Süddeutsche Zeitung

Russische Punkband vor Gericht:Zwei Jahre Straflager für "Pussy Riot"

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Ein Moskauer Gericht hat die wegen Rowdytums aus religiösem Hass angeklagten Musikerinnen der Punkband "Pussy Riot" schuldig gesprochen. Während ihres Auftritts in der Christi-Erlöser-Kathedrale sei "moralischer Schaden für die anwesenden Gläubigen entstanden". Sie müssen für zwei Jahre in ein Straflager.

Es ist Gerichtsfernsehen der beklemmenden Art - beklemmend, weil es sich um keine Inszenierung, sondern einen echten Prozess handelt, der live im Internet übertragen wird: Der Moskauer Gerichtssaal ist voll, immer wieder schwenkt die Kamera auf die gefesselten Hände der drei Frauen, die dort in einer Art Glaskasten sitzen und auf das Urteil von Richterin Marina Syrowa warten.

Wenige Minuten später ist klar: Syrowa spricht die wegen religiös motovierten Rowdytums angeklagten drei Musikerinnen der Punkband Pussy Riot schuldig. Fast drei Stunden lang verliest die Richterin das Urteil. Schließlich werden die Frauen zu zwei Jahren Haft im Straflager verurteilt. Die Untersuchungshaft wird ihnen angerechnet.

Die drei Frauen hatten im Februar in der Moskauer Christi-Erlöser-Kathedrale mit einem sogenannten Punk-Gebet gegen den damaligen Regierungschef und jetzigen Präsidenten Wladimir Putin sowie die engen Verflechtungen zwischen Staat und Kirche protestiert.

Ausführlich schildert die Richterin bei der Urteilsverkündung die Aktion. Durch die Protestaktion von Nadeschda Tolokonnikowa, Maria Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch sei "moralischer Schaden für die anwesenden Gläubigen entstanden", sagt die Richterin. Dabei spielt sie insbesondere auf die knappe, bunte Kleidung der Aktivistinnen und deren Tanz mit dem Rücken zum Altar der Christ-Erlöser-Kirche an.

"Insgesamt ist dieser Auftritt einzig als beleidigend für die Gläubigen zu sehen", sagt Syrowa. Die drei Frauen hätten die "öffentliche Ordnung verletzt" und die "Gefühle der Gläubigen beleidigt" sowie "keine Reue gezeigt", sagte die Richterin. Die Zeugen der Aufführung bezeichnet sie durchgehend als "Opfer".

Die Staatsanwaltschaft hatte drei Jahre Haft gefordert. Die positiven Beurteilungen der Frauen durch ihr Umfeld und die Tatsache, dass zwei der Künstlerinnen kleine Kinder hätten, seien jedoch als mildernde Umstände zu werten, begründet die Richterin die kürzere Haft. Zudem seien Aljochina und Samuzewitsch zuvor nie auffällig geworden.

Die Aktivistinnen reagieren ruhig auf das Urteil, sie schütteln den Kopf, und lächeln auf jene distanziert-ironische Weise, wie man sie schon von den zahlreichen Bildern kennt, die Anhänger der Künstlerinnen auf zahlreichen Unterstützer-Seiten und in sozialen Netzwerken verbreiten.

"Wir und ihr gewinnen sowieso"

Schon vor dem Urteil hatten sie deutlich gemacht, dass sie mit einem Schuldspruch rechnen. "Wir werden Putin nicht um Gnade bitten", sagte etwa die 30-jährige Jekaterina Samuzewitsch der oppositionellen Zeitung Nowaja Gaseta. Ihre Bandkollegin Nadeschda Tolokonnikowa ergänzte: "Putin ist die Personifizierung alles Schlechten, Bösen und Unmoralischen, das es in der russischen Gesellschaft gibt."

In einem Brief, der von ihrem Anwalt veröffentlicht wurde, schrieb Tolokonnikowa: "Ganz egal wie das Urteil lautet: Wir und ihr gewinnen sowieso. Wir und ihr gestalten derzeit eine große und wichtige politische Bewegung, und Putins System kann immer schwieriger damit umgehen." Auch ihre Band-Kollegin Aljochina hatte der Anklage in ihrem Schlussplädoyer entgegengehalten: "Ich habe keine Angst vor euch. Ich habe keine Angst vor euren Lügen, vor eurem notdürftig verschleierten Betrug und dem Urteil dieses sogenannten Gerichts. Alles, was ihr mir rauben könnt, ist die äußere Freiheit. Aber meine innere Freiheit könnt ihr mir nicht nehmen."

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat den Schuldspruch scharf kritisiert. "Das Urteil ist nicht nur der Versuch, die drei jungen Frauen zum Schweigen zu bringen", sagte Amnesty-Expertin Friederike Behr am Freitag in Berlin. "Es soll auch eine Warnung an alle anderen sein, die es wagen, Präsident Wladimir Putin und seine Regierung zu kritisieren." Auf Twitter machten zahlreiche Unterstützer der Punkband ihrer Enttäuschung über das Urteil Luft.

Weltweit verurteilten zahlreiche Politiker und Künstler das Verfahren als Versuch, Kritiker von Putin mundtot zu machen. Angela Merkel nannte das urteil "unverhältnismäßig hart". Es stehe nicht im Einklang mit den europäischen Werten von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, zu denen sich Russland unter anderem als Mitglied des Europarates ekannt habe, sagte die Kanzlerin.

In einer beispiellosen Solidaritätswelle hatten sich in zahlreichen Städten Unterstützer von Pussy Riot für eine Freilassung der Frauen stark. In Moskau hatte die Polizei das Gericht mit einem Großaufgebot abgeriegelt. Trotzdem versammelten sich dort zahlreiche Anhänger der Musikerinnen. Die Polizei nahm ungefähr 30 Demonstranten fest, darunter auch die Oppositionsführer Garri Kasparow und Sergej Udalzow.

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