Süddeutsche Zeitung

US-Präsident:"Dank Donald Trump fühlen wir uns AMAZING"

  • Die Fans von Donald Trump stehen drei Monate nach dem Wahlsieg weiter voll hinter ihm.
  • Sie finden es richtig, dass der Präsident auf die Themen Grenzsicherung und Wirtschaft setzt.
  • Die meisten Trump-Wähler, die der SZ per E-Mail antworteten, finden es "erfrischend", dass der Republikaner weiter twittert: Die Medien würden bewusst Lügen über ihn verbreiten.
  • Dass Millionen Amerikaner gegen Trump auf die Straßen gehen, beeinflusst ihr Denken kaum: Die Demonstranten seien schlecht informiert und von Lobbygruppen bezahlt.

Von Matthias Kolb, Washington

Am Morgen des 9. November rief Hillary Clinton den Republikaner Donald Trump an und gratulierte ihm zum Wahlsieg. Damit war offiziell, was kaum ein Experte für möglich und die Daten-Nerds für unwahrscheinlich gehalten hatten: Trump wird US-Präsident und Nachfolger von Barack Obama. Seitdem befinden sich Millionen - nicht zuletzt in Europa - in einer Art Schockzustand.

Ruhe ist seither nicht eingekehrt: Weder für Trump noch für die Bürger seines Landes oder die Journalisten, mit denen er im Clinch liegt. Auch in Europa und Deutschland wird atemlos berichtet - nicht erst seit Trumps Vereidigung am 20. Januar. Seither hat er etliche Dekrete unterzeichnet, viele Lügen verbreitet, wenige Pausen gemacht und Demonstrationen von Millionen Amerikanern provoziert. Historiker wie Timothy Snyder ziehen Parallelen zu den Dreißiger Jahren und rufen dazu auf, Amerikas Demokratie zu verteidigen.

Doch was denken nun jene, die vor drei Monaten nicht aus allen Wolken fielen, wenn sie in ihrer Gegend nur "MAKE AMERICA GREAT AGAIN"-Schilder sahen? Weil sie die selbst aufgestellt hatten. Im Laufe des langen Wahlkampfs habe ich viele Trump-Wähler getroffen und Anfang Februar einem Dutzend von ihnen fünf Fragen per E-Mail oder Facebook-Chat gestellt. Acht haben geantwortet. Sie wohnen in Indiana, Pennsylvania, Florida und South Carolina - außerhalb der großen Städte. Ihre Perspektive ist wichtig, denn sie hilft zu verstehen, wieso Trump seine Politik so schnell nicht ändern wird.

Erste Zwischenbilanz: "Trump hält seine Versprechen und kämpft für uns"

Zunächst wollte ich wissen, wie die Trump-Wähler den Start des neuen Präsidenten beurteilen. Seine Fans sind sich einig: Er wird umsetzen, was er angekündigt hat und leitet die Regierung wie ein Unternehmen. "Ich bin begeistert davon, dass Präsident Trump anders als seine Vorgänger alles tut, um seine Wahlversprechen einzuhalten", sagt Brenda Wilson. Sie lebt in Vigo County in Indiana, jenem Stimmbezirk, der seit 1956 für den späteren Präsidenten stimmt. "Trump analysiert die Probleme und dann löst er sie", lobt Dennis Wilkey, der ebenfalls in Indiana lebt.

John Hopkin aus Pennsylvania sagte im April: "Er ist einer von uns." Davon ist der 51-Jährige noch immer überzeugt; er findet Trumps Direktheit "erfrischend". Ted Kirkpatrick lebt in Virginia und ihm gefällt, dass Trump in den ersten Wochen für so viel Wirbel sorgt, dass die Demokraten und die Medien "aus dem Gleichgewicht" geraten sind. Dass Trump die Reporter attackiert, sei kein Wunder: "Sie sind unglaublich voreingenommen und veröffentlichen falsche Geschichten."

Auch Charlene Shambach ist hochzufrieden. Der Präsident arbeite unermüdlich und setze mit Grenzsicherung und Wirtschaft die richtigen Prioritäten. Ihre Kritik: "Ich schätze seine Ehrlichkeit, aber er könnte genauer erklären, was er macht." Inhaltlich hat K.C. Lombard aus Charleston wenig auszusetzen, doch Trumps Auftreten bereitet ihm Unbehagen: "Es fehlt ihm an Selbstkontrolle, aber vielleicht bessert sich das." Lombard machte Wahlkampf für Ted Cruz und nannte Trump im Februar 2016 "gefährlich". Doch für Clinton zu stimmen, kam für ihn nicht in Frage. Nun sagt er aber: "Trump hat keinen moralischen Kompass, ihm geht es nur ums Gewinnen."

