Einmal im Leben

Die Riesenwelle von Nazaré

An der Küste Portugals stimmt das Etikett Naturschauspiel wirklich mal: In Nazaré erlebt man die größten Wellen, die jemals gesurft wurden.

Von SZ-Autorinnen und Autoren
9. November 2023

Die Riesenwelle von Nazaré

Stanley Kubrick war mit seiner Kamera bereits 1948 in Nazaré. Lange bevor er als Regisseur berühmt wurde, fotografierte der junge US-Amerikaner in Schwarz-Weiß die einsamen portugiesischen Fischer des Küstendorfs, das heute aus ganz anderen Gründen berühmt ist.

Vor dem roten Leuchtturm auf der gemauerten Festung brechen im Winter die größten Wellen, die jemals gesurft wurden.

Und Hunderte Objektive und Smartphones entlang der Steilküste richten sich auf Frauen und Männer, die sich hinter Jetskis in diese Wasserberge ziehen lassen. Neben Hawaii ist Nazaré vor etwas mehr als zehn Jahren zur wichtigsten Haltestelle der sogenannten Big-Wave-Tour geworden.

Nun kann man sich berechtigterweise fragen, warum um Himmels willen ein Mensch auf einem Brett eine 26 Meter hohe Welle hinabrasen sollte. Egal, ob mit Mensch oder ohne: Diese Wellen, die sich kilometerlang aus dem offenen Meer entlang eines Grabens im Meeresboden aufbauen und kurz vor der Küste brechen, verdienen sich eindrücklich das an anderen Orten viel zu leichtfertig gebrauchte Etikett Naturschauspiel.

Der Wind bläst einem an solch einem Wintertag an der Küste den Kopf frei. Die ärgerliche Mail aus dem Arbeitsalltag, die einen am ersten Urlaubstag noch beschäftigt hat, löst sich in der Gischt auf. Empfehlung: dem Drang widerstehen, sofort mit dem Smartphone zu fotografieren und das Bild auf Instagram zu posten.

Stattdessen einfach nur aufs Meer schauen. Das ist, das würden die stillen Fischer von Nazaré gewiss bestätigen, für ein paar Momente einfach mal genug.

Fabian Heckenberger

Die Iguazú-Wasserfälle

Ein Besuch der Iguazú-Wasserfälle will geplant sein. Um die 20 großen und 255 kleinen Katarakte, die sich über knapp drei Kilometer an der Grenze zwischen Argentinien und Brasilien erstrecken, möglichst nah zu erleben. Aber auch, um den Menschenmassen zu entgehen, die täglich über die flächenmäßig größten Wasserfälle der Welt herfallen. Um acht Uhr morgens öffnet der Nationalpark – die beste Zeit, sich zur Garganta del Diablo aufzumachen, einer u-förmigen Schlucht, 700 Meter tief, auf einem Holzsteg über dem Río Iguazú, bis zu einer Plattform über der Wasserkante. Unten donnert und brodelt es, Gischt steigt auf, darin ein Regenbogen. Überirdisch schön und Furcht einflößend. Garganta del Diablo heißt Teufelsschlund – ein passender Name.

Rundwege führen durch dichten Regenwald zu anderen Wasserfällen. Bunte Schmetterlinge flattern durch die frische Morgenluft, Papageien und Sittiche, Kolibris und Tukane. An einem Baum hängt ein Faultier, ein Ameisenbär stolziert über den Weg. Die Zwillingsfälle Adan y Eva, Adam und Eva, stürzen senkrecht in die Tiefe, der Mbiguá-Wasserfall ergießt sich über Felsstufen.

Weil die meisten Wasserfälle am argentinischen Flussufer liegen, hat man von der brasilianischen Seite die beste Aussicht. Am schönsten ist es bei Sonnenuntergang. Aber dann ist der Nationalpark schon geschlossen. Die Lösung: eine Nacht im Belmond Cataratas, einem Luxushotel.

Der Spaß kostet 800 Euro für das Doppelzimmer. Mindestens. Dafür muss man die Trilha das Cataratas nur mit den anderen Hotelgästen teilen. Der Wanderweg endet mitten im Inferno. Es zischt und dampft und donnert von oben, unten, von rechts und von links. Dazu der Farbrausch der untergehenden Sonne. Welch ein Spektakel.

Tom Noga

Mit einer Dschunke in der Halong-Bucht

Feuerspeiende Wesen mit schuppigen Rücken sind ein großes Ding in Asien, natürlich auch in Vietnam, und erst recht an einem der berühmtesten Touristenziele des Landes: der Halong-Bucht. Der Name bedeutet „herabsteigender Drache“. Gleich mehrere Ungeheuer sollen es der Legende nach gewesen sein, die hier Feinde des Jadekaisers vernichteten, dabei Zähne verloren, die zu Inseln wurden. Genau 1969 Felsen sind es offiziell, eine Zahl, die zufällig dem Todesjahr des nordvietnamesischen Revolutionärs Ho Chi Minh entspricht.

Bizarr ragen die labyrinthisch angeordneten Kalksteinformationen aus dem türkisfarbenen Wasser – ein surrealer Anblick, der durch die tiefroten oder gelben Segel vorbeigleitender (aber in Wahrheit dieselgetriebener) Dschunken noch reizvoller wird. Am besten genießt man das zum Welterbe der Unesco zählende Meeresgebirge auf einem mehrtägigen Törn mittendurch. Ein meditatives Erlebnis. Ein komfortables auch. Die guten Schiffe sind geschmackvoll in dunklem Holz gehalten, ausgestattet mit klimatisierten Doppelkabinen, eigenem Bad und tollen Köchen. Die schlechten Schiffe, die Seelenverkäufer, erkennt man am niedrigen Preis.

Auf den geräumigen Sonnendecks vergehen die Stunden mit Schauen, gelegentlich legt man an Grotten oder Felsen mit Aussichtspagoden an. Manchmal verlangsamt der Kapitän die Fahrt, um Seenomaden vorbeizulassen, die mit ihren Familien, Wachhunden und Fernsehern auf Flößen leben und Fisch züchten, den sie nach China verkaufen. Aber das Genialste sind die geschnitzten Drachenköpfe zur Abwehr böser Geister am Bug der Dschunken. Wenn man sich bei sanfter Dünung auf einen setzt, ist es wie im Fantasy-Film: ein Ritt auf einem Drachen.

