Süddeutsche Zeitung

Massaker an Armeniern im Ersten Weltkrieg:Erdoğans Mitgefühl mit Einschränkungen

Premier Recep Tayyip Erdoğan thematisiert die in der Türkei bislang tabuisierten Massenmorde an Armeniern im Osmanischen Reich und zeigt Mitgefühl. Dafür heimst Erdoğan Lob aus Washington ein - auch wenn andere Aussagen aus seiner Erklärung für Kritik sorgen.

Von Oliver Das Gupta

Es ist eine Überraschung in wenigen Worten, für die Recep Tayyip Erdoğan sorgt. Vor 99 Jahren haben die Massenmorde an den Armeniern im Osmanischen Reich begonnen. Es waren grauenhafte Verbrechen in einem morschen Imperium, aus dessen Trümmern die moderne Türkei entstanden ist, die Erdoğan heute regiert.

Der Premierminister erklärte diesen Mittwoch zu den Massakern: "Es ist eine menschliche Pflicht, den Willen der Armenier, ihrer Leiden dieser Zeit zu gedenken, zu verstehen und zu teilen".

In der in mehreren Sprachen - darunter Armenisch - veröffentlichten Erklärung heißt es weiter: "Es lässt sich nicht abstreiten, dass die letzten Jahre des Osmanischen Reiches, gleich welcher Religion oder ethnischer Herkunft sie angehörten, für Türken, Kurden, Araber, Armenier und Millionen weiterer osmanischer Bürger eine schwierige Zeit voller Schmerz waren." Der Erste Weltkrieg sei "unser geteiltes Leid", ließ Erdoğan verlauten, just einen Tag bevor in Armenien der Massaker offiziell gedacht wird.

Lob aus Washington - inklusive diplomatischer Kritik

Washington reagierte prompt: Die USA begrüßten Erdoğans Erklärung, die "Leiden der Armenier" öffentlich anzuerkennen, sagte Jen Psaki, Sprecherin des amerikanischen Außenministeriums. Die Einschränkung des Lobes durch indirekte Kritik folgte im nächsten Satz: Erdoğans Erklärung sei ein "positiver Schritt", der zu einer "vollen Anerkennung der Fakten" und zur Versöhnung führen könne.

Dies bezieht sich wohl auf andere Passagen von Erdoğans Äußerungen. Denn mit seiner Erklärung hat der türkische Premier nicht das abgedeckt, was einige Staaten als Fakt anerkannt haben: dass die Gräuel an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs ein Völkermord waren, bei dem bis zu 1,5 Millionen Frauen, Männer und Kinder den Tod fanden.

Erdoğan schränkt sein Mitgefühl mit den toten Armeniern ein. Er hebt deren Schicksal in seiner Erklärung nicht besonders hervor, sondern setzt es gleich mit anderen Ethnien wie Türken, Kurden und Arabern. Außerdem sei es "unzulässig", die Ereignisse von damals als Entschuldigung für eine Feindschaft gegenüber der Türkei zu benutzen. An die Taten solle erinnert werden, ohne eine Religion oder Volksgruppe zu diskriminieren, erklärte der Premier.

Überraschende Volte zugunsten Erdoğans Image

Trotzdem stellen Erdoğans Äußerungen eine Zeitenwende dar. Jahrzehntelang war die partielle Ausrottung der armenischstämmigen Bevölkerung während des Ersten Weltkrieges ein Tabu in der Türkei. Wer es wagte, die Causa zu hinterfragen oder die Tötungen gar einen "Völkermord" zu nennen, musste um seine Freiheit fürchten. So bekam es der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk wegen "Beleidigung des Türkentums" mit der Justiz zu tun (hier mehr dazu). Nationalisten wollten den Schriftsteller sogar ermorden, so wie sie es mit dem Istanbuler Journalisten Hrant Dink getan haben (hier mehr dazu).

Als Dink durch die Kugeln eines Attentäters starb, amtierte Erdoğan schon seit Jahren in Ankara - wobei er heute als umstrittener denn je gilt. Die AK-Partei des Premiers hat zwar bei den Kommunalwahlen ihre Macht gefestigt (hier mehr dazu), doch das Image Erdoğans und seines Lagers haben durch Korruptionsskandale (hier mehr dazu), Twitter-Sperre und den brachialen Kampf gegen die Justiz (hier mehr dazu) empfindlich gelitten.

Mit seiner Volte in der Armenien-Causa verschafft sich Erdoğan Luft: An seinen Ruf als konservativer Modernisierer aus seinen ersten Regierungsjahren knüpft er damit an. Indem er die Massaker selbst thematisiert, vermeidet er, als Getriebener dazustehen, ist es doch absehbar, dass die historische Debatte im In- und Ausland 2015 anschwellen wird, wenn sich der Beginn der Massaker zum 100. Mal jährt.

Seinen Kritiker schlägt er damit ein wohlüberlegtes Schnippchen: Die kemalistischen Eliten stehen als Ewiggestrige da, ähnlich wie die von Erdoğan verhasste Justiz. Auch den progressiven Intellektuellen und Anhängern der Gezi-Park-Bewegung nimmt er damit Wind aus den Segeln. Erdoğan denkt wohl auch an die türkische Präsidentenwahl im August.

Positive Presse erhält der Premier inzwischen auch: Türkische Medien werteten die Erklärung als überraschend. Der bekannte türkische Kolumnist Etyen Mahcupyan, der armenische Vorfahren hat, würdigte den Schritt Erdoğans als "sehr wichtig". Wenngleich eher symbolisch, handele es sich bei dem Schritt um eine Premiere.

Dass auch ohne Zutun des Premiers in der Türkei das finstere Kapitel aufgearbeitet wird, zeigte sich an diesem Donnerstagmorgen in Istanbul. Dort versammelten sich Menschenrechtsaktivisten am Bahnhof Haydarpasa, wo im Jahr 1915 die Deportation der Armenier begonnen hat.

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