Die Stimmung? So gut wie nie zuvor

Während das Entsetzen an den Küsten weiter groß ist und Schriftsteller wie Paul Auster die Lage als "Albtraum" und "Krise, wie ich sie in 70 Jahren nie erlebt habe" bezeichnen, ist die Stimmung im American heartland gut. "Dank Donald Trump fühlen wir uns AMAZING", schreibt Brenda Wilson aus Indiana als Antwort auf Frage zwei. Zum ersten Mal seit Jahren spüre sie wieder, dass die Leute in ihrer Nachbarschaft hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. "Ich fühle mich sicherer", berichtet Charlene Shambach - auch wenn es in ihrer Stadt in Florida vielen schwer falle, Trump als "unseren Präsidenten" zu akzeptieren.

John Hopkin aus Pennsylvania freut sich jeden Tag darüber, wie Präsident Trump "uns" verteidigt - und meint damit jene Amerikaner, die sich lange vergessen und ignoriert fühlten. Ähnlich umschreibt Frank Rush die Gefühlslage im Mittleren Westen. Rush lebt seit 53 Jahren in Indiana und moderiert täglich zwischen sechs und acht Uhr die Morgen-Show bei WIBQ. Dort sind mit Rush Limbaugh und Sean Hannity die Könige des konservativen Talkradios zu hören.

"Viele meiner Freunde und Familienmitglieder hatten das Gefühl, dass es acht Jahre in die falsche Richtung ging", sagt Rush. Die US-Gesellschaft sei zweigeteilt: Die Einen wollen big government: also, dass sich der Staat um viele soziale Probleme kümmere - "wie in Europa, zumindest interpretiere ich die Berichte von dort so". Die andere Hälfte, zu der Rush zählt, setzt auf die Verantwortung des Individuums und will, dass sich die Regierung so wenig wie möglich einmischt.

Aus den meisten Antworten geht hervor, dass die Trump-Fans von Gleichgesinnten umgeben sind. Interessant sind zwei Aussagen: Ted Kirkpatrick aus Virginia nennt seine Frau und Schwiegermutter yellow dog Democrats: "Sie würden dort ihr Kreuz machen, auch wenn die Partei einen gelben Hund nominiert". Beide sehen es aber mit Genugtuung, dass Trump die "Establishment-Politiker" vor sich her treibe. "Meine Schwiegermutter ist 84 und hat vor Trump nie einen Republikaner gewählt."

K.C. Lombard sieht bei politisch interessierten Menschen "einerseits völlige Ekstase und anderseits eine kläglich, paranoide Angst". Die große Mehrheit zeige keine Gefühle, weil sie "alles Politische apathisch und mit großer Verachtung" betrachte. Sich selbst nennt Lombard einen "glücklichen Krieger", dem sein Glaube in Gott Kraft und Gelassenheit gebe.

Reaktionen auf das Einreiseverbot: "Wir müssen unser Land schützen"

Kein Trump-Fan hat momentan ein Problem mit den vielen Dekreten, die der Präsident erlässt: Alle Befragten finden, dass dies die schnellste Möglichkeit ist, um Obamas Beschlüsse rückgängig zu machen. "Anders geschieht doch nichts, die Abgeordneten im Kongress tun doch überhaupt nichts", schreibt Charlene Schambach. "Was ist das für ein Land, das sich nicht schützen kann? Unsere Grenzen werden von illegalen Einwanderern überrannt, Unmengen an Drogen kommen ins Land", klagt John Hopkin. Es sei richtig, bei der Einwanderung "den Pause-Knopf" zu drücken und alle Flüchtlinge und Einreisenden "so genau wie möglich zu überprüfen".

Wie im Wahlkampf wird oft auf Europa und besonders auf Deutschland verwiesen: "Schau dir die Fehler an, die Merkel gemacht hat. Ich denke oft an die Deutschen. Wir müssen besser aufpassen, um unsere sichere Lebensweise zu verteidigen", so Hopkin. Ähnlich äußert sich Ted Kirkpatrick: "Wir dürfen nicht nachlässig sein. Die Leute sehen, was in Schweden, Frankreich, Australien, Großbritannien oder Italien passiert und wollen das hier nicht haben."