Jochen Temsch

Spitzkoppe

Natürlich hat auch Hollywood diesen Platz mal wieder entdeckt, wie immer, wenn etwas außerirdisch schön wirkt oder prähistorisch urtümlich anmutet. Der hier gedrehte Film wird in seiner ganzen Hirnrissigkeit der einzigartigen Spitzkoppe allerdings so wenig gerecht, dass sein Name an dieser Stelle verschwiegen werden soll.

Typisch auch, dass die Große Spitzkoppe – so der präzise Name des 1728 Meter hohen Gipfels – als klassische Bergschönheit mit dem üblichen Reisestereotyp „Matterhorn Namibias“ abgehandelt wird, obwohl sie wenig von einem Matterhorn hat, kein Eis, keinen Schnee, kaum Gipfelaspiranten, dafür einen rötlichen Teint, der seine Farbe im Tagesverlauf ändert.

Sie steht auch nicht in einem Gebirge, sondern ragt als Inselberg zusammen mit ein paar anderen, teils bienenkorbförmigen Granitriesen namens Pontoks bis zu 700 Meter aus der wüsten Ebene West-Namibias heraus, eine zweistündige Fahrt von der deutschkolonial geprägten Küstenstadt Swakopmund entfernt. Auf einem Campingplatz, weitläufig genug, um sich einsam zu fühlen, stellt man den Wagen samt Dachzelt im Schatten gewaltiger Felskugeln ab, um dann je nach Gusto glücklich zu werden, ob Grillfanatiker, Vogelgucker, Wüstenbotaniker, Felsmalereien-Forscher oder Sportkletterer (die 1946 erstmals bestiegene Große Spitzkoppe selbst ist nur was für Könner).

Am Frühstück bedienen sich Borstenhörnchen, auf den Felsen sitzen kleine Drachen mit roten Köpfen, Siedleragamen. Und nachts, wenn vor lauter Dunkelheit auch die Sterne am Ende des Universums leuchten, krabbelt ein Skorpion vorbei. Bis zum nächsten Krankenhaus ist es ein Stück.

Dominik Prantl

Diskobucht in Ilulissat

Bevor sie uns am Hafen von Ilulissat ins Boot lassen, bekommt jeder eine dieser Jacken: windabweisend nach außen, kuschelig warm im Inneren, weil mit Robbenfell gefüttert. Die Tierschützerin in mir schaudert’s, aber dann, kaum sind wir eine halbe Stunde draußen bei zweistelligen Minusgraden, erkenne ich den Wert der Jacke. Sie ermöglicht es, an Deck zu bleiben, zu sehen, zu staunen.

Riesige Eisberge treiben hier, in der Diskobucht im Westen Grönlands, auf dem Wasser. Es müssen Hunderte sein. Das Sonnenlicht ist beißend klar, das Meer unwirklich türkis-blau-durchscheinend. Unter der Oberfläche: noch mehr Eis, viel mehr Eis. Die Berge ragen in die Tiefe, ein Kosmos wie aus einem Computerspiel, als würde man einen fremden Planeten erkunden. Eine Stunde fahren wir durch den Irrgarten, und ich kann mich nicht sattsehen, weiß gar nicht, woher dieses Glücksgefühl kommt, es ist doch nur Eis und Kälte und – Leben!

Robben, Fische, Krill, wer Glück hat, sieht Wale. Das Wasser in der Bucht ist extrem nährstoffreich. Vor mehr als 4000 Jahren siedelten hier schon Jäger. Die Saqqaq-Kultur verschwand, vermutlich infolge einer Klimaabkühlung. Jetzt wird es immer wärmer, die Gletscher kalben ihr letztes Eis hinaus in die Welt. Selbst ein Riese wie der Sermeq Kujalleq, der als einer der aktivsten Gletscher der Erde gilt und bislang den Ilulissat-Eisfjord speist, zerfließt vor unseren Augen. Es wird keine Eisriesen mehr geben, nur noch Eisköniginnen in Fantasy-Filmen. Vielleicht setzen die dann rote Segel im weißen Eis, auch das wird wunderbar aussehen, es ist halt nur nicht real life.

Monika Maier-Albang

Nabayotum-Krater am Turkana-See

Ein riesiger Trichter, die Wände steil, an seinen Flanken verläuft schwarze Lava im Sand der Wüste, vermischt mit smaragdgrünem Wasser. Wenn es Gott gäbe – das wäre ein Blick in seine Werkstatt: wild modelliert und verdammt viel Farbe verschüttet bei einem der ersten Versuche, die Welt zu erschaffen in diesem Glutofen im Großen Afrikanischen Grabenbruch.

Das mit der Anfängen des Lebens ist nicht übertrieben. Metaphysisch, mindestens surreal fühlt es sich an, hier auf einem Felsbrocken zu sitzen und sich an etwas zu erinnern, das man doch gar nicht erlebt haben kann. Aber der Ort ist real, es gibt ihn auf Erden: den Nabayotum-Krater am Turkana-See im Norden Kenias, der zum Teil in Äthiopien liegt. Es ist der größte Wüstensee der Welt, zwölfmal größer als der Bodensee. In seinem alkalischen Wasser schwimmen Krokodile, seine Ufer sind ein Forschungsfeld prähistorischen Lebens.

Einer der bedeutendsten Funde war das komplette Skelett eines Jungen, der vor 1,5 Millionen Jahren an einem entzündeten Milchzahn starb – Beleg für die These, dass die Wiege der Menschheit in Afrika lag, und zwar auch genau hier. Nabayotum-Krater, Nabel der Welt.

Diesen isolierten Ort aufzusuchen, hat seinen Preis und ist gefährlich. Es gibt keine Infrastruktur, keine Straßen, nichts. Von Nairobi aus sind es drei Tage mit dem Jeep durch die Wüste an den See, sicherer ist es mit einem Helikopter von einem der sehr wenigen Camps der Umgebung aus. So weit weg – aber näher am Anfang von allem geht es nicht.

Jochen Temsch

Torres del Paine

Argentinier und Chilenen können lange darüber streiten, welcher Teil Patagoniens schöner ist. Über das größte Naturwunder aber sind sich zumindest ihre Gäste einig. Die Torres del Paine sind eine globale Ikone, 2013 wurde der chilenische Nationalpark mit seinen Granitnadeln und türkisen Gletscherseen online zum achten Weltwunder gewählt.

Die Massen kamen schon vorher und kommen nach wie vor. Auf dem sogenannten W-Trek wandern sie in vier Tagen um die berühmtesten Berge oder machen die ganze Runde, den O-Trek – beide sind nach ihrer Form benannt. 300 000 Besucher wurden vor der Pandemie gezählt, dieses Jahr dürften es wieder ähnlich viele sein. Wer im Valle del Silencio nicht bitter über den Namen lachen und sich die patagonischen Drei Zinnen nicht mit Horden von Selfie-Süchtigen teilen will, kommt dann, wenn auf der Südhalbkugel Frühling ist. Oder steigt ins Kajak.

