Süddeutsche Zeitung

Grüne Pläne:"Klimaschutzverträge" mit der Industrie

Ausgleichszahlungen für klimaneutrale Produktion sollen den Umbau der Industrie vorantreiben, fordern die Grünen. Die Sache hat einigen Charme - doch sie könnte ziemlich teuer werden.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Das Verhältnis zwischen Grünen und Industrie war in der Vergangenheit nicht unbedingt das, was man als gute Basis für Verträge bezeichnen würde. In weiten Teilen der Industrie wähnten die Grünen Bremser für den Klimaschutz. Weite Teile der Industrie wieder sahen in mancher klimapolitischen Idee der Partei das sichere Ende des Standorts Deutschland. Und diesen Graben, so stellt sich das Grünen-Chefin Annalena Baerbock vor, sollen nun Verträge überbrücken: zwischen dem Staat und der Industrie.

Sie sollen Unternehmen den Mehraufwand nehmen, der mit einer neuen Technologie auf sie zukommt. Das Konzept solcher "Contracts for difference" gibt es schon länger - überall dort, wo es eine neue Technologie schwer hat, es mit einer bestehenden aufzunehmen. Wie soll auch ein Stahlwerk, das eine neue Hochofenroute aufbaut und statt Koks teuren Wasserstoff einsetzt, mit Anlagen konkurrieren, die weiter auf günstige Kohle setzen?

Bei einem Klimaschutzvertrag, wie die Grünen es nennen, liefe das so: Ein Stahlwerk geht davon aus, dass es klimaneutralen Stahl pro Tonne um 100 Euro teurer anbieten muss, als es die Konkurrenz mit Koks schafft. Gleichzeitig aber spart es sich Ausgaben - schließlich ist dieser Stahl CO₂-frei. In der Theorie müssen nämlich Stahlwerke für jede Tonne Kohlendioxid ein Emissionsrecht kaufen. Diese Zertifikate kosten in der EU derzeit um die 50 Euro die Tonne. Bei der Erzeugung von einer Tonne Rohstahl fallen rund 1,7 Tonnen CO₂ an, macht also 85 Euro. Die klimafreundliche Anlage dagegen würde sich das sparen - und erhielte die Differenz vom Staat erstattet: So will es der Vertrag, auf Jahre hinaus. Im Beispiel wären das 15 Euro je Tonne Stahl. Steigen die CO₂-Preise weiter über die vereinbarten 100 Euro hinaus, zahlt das Stahlwerk diesen Klimagewinn an den Staat zurück.

Ökonomen schätzen die Idee, sie nimmt sauberen Technologien den Wettbewerbsnachteil. Hinzu kommt: Gerade energieintensive Industrien erhalten die Zertifikate bisher größtenteils geschenkt, um Nachteile im Wettbewerb zu verhindern. Diese Zertifikate könnten sie künftig verkaufen, wenn sie ihre eigenen Emissionen nicht mehr damit abdecken müssen - das ist für sie lukrativ. Ein Haken allerdings bleibt: Wenn viele Unternehmen sich auf die neuen Verträge einlassen, dann könnte die Sache ganz schön teuer werden.

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