"Mich und die Leute in der Gegend beschäftigt das Thema nicht sehr", sagt Radio-Moderator Frank Rush aus Indiana. Er betont, dass durch Trumps Dekret keine Angehörigen einer Religion stigmatisiert würden. Natürlich wäre es konsequenter, noch mehr Staaten auf die Liste zu setzen. Er glaubt, dass die Amerikaner den Bedürftigen dieser Welt helfen wollten: "Wir haben da in den letzten Jahrzehnten gute Ergebnisse erzielt und viele aufgenommen." Allerdings gebe es kein "Recht auf Einwanderung" und jeder souveräne Staat könne entscheiden, wer ins Land kommen dürfe.

Weil die E-Mails mit den Fragen an die Trump-Wähler Anfang Februar verschickt wurden, konnte niemand auf das Urteil aus San Francisco reagieren, das die Unrechtmäßigkeit von Trumps Einreiseverbot bestätigte. Begrüßen dürften sie den Richterspruch nicht. Grundlegendere Einwände hatte nur Dennis Wilkey, der sich in Indiana bei den Republikanern engagiert, angebracht: "Die Verfassungsväter haben diese executive orders nie als das politische Mittel vorgesehen, wie heutige Präsidenten sie nutzen." Dies gelte für Trump wie für Obama.

Weniger Tweets? Ein anderer Stil? Ja und nein.

Als ich John und Charlene Schambach im August vor einem Trump-Auftritt traf, hatte der frisch gekürte Republikaner-Kandidat gerade die muslimischen Soldaten-Eltern Khizr und Ghazala Khan attackiert, deren Sohn im Irak getötet wurde. "Er kann bei Attacken einfach nicht ruhig bleiben", seufzte John Schambach damals und klagte, dass es Trump mit der Zuspitzung übertreibe. Sechs Monate später schreiben die Schambachs: "Er sollte aufhören zu twittern, aber zugleich kann er nur so ehrlich seine Meinung sagen."

Den Vorwurf, dass die Journalisten Trumps Aussagen bösartig und mutwillig verdrehen, äußern alle Trump-Fans. Ted Kirkpatrick wünscht sich aber, dass Präsident Trump seinen Ton ändert und mehr auf Fakten achtet: "Er kann Medien attackieren, aber nicht einzelne Personen." Diese "blöden Beleidigungen" würden niemand etwas bringen. Dennis Wilkey sieht Twitter als probates Mittel für Trump, seine Botschaft ungefiltert zu verbreiten. Und er verweist auf Trumps Vorgänger: "Präsident Obama hat sich in Tweets auch zu Prozessen geäußert, um seine Agenda voranzutreiben. Der Todesfall von Trayvon Martin ist ein gutes Beispiel."

John Hopkin quillt fast über vor Lob: "Ich hatte keinen Twitter-Account, bevor Trump seine Kandidatur verkündet hat. Ich liebe es, dass er so kommuniziert." Dass Trump nach der Inauguration ständig über den Andrang auf der National Mall und bei seine Events sprach, stört den 50-Jährigen nicht: "Er zeigt, dass er seine Anhänger schätzt." Auch Brenda Wilson findet es erfrischend, dass sich Trump direkt zu Wort meldet. Sie interpretiert die Tweets zu Besucherzahlen und Einschaltquoten so: "Die Journalisten sollen wissen, dass sie akkurat berichten sollen. Nur wer 'ehrlich' berichtet, darf Fragen bei der Pressekonferenz stellen und erhält Interviews."

K.C. Lombard aus Charleston mag zwar Trumps Stil auf Twitter nicht, "aber es stört mich nicht, wenn er seine Unsicherheiten auf diesem Kanal zeigt." Radio-Moderator Frank Rush gibt schlicht zu: "Ich verstehe Twitter nicht, es scheint mir ein wasteland zu sein, in dem alle sich mit Dreck überhäufen." Es wäre gut, wenn Trump hier gemäßigter auftreten würde, so Rush, und ergänzt: "Ja, es gibt bedeutend wichtigere Themen als die Besucherzahlen seiner Inauguration."