Bei der Anfahrt am frühen Morgen zeigen sich Herden von Guanakos, eine einheimische Kamel-Art. Kondore zerfleddern einen Kadaver. In den Seen staksen Flamingos, dahinter spiegeln sich schneebedeckte Flanken und glühende Felszacken. Eingepackt in Trockenanzüge, paddelt man auf den Lago Grey hinaus, in einen Skulpturenpark blau leuchtender Eisberge.

Noch einsamer wird es im Sattel. Über bleiches Tussockgras führt ein Ritt zur Laguna Azul und durch den Fluss Las Chinas zu einem Wasserfall. Alles wunderbar – bis die beiden Gauchos an der Spitze Lust auf Trab bekommen. Und dann auf Galopp. Gnadenlos staucht es den Reitdilettanten in den Sattel, am Abend schmerzen Hintern, Rücken und Knie. Was nun hilft? Nur Rotwein und gegrilltes Asado-Lamm, beste Gaucho-Medizin.

Florian Sanktjohanser

Die Oper von Sydney

Natürlich kann man im Opernhaus von Sydney eine Oper erleben. Muss man aber nicht. Wer solche Pläne hat, sollte sich der Gefahr bewusst sein, dass man ein Ehepaar aus Köln als Sitznachbarn hat, das ausführlich berichtet, zu Hause in der Philharmonie sei die Akustik besser. Das Schöne ist: Selbst dann ist die Magie dieses Ortes unerschütterlich. In der Pause, auf einer der Terrassen mit Blick auf den schimmernden Pazifik, wird selbst der redseligste Rheinländer ganz still.

Die Oper von Sydney ist kein Gebäude, das man im gewöhnlichen Sinn besichtigt, obwohl auch das lohnenswert ist (die Concert Hall, der größte von sechs Sälen, ist eine moderne Kathedrale aus Holz). Es ist ein Ort, dem man sich nähert, vom Land, vom Wasser – an der Reling einer Hafenfähre – oder auch aus der Luft, wenn man nebenan die Harbour Bridge erklimmt. Fast gleich aus welchem Winkel: Es ist ein Ort, an dessen Kühnheit und Optimismus man sich kaum sattsehen kann.

Die Oper steht auf dem Bennelong Point, einer winzigen Halbinsel, die nach einem Aborigine benannt ist. Wer hier ein wenig verweilt, und sei es auch nur in der Freiluft-Bar unten am Hafenbecken, der spürt, dass an diesem Ort zugleich das Herz eines jungen Staates und das einer alten Zivilisation schlägt. Die Silhouette des Operndachs ist zum globalen Bildzeichen dieses Landes geworden.

Touristen kommen eigentlich nicht nach Australien, um Dinge zu sehen, die der Mensch geschaffen hat. Das Sydney Opera House ist die eine Ausnahme. Einmal leibhaftig vor diesen ebenso mächtigen wie eleganten Segeln zu stehen, die ein gütiger Wind aufzublasen scheint: Das ist ein Privileg, und zwar eines, das jeder Tourist dem Architekten voraushat. Der Däne Jørn Utzon verließ Sydney während des Baus 1966 im Streit und kehrte niemals zurück.

Von Roman Deininger

Die Altstadt von Quito

Der Himmel ist hier nah. Das ist in Quito wörtlich zu verstehen: Schließlich liegt Ecuadors Hauptstadt auf fast 3000 Metern inmitten der Anden. Dass der Himmel in metaphysischer Hinsicht allerdings nicht so leicht zu erreichen ist, auch das weiß man in dieser Stadt. Unzählige Kirchen und Klöster in der Altstadt erinnern daran: Weicht der Mensch vom rechten Wege ab, so drohe die Hölle.

Wie entsetzlich die aussehen könnte, zeigt ein Horror-Gemälde in der Jesuitenkirche La Compañía de Jesús, die ansonsten über und über mit Blattgold geschmückt ist. Auf überwältigende Weise demonstriert sie Glanz und Elend, Reichtum und Ausbeutung der Kolonialzeit, die bis heute nachwirken. Hier leuchtet wirklich jedem ein, warum Quitos Altstadt, 1534 von den Spaniern gegründet, wegen ihrer opulenten Kolonialarchitektur und Kunstschätze 1978 als erste Stadt überhaupt zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt wurde.

Gleißende Äquatorsonne lässt die weiß getünchten Gebäude des weitläufigen und belebten Centro Histórico tagsüber strahlen. Naht der Abend, empfiehlt es sich, den Abstand zum Himmel noch etwas zu verringern und den Sonnenuntergang über den Dächern zu erleben, am besten auf der Terrasse des „Vista Hermosa“. Dort hat man sie direkt vor sich, die einstigen und heutigen Zentren der Macht, die Kathedrale und den Regierungspalast, für manche ein Symbol für die politischen Höllenkreise des Landes. Immerhin wacht über allem, auf dem Panecillo-Hügel, eine riesengroße Madonnenstatue. Und angesichts des spektakulären Blicks über die Stadt- und Berglandschaft bleibt vor allem dieser Gedanke haften: Dem Himmel sei Dank.

In die Alhambra

Oh ja, es wird heiß in Granada im Hochsommer. Selbst unter der Markise im „Cafe 4 Gatos“ steht die Luft, dafür ist der Blick auf Hügel und Burg vielversprechend. Und ebenso die Aussicht, nach der Siesta dort oben zu sein, in der „roten Festung“, „Qal’at al-hamra“, der Alhambra

Denn sie wussten hier schon zu leben, die Reichen im ausgehenden Mittelalter: kühlendes Geplätscher in den Innenhöfen, bunte Fliesen, geometrisch angeordnet, überall Säulen, verziert mit prachtvollen Kalligrafien, Koranfragmenten und Stuckatur. Die Wände schimmern je nach Lichteinfall mal feiner, mal kräftiger rot aufgrund des eisenhaltigen Tons, aus dem die Ziegel gefertigt wurden. Eine Burg, die einem Sakralbau ähnelt, ein Traum aus Tausendundeiner Nacht, und das so nah – man muss nicht mal übers Mittelmeer fliegen, um sich dieses Meisterstück arabischer Kunstfertigkeit anzusehen.

