Süddeutsche Zeitung

Virus als Wahlkampf-Thema in USA:Ein Zar soll die Ebola-Krise eindämmen

"Alles unter Kontrolle": Obama macht Ron Klain zum "Ebola-Zar". Er wird Amerikas Aktivitäten rund um Ebola koordinieren. Doch Klain ist kein Arzt, sondern ein Washington-Insider - die Furcht vor einer Epidemie wird zum Polit-Problem für den Präsidenten.

Von Matthias Kolb, Washington

In einer Stadt wie Washington, in der rund um die Uhr über Politik geredet wird, entwickelt sich schnell eine eigene Sprache, die sich außerhalb dieser Blase nur schwer erschließt. Seit Woodrow Wilson im Ersten Weltkrieg einen "Industrie-Zar" bestimmte, wird ein Sonderbeauftragter des US-Präsidenten für ein Problem meist als "Zar" bezeichnet - er oder sie soll wie ein absolutistischer Herrscher die Lage wieder unter Kontrolle bekommen.

Dass Barack Obama mit Ron Klain einen "Ebola-Zar" nun berufen hat, soll den besorgten Amerikanern signalisieren, dass die Regierung alles tun wird, um die Bevölkerung zu schützen und sich die zahlreichen Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen.

Die politische Brisanz der aktuellen Debatte wird aber auch dadurch deutlich, dass Obama einen Juristen und Polit-Manager als Ebola-Zar installiert. Im Weißen Haus ist man also überzeugt, dass es weniger an Gesundheitsexperten mangelt als an jemandem, der alle Aktivitäten koordiniert und diese besser kommunizieren kann. In vielen US-Bundesstaaten können die Bürger bereits ihre Stimmen für die Kongresswahl am 4. November (alle Infos hier) abgeben und so will der US-Präsident genau das zeigen, was ihm die Republikaner im Minutentakt absprechen: Führungsstärke.

Bisher bezeichnen nur wenige Kommentatoren die Ebola-Epidemie als "Obamas Katrina". Sie spielen damit auf die viel zu späte Reaktion von George W. Bush auf das durch den Hurrikan verwüstete New Orleans 2005 an, die viele Amerikaner dem Republikaner bis heute nicht verziehen haben. Passender ist ein Vergleich zur Ölkatastrophe nach dem Untergang der Bohrinsel Deepwater Horizon im Mai 2010 - bei der Krisenbewältigung machte Obama keine gute Figur.

Ron Klain arbeitete für zwei Vizepräsidenten

An Klains Qualifikation für die heikle Aufgabe bestehen wenig Zweifel. Der 53-Jährige arbeitete als Stabschef für die demokratischen Vizepräsidenten Al Gore und Joe Biden. Als nach der Präsidentschaftswahl 2000 die Stimmen in Florida mehrmals ausgezählt werden mussten, war Klain einer der wichtigsten Juristen (in der Verfilmung "Recount" wurde er von Kevin Spacey gespielt). Biden, den Klain 2011 für eine hochdotierte Stelle in der Privatwirtschaft verließ, begrüßte die Personal-Entscheidung via Twitter.

Es wird Klain helfen, dass er in Washington bestens vernetzt ist: Er kennt viele Politiker, die mitunter hysterischen Medien und auch die Komplexität des amerikanischen Behördenapparats. "Er wird sehr genau kontrollieren, welche Botschaft wir kommunizieren", verriet ein Regierungsbeamter der New York Times. Dies sei wichtig, um Probleme für die Weltwirtschaft und das Gesundheitssystem zu vermeiden - und auch den politischen Schaden zu begrenzen.

Anders als Thomas Frieden, der Chef der Gesundheitsbehörde CDC, wird Klain mehr Autorität haben und Konflikten nicht aus dem Weg gehen. "Für diesem Job braucht es einen guten Vermittler, der aber auch bereit ist, Leute zu tadeln und zurechtzuweisen", sagt CNN-Experte David Gergen. Klain besitze dafür die nötige Härte - oder auch Rücksichtslosigkeit.