Kaum Verständnis für Proteste: "Trump hat gewonnen, akzeptiert es"

Die letzte Frage war in die Zukunft gerichtet. Ich wollte wissen, was die Trump-Wähler über die Proteste denken und ob der Präsident genug dafür tue, die USA zu versöhnen oder zu "heilen", wie er versprach. Die Antworten dürften jene frustrieren, die hoffen, die Demonstranten könnten das konservative Amerika zur Kompromissbereitschaft bringen.

"Diese Leute würden auch protestieren, wenn Präsident Trump Mutter Teresa für den Supreme Court nominiert hätte", meint Dennis Wilkey. Er glaubt, dass die Demonstrationen von bestimmten Lobbygruppen "orchestriert und finanziert" würden. Alle betonen, dass friedliche Proteste in Ordnung seien: Amerika sei schließlich das Land of Free Speech.

Charlene Shambach wünscht sich, dass die Demokraten und Ex-Präsident Obama Donald Trump unterstützen würden "anstatt die Dinge schlimmer zu machen". Sie nennt als Beispiel den nominierten Supreme-Court-Richter Neil Gorsuch. Die Argumentation ist nicht ganz fair, nachdem die Republikaner Obamas Kandidaten Merrick Garland ein Jahr ignorierten. John Hopkin hält die Demonstranten für unzufriedene Leute, denen es nur um Protest an sich gehe. "In Interviews zeigen die meisten sich schlecht informiert", sagt er. Er hoffe, dass Präsident Trump dem Spektakel keine Beachtung schenkt, sondern "seinen Weg weiter geht und Amerika zu alter Größe zurückführt."

Brenda Wilson gehörte zu jenen Frauen, deren Urteil über Trump sich durch das Pussygate-Video nicht änderte. "Ich habe viel Schlimmeres gehört", sagte sie im Oktober. Wilson und ihr Mann Fred waren zur Inauguration in Washington und sie empfand die Teilnehmerinnen des "Women's March" als "bösartig, vulgär und lächerlich". Jeder könne protestieren, aber der Alltag solle nicht gestört werden. Viele Trump-Fans hätten viel Geld bezahlt für die Reise nach Washington, und es sei unhöflich, ihnen die Freude daran zu verleiden und es ihnen auch noch unmöglich zu machen, die Museen zu besuchen.

Der Radio-Moderator Frank Rush nennt ein häufiges Argument: In acht Jahren unter Obama hätten die Konservativen keine Straßen blockiert, Fenster eingeschlagen, Autos angezündet (wie es in Berkeley passierte) oder Steine auf die Polizei geworfen. "Die Liberalen tun sehr tolerant, aber sie akzeptieren niemanden, der ihre 'aufgeklärte' Sicht nicht teilt", spottet Rush. Trump habe die Wahl gewonnen, das sollten die Demokraten "endlich akzeptieren". In vier Jahren werde wieder abgestimmt, bis dahin müsse Trump sich nicht um Kompromisse bemühen, sondern könne sein Programm umsetzen.

Die Perspektive von Ted Kirkpatrick aus Virginia ruft noch einmal in Erinnerung, wie polarisiert die USA sind und dass es bei der Wahl vor drei Monaten eben nicht nur um Trump ging. "Von allen 17 Kandidaten der Republikaner war Trump Nummer 17. Ich habe lange überlegt, nicht für ihn zu stimmen, aber der Gedanke an eine US-Präsidentin Hillary Clinton machte mir zu viel Angst."

Er sei "entsetzt", dass Trump zum US-Präsidenten gewählt wurde, aber "absolut verzückt", dass Clinton verloren habe, so Kirkpatrick. Er glaubt, dass die Ex-Außenministerin zurückkommen werde, um für andere Demokraten Geld zu sammeln und dann werde sie ernsthaft über eine Kandidatur im Jahr 2020 nachdenken. Das Gleiche gelte für Ex-Vizepräsident Joe Biden, der Trump Kirkpatrick zufolge wohl geschlagen hätte.

In seinem Heimatort Manassas ist Kirkpatrick bei der Grand Old Party aktiv und glaubt, dass seine Republikaner vor den Demokraten auch in Zukunft keine Angst haben müssen: "Das ist die Partei der Großstädte, mit der der Rest des Landes nichts mehr anfangen kann." Er sei vor der Wahl durch Tennessee und das ländliche Pennsylvania gefahren: Der einzige Hinweis auf Demokraten seien die unzähligen "Hillary for Prison"-Schilder gewesen.

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