Die Nasridenherrscher ließen die Anlage im 13. und 14. Jahrhundert erbauen. Sie besteht aus mehreren Palästen. Man schlendert durch den Myrten- und Löwenhof, nimmt die späten Bauphasen mit Anleihen aus der italienischen Renaissance in Kauf, die der katholische Eroberer Karl V. von 1526 an in Auftrag gab, nachdem das Emirat von Granada aufgehört hatte zu existieren.

Immerhin: Er ließ die islamische Kunst stehen. Heute ist die Alhambra nicht nur Unesco-Weltkulturerbe, sie gilt auch als Symbol der Mittelmeerkultur, aus der Europa entstanden ist – und die eben nicht nur durch christliche, sondern neben jüdischen auch durch muslimische Einflüsse geprägt ist.

Und wem das zu bedeutungsschwer ist, der kann auch einfach nur die kühlen Räume genießen. Oder besser noch im Frühling kommen, wenn die Temperaturen noch niedriger sind und die Zitronenbäume blühen.

Monika Maier-Albang

Auf der Brücke von Avignon

Die Brücke von Avignon kennt jedes Kind. Das Lied vom Tanz auf dem rudimentären Bauwerk kommt schon in Kitas zum Einsatz: Die Herren machen so, die Damen so, die Wäscherinnen und Soldaten so, so, so. In der Realität wäre so ein Tanz problematisch. Der Pont Saint-Bénézet, so der offizielle Name der Brücke, ist so schmal, dass kaum drei Menschen nebeneinander stehen können.

Ihr Geländer ist zudem so niedrig, dass man bei einem allzu ausladenden Hüftschwung fürchten müsste, aus Versehen jemanden in die Rhône zu schubsen. Kinder sollen, so steht es auf Warnschildern, zur Sicherheit ständig an der Hand gehalten werden.

Und es gibt noch mehr Missverständnisse. In der ursprünglichen Fassung des Lied-Textes hieß es „sous le pont“, unter der Brücke, statt „sur“ (auf) – gemeint war eine Fluss-Insel, auf der die mittelalterlichen Jahrmärkte stattfanden und die über den steinernen Steg zu erreichen war. Kriege und die Kräfte der mächtigen Rhône machten den Pfeilern zu schaffen. Für den Warenverkehr mit Fuhrwerken war die Brücke sowieso zu schmal, dazu nahm man Boote, also ließ man sie im 17. Jahrhundert verfallen.

Und: Weder sous noch sur ist die Brücke am schönsten, sondern von einer anderen Brücke aus. Der Pont Édouard Daladier bietet eine Postkartenaussicht auf die Brücke mit Altstadt und Papstpalast, er ist allerdings intakt – also für sich genommen unspektakulär.

Jochen Temsch

Crystal River

Fragt man Taucher nach ihren Träumen, bekommt man viel Erhabenes zu hören. Die einen wollen Walhaie sehen, die anderen Mantas. Meine Sehnsuchtstiere sehen aus wie graue Würste, mit Stummelarmen, Knopfaugen und Borsten um die runzlige Schnauze. Aber was Seekühen in puncto Eleganz fehlt, gleichen sie durch Charakter aus. Tiefenentspannt sollen sie sein, manchmal umarmen sie angeblich Menschen.

15 Jahre lang bin ich ihnen nachgetaucht, in Indonesien und Ägypten, Mexiko und Mosambik. Vergeblich. Und nun, in einem Kaff im Nordwesten Floridas, stecke ich beim Schnorcheln den Kopf unter Wasser – und sehe sofort meine erste Seekuh.

„Welthauptstadt der Manatis“ nennt sich Crystal River, die knuffigen Dickhäuter liegen als Plüschtiere in Souvenirläden, zieren Nummernschilder und Wappen der Stadt. Von Mitte November an, wenn der Golf von Mexiko kälter als 20 Grad wird, schwimmen sie die Flüsse herauf. Hunderte Rundschwanzseekühe drängen sich dann in den warmen Quellen, wo sie seit 1983 geschützt sind.

Am schönsten ist es dort früh am Morgen, wenn noch Nebel zwischen Palmen und Virginia-Eichen hängt. In den Three Sisters Springs sehe ich die Seekühe im extrem klaren Wasser hinter einer Bojenleine dösen. Alle paar Minuten hebt sich ihr Oberkörper, bis die Nasenlöcher aus dem Wasser spitzen. Tief atmen, dann sinken sie wieder auf den Grund.

In der Kings Spring dagegen wollen sie spielen. Neugierig schwimmt ein Manati heran, stupst mich an, gleitet unter mir hindurch und rollt sich auf den Rücken wie ein Welpe, der gekrault werden möchte. Ich muss lachen, schlucke Wasser. Und bin endlich ein seliger Taucher.

Florian Sanktjohanser

Auf die Drei Zinnen klettern

Zugegeben, ein Geheimtipp sind die Drei Zinnen ungefähr seit der Erstbesteigung der Großen Zinne im Jahr 1869 nicht mehr. Aber welcher Berg mit einem derartigen Profil, mit einem derartigen Bekanntheitsgrad ist das noch? Der Watzmann? Wird trotz seines Rufs als grausamer, längst petrifizierter Tyrann überrannt von den Massen, und das im Wortsinne. Das Matterhorn? Hat eine derartige Strahlkraft, dass selbst weit entfernte Seen bevölkert werden, in denen sich die Bergpyramide nur spiegelt.

Und natürlich ist auch eine Touristenfütterungsstelle wie die Dreizinnenhütte (2405 Meter) zu Füßen des Dreigestirns der reinste Spießrutenlauf für Misanthropen. Laut Hütten-Website gehen dort schon im Februar mehr als tausend Übernachtungsanfragen für die Hochsaison ein. Im Sommer ist dann meist die Hölle los vor lauter Halbschuh-Alpinisten, die ihre Fotobibliothek mit dem Trio aus Felszähnen bereichern wollen.

Und doch gibt es auch dort noch Ruhe. An einem sonnigen Donnerstag Anfang Juni etwa sah ich beim Aufstieg zur Großen Zinne über den Kletterei abverlangenden Normalweg genau einen Menschen: meinen Seilpartner. Am Gipfel ging der Blick 600 Höhenmeter hinab zur noch geschlossenen Dreizinnenhütte, davor die abfallenden Schotterfelder und nur sehr wenige Ameisenmenschen. Denn merke: Mag ein Einmal-im-Leben-Platz auch noch so beliebt sein, so gibt es doch meistens eine Zeit, den Massen aus dem Weg zu gehen. Schon Ende September geht die Dreizinnenhütte wieder in den Winterschlaf.

