets ein spanischer Verein die Champions League gewonnen. Einmal der FC Barcelona, vier Mal Real Madrid. Madrid war in diesem Jahr bereits im Achtelfinale nach einer 1:4-Schmach zuhause gegen Ajax Amsterdam aus der Champions League geflogen. Nun wird in dieser Saison eine Mannschaft aus der Premier League oder der Eredivisie den Pokal in die Höhe stemmen. Die spanischen Vereine wirken plötzlich ungewohnt klein.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4437426
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/chge
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.