Deepwater Horizon: Ein Jahr danach Die verdrängte Katastrophe

Die Explosion der Bohrinsel Deepwater Horizon am 20. April 2010 war das "schlimmste Umweltdesaster" aller Zeiten in den USA. Auf den ersten Blick scheint es fast glimpflich verlaufen zu sein. Doch der Eindruck täuscht.

Von Reymer Klüver, Washington

Auf den ersten Blick scheint alles fast glimpflich verlaufen zu sein. Gewiss, die Ölpest im Golf von Mexiko nach der Explosion auf der schwimmenden Bohrinsel Deepwater Horizon am 20. April 2010 war ohne Zweifel das "schlimmste Umweltdesaster" aller Zeiten in den USA, wie der amerikanische Präsident Barack Obama konstatierte: Knapp 800 Millionen Liter Öl schossen ins Meer, ehe das vom britischen Ölkonzern BP betriebene Bohrloch gut drei Monate später gestopft werden konnte.

Nach der Explosion der Deepwater Horizon versuchte BP verzweifelt, den unkontrollierten Austritt des Öls aus dem Bohrloch zu stoppen. Für eine Erklärung der verschiedenen Methoden auf die Grafik klicken.

Der riesige Ölteppich verschwand überraschend schnell von der Meeresoberfläche, nachdem die Quelle versiegelt war. Und viele der Krabbenfischer, denen über Monate der Fang verboten war, fanden ein Auskommen bei den Aufräumarbeiten. Selbst die Tourismusindustrie in der Region, die einen Jahre währenden Einbruch befürchtete, klagte verhaltener, nachdem viele Hotels an der Küste die gesamte Saison über ausgebucht waren - von Leuten der von BP bezahlten Aufräumkommandos.

Doch der Eindruck täuscht. Die Langzeitwirkungen der Katastrophe sind schlicht nicht abzuschätzen. Nur ein paar Beispiele: Wer mit Fischern zu den Salzwasser-Marschinseln der Barataria Bay im hochempfindlichen Delta des Mississippi hinausfährt, wird auch heute noch braun-schwarzen, klebrig-zähen Ölschlick im Schilf finden. Keiner weiß genau, was mit all dem Öl wirklich passiert ist. Seit Jahresanfang hat zum Beispiel das Institut für Meeressäuger in Gulfport an den Stränden von Alabama und Mississippi zehn Mal so viele tote Delphinbabys geborgen wie sonst.

Auch die Gefahren für die menschliche Gesundheit sind nicht wirklich abzuschätzen. Die Louisiana Bucket Brigade, eine örtliche Umweltgruppe, nennt die Tests, mit denen die Behörden Krabben und Fische auf Chemikalienrückstände untersucht und zum Fang freigegeben hatten, schlicht "ungenügend".

Die Biochemikerin Wilma Subra, eine der bekannteren Umweltschützerinnen der USA, warnt vor langfristigen Gesundheitsschäden. In Blutproben von Menschen, die im Katastrophengebiet gebadet hätten, ließen sich anormal hohe Konzentrationen von Enthylbenzol nachweisen. "Die Folgen der Katastrophe werden für Generationen zu spüren sein", prophezeit Subra.

Mit dem Regen ins Trinkwasser

Nasa-Forscher bestätigten im März, dass Giftstoffe aus dem Öl oder dem Zersetzungsmittel Corexit, das in bisher ungekanntem Umfang zur Bekämpfung der Ölpest eingesetzt worden war, in die Luft getragen wurden. Mit dem Regen finden sie in der Golfregion den Weg zurück zur Erde - unter Umständen auch ins Trinkwasser.