Dominik Prantl

Einmal im Leben

Die Riesenwelle von Nazaré

An der Küste Portugals stimmt das Etikett Naturschauspiel wirklich mal: In Nazaré erlebt man die größten Wellen, die jemals gesurft wurden.

Die Riesenwelle von Nazaré

Stanley Kubrick war mit seiner Kamera bereits 1948 in Nazaré. Lange bevor er als Regisseur berühmt wurde, fotografierte der junge US-Amerikaner in Schwarz-Weiß die einsamen portugiesischen Fischer des Küstendorfs, das heute aus ganz anderen Gründen berühmt ist.

Vor dem roten Leuchtturm auf der gemauerten Festung brechen im Winter die größten Wellen, die jemals gesurft wurden.

Und Hunderte Objektive und Smartphones entlang der Steilküste richten sich auf Frauen und Männer, die sich hinter Jetskis in diese Wasserberge ziehen lassen. Neben Hawaii ist Nazaré vor etwas mehr als zehn Jahren zur wichtigsten Haltestelle der sogenannten Big-Wave-Tour geworden.

Nun kann man sich berechtigterweise fragen, warum um Himmels willen ein Mensch auf einem Brett eine 26 Meter hohe Welle hinabrasen sollte. Egal, ob mit Mensch oder ohne: Diese Wellen, die sich kilometerlang aus dem offenen Meer entlang eines Grabens im Meeresboden aufbauen und kurz vor der Küste brechen, verdienen sich eindrücklich das an anderen Orten viel zu leichtfertig gebrauchte Etikett Naturschauspiel.

Der Wind bläst einem an solch einem Wintertag an der Küste den Kopf frei. Die ärgerliche Mail aus dem Arbeitsalltag, die einen am ersten Urlaubstag noch beschäftigt hat, löst sich in der Gischt auf. Empfehlung: dem Drang widerstehen, sofort mit dem Smartphone zu fotografieren und das Bild auf Instagram zu posten.

Stattdessen einfach nur aufs Meer schauen. Das ist, das würden die stillen Fischer von Nazaré gewiss bestätigen, für ein paar Momente einfach mal genug.

Fabian Heckenberger

Die Iguazú-Wasserfälle

Ein Besuch der Iguazú-Wasserfälle will geplant sein. Um die 20 großen und 255 kleinen Katarakte, die sich über knapp drei Kilometer an der Grenze zwischen Argentinien und Brasilien erstrecken, möglichst nah zu erleben. Aber auch, um den Menschenmassen zu entgehen, die täglich über die flächenmäßig größten Wasserfälle der Welt herfallen. Um acht Uhr morgens öffnet der Nationalpark – die beste Zeit, sich zur Garganta del Diablo aufzumachen, einer u-förmigen Schlucht, 700 Meter tief, auf einem Holzsteg über dem Río Iguazú, bis zu einer Plattform über der Wasserkante. Unten donnert und brodelt es, Gischt steigt auf, darin ein Regenbogen. Überirdisch schön und Furcht einflößend. Garganta del Diablo heißt Teufelsschlund – ein passender Name.

Rundwege führen durch dichten Regenwald zu anderen Wasserfällen. Bunte Schmetterlinge flattern durch die frische Morgenluft, Papageien und Sittiche, Kolibris und Tukane. An einem Baum hängt ein Faultier, ein Ameisenbär stolziert über den Weg. Die Zwillingsfälle Adan y Eva, Adam und Eva, stürzen senkrecht in die Tiefe, der Mbiguá-Wasserfall ergießt sich über Felsstufen.

Weil die meisten Wasserfälle am argentinischen Flussufer liegen, hat man von der brasilianischen Seite die beste Aussicht. Am schönsten ist es bei Sonnenuntergang. Aber dann ist der Nationalpark schon geschlossen. Die Lösung: eine Nacht im Belmond Cataratas, einem Luxushotel.

Der Spaß kostet 800 Euro für das Doppelzimmer. Mindestens. Dafür muss man die Trilha das Cataratas nur mit den anderen Hotelgästen teilen. Der Wanderweg endet mitten im Inferno. Es zischt und dampft und donnert von oben, unten, von rechts und von links. Dazu der Farbrausch der untergehenden Sonne. Welch ein Spektakel.

Tom Noga

Mit einer Dschunke in der Halong-Bucht

Feuerspeiende Wesen mit schuppigen Rücken sind ein großes Ding in Asien, natürlich auch in Vietnam, und erst recht an einem der berühmtesten Touristenziele des Landes: der Halong-Bucht. Der Name bedeutet „herabsteigender Drache“. Gleich mehrere Ungeheuer sollen es der Legende nach gewesen sein, die hier Feinde des Jadekaisers vernichteten, dabei Zähne verloren, die zu Inseln wurden. Genau 1969 Felsen sind es offiziell, eine Zahl, die zufällig dem Todesjahr des nordvietnamesischen Revolutionärs Ho Chi Minh entspricht.

Bizarr ragen die labyrinthisch angeordneten Kalksteinformationen aus dem türkisfarbenen Wasser – ein surrealer Anblick, der durch die tiefroten oder gelben Segel vorbeigleitender (aber in Wahrheit dieselgetriebener) Dschunken noch reizvoller wird. Am besten genießt man das zum Welterbe der Unesco zählende Meeresgebirge auf einem mehrtägigen Törn mittendurch. Ein meditatives Erlebnis. Ein komfortables auch. Die guten Schiffe sind geschmackvoll in dunklem Holz gehalten, ausgestattet mit klimatisierten Doppelkabinen, eigenem Bad und tollen Köchen. Die schlechten Schiffe, die Seelenverkäufer, erkennt man am niedrigen Preis.

Auf den geräumigen Sonnendecks vergehen die Stunden mit Schauen, gelegentlich legt man an Grotten oder Felsen mit Aussichtspagoden an. Manchmal verlangsamt der Kapitän die Fahrt, um Seenomaden vorbeizulassen, die mit ihren Familien, Wachhunden und Fernsehern auf Flößen leben und Fisch züchten, den sie nach China verkaufen. Aber das Genialste sind die geschnitzten Drachenköpfe zur Abwehr böser Geister am Bug der Dschunken. Wenn man sich bei sanfter Dünung auf einen setzt, ist es wie im Fantasy-Film: ein Ritt auf einem Drachen.

Jochen Temsch

Spitzkoppe

Natürlich hat auch Hollywood diesen Platz mal wieder entdeckt, wie immer, wenn etwas außerirdisch schön wirkt oder prähistorisch urtümlich anmutet. Der hier gedrehte Film wird in seiner ganzen Hirnrissigkeit der einzigartigen Spitzkoppe allerdings so wenig gerecht, dass sein Name an dieser Stelle verschwiegen werden soll.