Dass er direkt vom Präsidenten ernannt worden ist, verleiht seinen Worten Autorität. Und als ehemaliger Büroleiter ist er es gewohnt, auf komplexe und sich ständig verändernde Situationen zu reagieren. Für Biden kümmerte sich der Harvard-Absolvent und Vater dreier Kinder unter anderem um das 800 Milliarden Dollar umfassende Konjunkturprogramm nach der Finanzkrise.

Texanische Labor-Mitarbeiterin in Selbstquarantäne auf Kreuzfahrtschiff

Die Berufung von Ron Klain wird Druck von CDC-Chef Thomas Frieden nehmen, dessen Rücktritt bereits einige Republikaner fordern. Alle Informationen rund um die Epidemie werden beim neuen Ebola-Zar zusammenlaufen. Seine direkten Vorgesetzten sind Obamas Sicherheitsberaterin Susan Rice und Lisa Monaco, die zuständige Beraterin für Heimatschutz.

Unterdessen gibt es keine Anzeichen, dass in den USA die Furcht vor einer Ausbreitung des Virus nachlassen würde. Während nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation bisher mehr als 4500 Menschen an Ebola gestorben sind, hat es in den USA bislang nur drei Fälle von Infizierungen gegeben - alle in Dallas. Am Freitag erregte die Mitteilung des US-Außenministeriums, an Bord eines Kreuzfahrtschiffes befinde sich eine Person, die dem Virus ausgesetzt gewesen sein könnte, Unruhe.

Die Frau habe mit Proben von Körperflüssigkeiten eines Patienten in Texas zu tun gehabt, aber nicht mit ihm selbst, erklärte das Ministerium. Die Person sei zwar ohne Symptome, habe sich aber auf dem Schiff zusammen mit einer Begleitperson in ihrer Kabine freiwillig isoliert. Die Kreuzfahrt-Reederei Carnival erklärte, sie sei vom US-Außenministerium darüber informiert worden. Die Labor-Mitarbeiterin aus Texas befinde sich auf der Carnival Magic, die Platz für 3690 Passagiere und 1367 Crew-Mitglieder bietet. Von ihr ginge aber nur ein "sehr geringes Risiko" aus.

Neben der Klinikmitarbeiterin auf dem Kreuzfahrtschiff wurde zudem bekannt, dass eine der beiden mit Ebola infizierten Krankenschwestern schon länger als bislang bekannt Symptome einer Ansteckung zeigte. Dennoch war sie noch von Texas nach Ohio und wieder zurück geflogen. Zahlreiche Kontaktpersonen werden den Behörden zufolge engmaschig überwacht. Eine Person in Ohio sei in Quarantäne; zudem blieben einige Schulen in Texas und Ohio geschlossen.

Das Weiße Haus spricht offiziell nicht von "Ebola-Zar"

Die beiden Krankenschwestern hatten sich bei der Betreuung eines Ebola-Patienten angesteckt. Es war der erste in den USA diagnostizierte Fall. Die Klinik räumte unterdessen Fehler bei der Diagnose und der Information der Öffentlichkeit ein. Vor der Einweisung von Thomas Eric Duncan, der an der Krankheit starb, habe es kein spezielles Ebola-Training für die Mitarbeiter gegeben, sagte Chefarzt Daniel Varga. Der Patient sei aber nach den Richtlinien der Seuchenbekämpfungsbehörde CDC behandelt worden.

Von nun an ist es die Aufgabe von Ron Klain, dafür zu sorgen, dass sich so etwas künftig nicht mehr wiederholt. Den Titel "Ebola-Zar" will das Weiße Haus zumindest offiziell nicht übernehmen. Sprecher Josh Earnest sagte in seiner täglichen Pressekonferenz, intern werde Ron Klain "Koordinator für die Reaktionen auf Ebola" genannt: "Aber natürlich können Sie ihn so bezeichnen, wie Sie wollen." Zu diesem Zeitpunkt war bereits überall vom Zaren zu lesen. Den Washington-Kenner Klain wird dies weder verwundert noch beschäftigt haben: Auf ihn wartet eine größere Aufgabe.

Linktipps:

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2180026
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/mit Material von Reuters/mest
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.