Süddeutsche Zeitung

Not in der Pandemie:Nordkorea hungert

Um das Land vor Corona zu schützen, hat Kim Jong-un die Verbindungen nach außen gekappt. Nun werden die Lebensmittel knapp. Wie ernst ist die Lage?

Von Thomas Hahn, Tokio

Es ist, als sei Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un mit neuem Elan aus dem Urlaub zurück. Im Mai war er kaum zu sehen. Als er Anfang Juni ein Meeting mit Spitzenfunktionären seiner Einheitspartei PdAK leitete, stellten Nordkorea-Experten fest, dass dies sein erster öffentlicher Auftritt seit einem Monat sei. Und nun erscheint er wieder häufiger in den Staatsmedien. Am Dienstag eröffnete Kim Jong-un in Pjöngjang eine Parteiversammlung, auf der es um Nordkoreas große Gegenwartsthemen gehen soll. Unter anderem um die schlechte Versorgungslage im Land, die internationale Hilfsorganisationen sowie Südkoreas Vereinigungsministerium seit Monaten anmahnen und die Kim in seiner Ansprache einräumte.

Laut der staatlichen Nachrichtenagentur KCNA sagte Kim: "Die Lebensmittelsituation der Menschen wird jetzt angespannt, weil der landwirtschaftliche Sektor wegen der Schäden durch Taifune letztes Jahr seinen Plan zur Getreideproduktion nicht einhalten konnte."

Dass Kim Jong-un über Krisen spricht, ist im Grunde nicht ungewöhnlich. Er will ja der Führer sein, der die Probleme erkennt und Lösungen von seinen leitenden Beamten fordert. Aber Nordkoreas aktuelle Lebensmittelkrise muss besonders schlimm sein, sonst würde er nicht derart deutlich internationale Warnungen bestätigen. Schon im April hatte Kim Jong-un die 25 Millionen Menschen im Land auf einen "mühsamen Marsch" eingeschworen. Die Redewendung kennen alle in Nordkorea. Sie bezieht sich auf die Hungersnot in den Neunzigerjahren, bei der damals insgesamt bis zu drei Millionen Menschen gestorben sein sollen. Und jetzt ist die Lebensmittelknappheit also offiziell ein Thema der Partei.

Die Frage nach den Gründen für die Not beantwortet Kim Jong-un naturgemäß etwas anders als die internationalen Beobachter. Diese verweisen nicht nur auf Unwetter und internationale Sanktionen. Sie sehen die Probleme auch als Folge der strengen nordkoreanischen Anti-Coronavirus-Politik, die verhindern soll, dass eine Infektionswelle auf das schlecht ausgestattete Gesundheitswesen der Parteidiktatur trifft. Das Regime hat die Nation wegen der Pandemie weitestgehend abgeschottet. Fast niemand kommt ins Land. Es gibt wohl auch strenge Reisebeschränkungen innerhalb Nordkoreas.

Hilfsorganisationen haben das Land verlassen

Die internationalen Hilfsorganisationen mit Sitz in Pjöngjang haben das Land verlassen. Sie können sich nicht an der Versorgung der Menschen beteiligen. Auch Südkorea kann nicht helfen. Dabei stellte die unabhängige Genfer Analyse-Organisation ACAPS erst kürzlich fest, dass in Nordkorea wegen "chronischer Lebensmittelunsicherheit und begrenztem Zugang zu grundlegenden Dingen wie Gesundheitsversorgung und sauberem Wasser mehr als zehn Millionen Menschen humanitäre Hilfe" bräuchten.

Immerhin, Nordkorea-Beobachter glauben nicht, dass die Hungersnot so groß wird wie die in den Neunzigerjahren. Auch das Vereinigungsministerium in Seoul hält die Wiederholung des sogenannten mühsamen Marschs für "weniger wahrscheinlich". Damals war gerade die Sowjetunion zusammengebrochen, Nordkorea verlor deshalb überlebenswichtige Wirtschaftshilfen. Und ein bisschen helfen lässt sich das Regime doch: Von der chinesischen Regierung nämlich, die ein strategisches Interesse daran hat, dass ihr kleines Nachbarland durch diese Krise kommt.

Wie groß das Problembewusstsein von Kim Jong-un wirklich ist, kann keiner wirklich abschätzen. Es gibt unbestätigte Gerüchte aus Nordkorea, wonach Menschen während der strengen Ausgangssperren verhungert seien, weil sie nichts mehr zu Essen im Haus hatten. Und wirklich selbstkritisch wirkte Kim Jong-un in den Staatsmedien nicht. Er sprach sogar von Erfolgen: Die nationale Industrie habe um 25 Prozent mehr produziert als zur gleichen Zeit im vergangenen Jahr.

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