Typisch auch, dass die Große Spitzkoppe – so der präzise Name des 1728 Meter hohen Gipfels – als klassische Bergschönheit mit dem üblichen Reisestereotyp „Matterhorn Namibias“ abgehandelt wird, obwohl sie wenig von einem Matterhorn hat, kein Eis, keinen Schnee, kaum Gipfelaspiranten, dafür einen rötlichen Teint, der seine Farbe im Tagesverlauf ändert.

Sie steht auch nicht in einem Gebirge, sondern ragt als Inselberg zusammen mit ein paar anderen, teils bienenkorbförmigen Granitriesen namens Pontoks bis zu 700 Meter aus der wüsten Ebene West-Namibias heraus, eine zweistündige Fahrt von der deutschkolonial geprägten Küstenstadt Swakopmund entfernt. Auf einem Campingplatz, weitläufig genug, um sich einsam zu fühlen, stellt man den Wagen samt Dachzelt im Schatten gewaltiger Felskugeln ab, um dann je nach Gusto glücklich zu werden, ob Grillfanatiker, Vogelgucker, Wüstenbotaniker, Felsmalereien-Forscher oder Sportkletterer (die 1946 erstmals bestiegene Große Spitzkoppe selbst ist nur was für Könner).

Am Frühstück bedienen sich Borstenhörnchen, auf den Felsen sitzen kleine Drachen mit roten Köpfen, Siedleragamen. Und nachts, wenn vor lauter Dunkelheit auch die Sterne am Ende des Universums leuchten, krabbelt ein Skorpion vorbei. Bis zum nächsten Krankenhaus ist es ein Stück.

Dominik Prantl

Diskobucht in Ilulissat

Bevor sie uns am Hafen von Ilulissat ins Boot lassen, bekommt jeder eine dieser Jacken: windabweisend nach außen, kuschelig warm im Inneren, weil mit Robbenfell gefüttert. Die Tierschützerin in mir schaudert’s, aber dann, kaum sind wir eine halbe Stunde draußen bei zweistelligen Minusgraden, erkenne ich den Wert der Jacke. Sie ermöglicht es, an Deck zu bleiben, zu sehen, zu staunen.

Riesige Eisberge treiben hier, in der Diskobucht im Westen Grönlands, auf dem Wasser. Es müssen Hunderte sein. Das Sonnenlicht ist beißend klar, das Meer unwirklich türkis-blau-durchscheinend. Unter der Oberfläche: noch mehr Eis, viel mehr Eis. Die Berge ragen in die Tiefe, ein Kosmos wie aus einem Computerspiel, als würde man einen fremden Planeten erkunden. Eine Stunde fahren wir durch den Irrgarten, und ich kann mich nicht sattsehen, weiß gar nicht, woher dieses Glücksgefühl kommt, es ist doch nur Eis und Kälte und – Leben!

Robben, Fische, Krill, wer Glück hat, sieht Wale. Das Wasser in der Bucht ist extrem nährstoffreich. Vor mehr als 4000 Jahren siedelten hier schon Jäger. Die Saqqaq-Kultur verschwand, vermutlich infolge einer Klimaabkühlung. Jetzt wird es immer wärmer, die Gletscher kalben ihr letztes Eis hinaus in die Welt. Selbst ein Riese wie der Sermeq Kujalleq, der als einer der aktivsten Gletscher der Erde gilt und bislang den Ilulissat-Eisfjord speist, zerfließt vor unseren Augen. Es wird keine Eisriesen mehr geben, nur noch Eisköniginnen in Fantasy-Filmen. Vielleicht setzen die dann rote Segel im weißen Eis, auch das wird wunderbar aussehen, es ist halt nur nicht real life.

Monika Maier-Albang

Nabayotum-Krater am Turkana-See

Ein riesiger Trichter, die Wände steil, an seinen Flanken verläuft schwarze Lava im Sand der Wüste, vermischt mit smaragdgrünem Wasser. Wenn es Gott gäbe – das wäre ein Blick in seine Werkstatt: wild modelliert und verdammt viel Farbe verschüttet bei einem der ersten Versuche, die Welt zu erschaffen in diesem Glutofen im Großen Afrikanischen Grabenbruch.

Das mit der Anfängen des Lebens ist nicht übertrieben. Metaphysisch, mindestens surreal fühlt es sich an, hier auf einem Felsbrocken zu sitzen und sich an etwas zu erinnern, das man doch gar nicht erlebt haben kann. Aber der Ort ist real, es gibt ihn auf Erden: den Nabayotum-Krater am Turkana-See im Norden Kenias, der zum Teil in Äthiopien liegt. Es ist der größte Wüstensee der Welt, zwölfmal größer als der Bodensee. In seinem alkalischen Wasser schwimmen Krokodile, seine Ufer sind ein Forschungsfeld prähistorischen Lebens.

Einer der bedeutendsten Funde war das komplette Skelett eines Jungen, der vor 1,5 Millionen Jahren an einem entzündeten Milchzahn starb – Beleg für die These, dass die Wiege der Menschheit in Afrika lag, und zwar auch genau hier. Nabayotum-Krater, Nabel der Welt.

Diesen isolierten Ort aufzusuchen, hat seinen Preis und ist gefährlich. Es gibt keine Infrastruktur, keine Straßen, nichts. Von Nairobi aus sind es drei Tage mit dem Jeep durch die Wüste an den See, sicherer ist es mit einem Helikopter von einem der sehr wenigen Camps der Umgebung aus. So weit weg – aber näher am Anfang von allem geht es nicht.

Jochen Temsch

Torres del Paine

Argentinier und Chilenen können lange darüber streiten, welcher Teil Patagoniens schöner ist. Über das größte Naturwunder aber sind sich zumindest ihre Gäste einig. Die Torres del Paine sind eine globale Ikone, 2013 wurde der chilenische Nationalpark mit seinen Granitnadeln und türkisen Gletscherseen online zum achten Weltwunder gewählt.

Die Massen kamen schon vorher und kommen nach wie vor. Auf dem sogenannten W-Trek wandern sie in vier Tagen um die berühmtesten Berge oder machen die ganze Runde, den O-Trek – beide sind nach ihrer Form benannt. 300 000 Besucher wurden vor der Pandemie gezählt, dieses Jahr dürften es wieder ähnlich viele sein. Wer im Valle del Silencio nicht bitter über den Namen lachen und sich die patagonischen Drei Zinnen nicht mit Horden von Selfie-Süchtigen teilen will, kommt dann, wenn auf der Südhalbkugel Frühling ist. Oder steigt ins Kajak.

Bei der Anfahrt am frühen Morgen zeigen sich Herden von Guanakos, eine einheimische Kamel-Art. Kondore zerfleddern einen Kadaver. In den Seen staksen Flamingos, dahinter spiegeln sich schneebedeckte Flanken und glühende Felszacken. Eingepackt in Trockenanzüge, paddelt man auf den Lago Grey hinaus, in einen Skulpturenpark blau leuchtender Eisberge.

Noch einsamer wird es im Sattel. Über bleiches Tussockgras führt ein Ritt zur Laguna Azul und durch den Fluss Las Chinas zu einem Wasserfall. Alles wunderbar – bis die beiden Gauchos an der Spitze Lust auf Trab bekommen. Und dann auf Galopp. Gnadenlos staucht es den Reitdilettanten in den Sattel, am Abend schmerzen Hintern, Rücken und Knie. Was nun hilft? Nur Rotwein und gegrilltes Asado-Lamm, beste Gaucho-Medizin.

Florian Sanktjohanser

Die Oper von Sydney

Natürlich kann man im Opernhaus von Sydney eine Oper erleben. Muss man aber nicht. Wer solche Pläne hat, sollte sich der Gefahr bewusst sein, dass man ein Ehepaar aus Köln als Sitznachbarn hat, das ausführlich berichtet, zu Hause in der Philharmonie sei die Akustik besser. Das Schöne ist: Selbst dann ist die Magie dieses Ortes unerschütterlich. In der Pause, auf einer der Terrassen mit Blick auf den schimmernden Pazifik, wird selbst der redseligste Rheinländer ganz still.

Die Oper von Sydney ist kein Gebäude, das man im gewöhnlichen Sinn besichtigt, obwohl auch das lohnenswert ist (die Concert Hall, der größte von sechs Sälen, ist eine moderne Kathedrale aus Holz). Es ist ein Ort, dem man sich nähert, vom Land, vom Wasser – an der Reling einer Hafenfähre – oder auch aus der Luft, wenn man nebenan die Harbour Bridge erklimmt. Fast gleich aus welchem Winkel: Es ist ein Ort, an dessen Kühnheit und Optimismus man sich kaum sattsehen kann.

Die Oper steht auf dem Bennelong Point, einer winzigen Halbinsel, die nach einem Aborigine benannt ist. Wer hier ein wenig verweilt, und sei es auch nur in der Freiluft-Bar unten am Hafenbecken, der spürt, dass an diesem Ort zugleich das Herz eines jungen Staates und das einer alten Zivilisation schlägt. Die Silhouette des Operndachs ist zum globalen Bildzeichen dieses Landes geworden.

Touristen kommen eigentlich nicht nach Australien, um Dinge zu sehen, die der Mensch geschaffen hat. Das Sydney Opera House ist die eine Ausnahme. Einmal leibhaftig vor diesen ebenso mächtigen wie eleganten Segeln zu stehen, die ein gütiger Wind aufzublasen scheint: Das ist ein Privileg, und zwar eines, das jeder Tourist dem Architekten voraushat. Der Däne Jørn Utzon verließ Sydney während des Baus 1966 im Streit und kehrte niemals zurück.

Von Roman Deininger

Die Altstadt von Quito

Der Himmel ist hier nah. Das ist in Quito wörtlich zu verstehen: Schließlich liegt Ecuadors Hauptstadt auf fast 3000 Metern inmitten der Anden. Dass der Himmel in metaphysischer Hinsicht allerdings nicht so leicht zu erreichen ist, auch das weiß man in dieser Stadt. Unzählige Kirchen und Klöster in der Altstadt erinnern daran: Weicht der Mensch vom rechten Wege ab, so drohe die Hölle.

Wie entsetzlich die aussehen könnte, zeigt ein Horror-Gemälde in der Jesuitenkirche La Compañía de Jesús, die ansonsten über und über mit Blattgold geschmückt ist. Auf überwältigende Weise demonstriert sie Glanz und Elend, Reichtum und Ausbeutung der Kolonialzeit, die bis heute nachwirken. Hier leuchtet wirklich jedem ein, warum Quitos Altstadt, 1534 von den Spaniern gegründet, wegen ihrer opulenten Kolonialarchitektur und Kunstschätze 1978 als erste Stadt überhaupt zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt wurde.

Gleißende Äquatorsonne lässt die weiß getünchten Gebäude des weitläufigen und belebten Centro Histórico tagsüber strahlen. Naht der Abend, empfiehlt es sich, den Abstand zum Himmel noch etwas zu verringern und den Sonnenuntergang über den Dächern zu erleben, am besten auf der Terrasse des „Vista Hermosa“. Dort hat man sie direkt vor sich, die einstigen und heutigen Zentren der Macht, die Kathedrale und den Regierungspalast, für manche ein Symbol für die politischen Höllenkreise des Landes. Immerhin wacht über allem, auf dem Panecillo-Hügel, eine riesengroße Madonnenstatue. Und angesichts des spektakulären Blicks über die Stadt- und Berglandschaft bleibt vor allem dieser Gedanke haften: Dem Himmel sei Dank.

In die Alhambra

Oh ja, es wird heiß in Granada im Hochsommer. Selbst unter der Markise im „Cafe 4 Gatos“ steht die Luft, dafür ist der Blick auf Hügel und Burg vielversprechend. Und ebenso die Aussicht, nach der Siesta dort oben zu sein, in der „roten Festung“, „Qal’at al-hamra“, der Alhambra

Denn sie wussten hier schon zu leben, die Reichen im ausgehenden Mittelalter: kühlendes Geplätscher in den Innenhöfen, bunte Fliesen, geometrisch angeordnet, überall Säulen, verziert mit prachtvollen Kalligrafien, Koranfragmenten und Stuckatur. Die Wände schimmern je nach Lichteinfall mal feiner, mal kräftiger rot aufgrund des eisenhaltigen Tons, aus dem die Ziegel gefertigt wurden. Eine Burg, die einem Sakralbau ähnelt, ein Traum aus Tausendundeiner Nacht, und das so nah – man muss nicht mal übers Mittelmeer fliegen, um sich dieses Meisterstück arabischer Kunstfertigkeit anzusehen.

Die Nasridenherrscher ließen die Anlage im 13. und 14. Jahrhundert erbauen. Sie besteht aus mehreren Palästen. Man schlendert durch den Myrten- und Löwenhof, nimmt die späten Bauphasen mit Anleihen aus der italienischen Renaissance in Kauf, die der katholische Eroberer Karl V. von 1526 an in Auftrag gab, nachdem das Emirat von Granada aufgehört hatte zu existieren.

Immerhin: Er ließ die islamische Kunst stehen. Heute ist die Alhambra nicht nur Unesco-Weltkulturerbe, sie gilt auch als Symbol der Mittelmeerkultur, aus der Europa entstanden ist – und die eben nicht nur durch christliche, sondern neben jüdischen auch durch muslimische Einflüsse geprägt ist.

Und wem das zu bedeutungsschwer ist, der kann auch einfach nur die kühlen Räume genießen. Oder besser noch im Frühling kommen, wenn die Temperaturen noch niedriger sind und die Zitronenbäume blühen.

Monika Maier-Albang

Auf der Brücke von Avignon

Die Brücke von Avignon kennt jedes Kind. Das Lied vom Tanz auf dem rudimentären Bauwerk kommt schon in Kitas zum Einsatz: Die Herren machen so, die Damen so, die Wäscherinnen und Soldaten so, so, so. In der Realität wäre so ein Tanz problematisch. Der Pont Saint-Bénézet, so der offizielle Name der Brücke, ist so schmal, dass kaum drei Menschen nebeneinander stehen können.

Ihr Geländer ist zudem so niedrig, dass man bei einem allzu ausladenden Hüftschwung fürchten müsste, aus Versehen jemanden in die Rhône zu schubsen. Kinder sollen, so steht es auf Warnschildern, zur Sicherheit ständig an der Hand gehalten werden.

Und es gibt noch mehr Missverständnisse. In der ursprünglichen Fassung des Lied-Textes hieß es „sous le pont“, unter der Brücke, statt „sur“ (auf) – gemeint war eine Fluss-Insel, auf der die mittelalterlichen Jahrmärkte stattfanden und die über den steinernen Steg zu erreichen war. Kriege und die Kräfte der mächtigen Rhône machten den Pfeilern zu schaffen. Für den Warenverkehr mit Fuhrwerken war die Brücke sowieso zu schmal, dazu nahm man Boote, also ließ man sie im 17. Jahrhundert verfallen.

Und: Weder sous noch sur ist die Brücke am schönsten, sondern von einer anderen Brücke aus. Der Pont Édouard Daladier bietet eine Postkartenaussicht auf die Brücke mit Altstadt und Papstpalast, er ist allerdings intakt – also für sich genommen unspektakulär.

Jochen Temsch

Crystal River

Fragt man Taucher nach ihren Träumen, bekommt man viel Erhabenes zu hören. Die einen wollen Walhaie sehen, die anderen Mantas. Meine Sehnsuchtstiere sehen aus wie graue Würste, mit Stummelarmen, Knopfaugen und Borsten um die runzlige Schnauze. Aber was Seekühen in puncto Eleganz fehlt, gleichen sie durch Charakter aus. Tiefenentspannt sollen sie sein, manchmal umarmen sie angeblich Menschen.

15 Jahre lang bin ich ihnen nachgetaucht, in Indonesien und Ägypten, Mexiko und Mosambik. Vergeblich. Und nun, in einem Kaff im Nordwesten Floridas, stecke ich beim Schnorcheln den Kopf unter Wasser – und sehe sofort meine erste Seekuh.

„Welthauptstadt der Manatis“ nennt sich Crystal River, die knuffigen Dickhäuter liegen als Plüschtiere in Souvenirläden, zieren Nummernschilder und Wappen der Stadt. Von Mitte November an, wenn der Golf von Mexiko kälter als 20 Grad wird, schwimmen sie die Flüsse herauf. Hunderte Rundschwanzseekühe drängen sich dann in den warmen Quellen, wo sie seit 1983 geschützt sind.

Am schönsten ist es dort früh am Morgen, wenn noch Nebel zwischen Palmen und Virginia-Eichen hängt. In den Three Sisters Springs sehe ich die Seekühe im extrem klaren Wasser hinter einer Bojenleine dösen. Alle paar Minuten hebt sich ihr Oberkörper, bis die Nasenlöcher aus dem Wasser spitzen. Tief atmen, dann sinken sie wieder auf den Grund.

In der Kings Spring dagegen wollen sie spielen. Neugierig schwimmt ein Manati heran, stupst mich an, gleitet unter mir hindurch und rollt sich auf den Rücken wie ein Welpe, der gekrault werden möchte. Ich muss lachen, schlucke Wasser. Und bin endlich ein seliger Taucher.

Florian Sanktjohanser

Auf die Drei Zinnen klettern

Zugegeben, ein Geheimtipp sind die Drei Zinnen ungefähr seit der Erstbesteigung der Großen Zinne im Jahr 1869 nicht mehr. Aber welcher Berg mit einem derartigen Profil, mit einem derartigen Bekanntheitsgrad ist das noch? Der Watzmann? Wird trotz seines Rufs als grausamer, längst petrifizierter Tyrann überrannt von den Massen, und das im Wortsinne. Das Matterhorn? Hat eine derartige Strahlkraft, dass selbst weit entfernte Seen bevölkert werden, in denen sich die Bergpyramide nur spiegelt.

Und natürlich ist auch eine Touristenfütterungsstelle wie die Dreizinnenhütte (2405 Meter) zu Füßen des Dreigestirns der reinste Spießrutenlauf für Misanthropen. Laut Hütten-Website gehen dort schon im Februar mehr als tausend Übernachtungsanfragen für die Hochsaison ein. Im Sommer ist dann meist die Hölle los vor lauter Halbschuh-Alpinisten, die ihre Fotobibliothek mit dem Trio aus Felszähnen bereichern wollen.

Und doch gibt es auch dort noch Ruhe. An einem sonnigen Donnerstag Anfang Juni etwa sah ich beim Aufstieg zur Großen Zinne über den Kletterei abverlangenden Normalweg genau einen Menschen: meinen Seilpartner. Am Gipfel ging der Blick 600 Höhenmeter hinab zur noch geschlossenen Dreizinnenhütte, davor die abfallenden Schotterfelder und nur sehr wenige Ameisenmenschen. Denn merke: Mag ein Einmal-im-Leben-Platz auch noch so beliebt sein, so gibt es doch meistens eine Zeit, den Massen aus dem Weg zu gehen. Schon Ende September geht die Dreizinnenhütte wieder in den Winterschlaf.

Dominik Prantl

Teil 1

Die schönsten Reiseziele der Welt