Süddeutsche Zeitung

Wein und Obst:Warmer März bringt kalten Tod

  • Die kalte Nacht vom 19. auf den 20. April hat große Anbauflächen der Wein- und Obstbauern geschädigt.
  • In Baden-Württemberg ist ein Drittel der Obstbau- und ein Viertel der Weinbaufläche betroffen. Die Landwirte rechnen mit immensen Ernteausfällen.
  • Eine der Ursachen ist der Klimawandel - die Pflanzen treiben früher aus, der Frost trifft sie deswegen härter.

Der Winzer Christian Stein hat getan, was er tun konnte in jener Nacht. Aus dem Schuppen holte er Frostschutz-Kerzen, ein Vermächtnis seines Großvaters, und stellte sie in einer seiner Parzellen auf. Es gibt ein schaurig-schönes Foto davon, 35 Flammen lodern ins Dunkel. Frühmorgens kam dann das ultimatives Frostschutzmittel: ein Hubschrauber. Stein und seine Kollegen aus dem Weinbau-Ort Lehrensteinsfeld bei Heilbronn nutzten ein Angebot des baden-württembergischen Landwirtschaftsministeriums: Helikopterflüge, um mit den Rotorblättern die kalte Luft im Weinberg mit der darüberliegenden wärmeren zu vermischen. Doch man merkte schnell, es hatte keinen Sinn. Noch in 40 Metern Höhe maß der Hubschrauber minus 5 Grad. Und so verrichtete der Frost bei minus 6,5 Grad sein Werk, es war die Nacht vom 19. auf den 20. April.

Das Ergebnis besichtigt man mit Christian Stein an diesem Mittwochvormittag. Dicke Wolken hängen über dem Weinsberger Tal, der Winzer steht im Regen vor einer Lemberger-Rebe und zählt die toten Triebe. Fast Totalschaden. Stein baut auf 8,5 Hektar mehrere Rebsorten an, vor allem Riesling. Für eine Schadensbilanz sei es zu früh, sagt er, aber 70 bis 80 Prozent der Ernte seien wohl verloren. Schadenssumme grob geschätzt: 250 000 Euro. Stein spricht aus Erfahrung, vor sechs Jahren hat es ihn ähnlich hart getroffen, und er fürchtet, es wird nicht das letzte Mal sein. Extreme Wetterlagen machten ihm immer häufiger zu schaffen. Frost, Trockenheit, Hagelschlag, Sturzregen.

Ist es der Klimawandel, der Landwirte in ganz Deutschland in der Woche nach Ostern in Form von Frostattacken überfiel? Die Intensität der Kältewelle sei jedenfalls "außergewöhnlich", heißt es im Bundeslandwirtschaftsministerium. Weil sich in den vergangenen Jahren wegen der milderen Witterung Blüte und Austrieb "nachweislich nach vorne verschoben" hätten, seien die Ernteausfälle groß. So gut wie jeder Hobbygärtner klagt derzeit über Frostschäden - bei manchen Landwirten und Winzern gefährden sie die Existenz.

Der Frost hat alle Weingegenden getroffen, selbst Lagen, die bisher als sicher galten

In Baden-Württemberg ist einer ersten Bilanz des Landwirtschaftsministeriums zufolge ein Viertel der gesamten Weinbaufläche von 28 000 Hektar sehr stark geschädigt und sogar ein Drittel des landwirtschaftlichen Obstbaus. Die Landesregierung stufte die Frostattacke am Dienstag als "Naturkatastrophe" ein und legte damit die Basis für Entschädigungen an Landwirte wie Christian Stein. Gezahlt wird ab einem Ertragsausfall im Betrieb von 30 Prozent. Die Hilfen sollen die sieben Millionen Euro deutlich überschreiten, die vor fünf Jahren gezahlt wurden.

Die Existenzängste der Winzer, Obst- und Gemüsebauern seien gravierend, sagten der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann und sein Landwirtschaftsminister Peter Hauk von der CDU. Beide machten den Klimawandel verantwortlich. "Der Frühling beginnt immer früher", sagte Kretschmann, das mache die Pflanzen anfälliger für Frost (siehe Artikel "Gesprengte Blüten"). Seine Aussage ließ er mit einer Statistik zum "phänologischen Frühling" - dem Beginn der Blüte - am Beispiel des Huflattichs untermauern.

Frostschäden im Obst- und Weinbau sind an sich nichts Außergewöhnliches. In diesem Ausmaß gab es das in den vergangenen Jahren jedoch nicht. "Kalte Nächte im April sind normal", sagt Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut (DWI) in Bodenheim, Rheinland-Pfalz. "Aber wir hatten vorher den wärmsten März seit Beginn der Wetteraufzeichnung." Weil die Pflanzen weiter waren als sonst, hat der Frost viel schlimmere Folgen. An einen Zufall glaubt er nicht. "Die Wetterextreme nehmen zu", da ist sich Büscher sicher. "Der Klimawandel ist bei uns angekommen."

Nach Angaben des Instituts hat es die Winzer in allen 13 deutschen Anbaugebieten getroffen, selbst in Lagen, die bislang als frostsicher galten. Auch beim DWI ist man derzeit noch dabei, das genaue Ausmaß der Schäden zu erfassen. "Es wird in diesem Jahr auf jeden Fall weniger Wein geben als erhofft", sagt Büscher.

Mancher Landwirt bangt um das Geschäft des ganzen Jahres

Der Deutsche Bauernverband beklagt dramatische Folgen. "Wir haben Ausfälle bei einzelnen Betrieben in einzelnen Regionen, die in Größenordnungen von 70 bis 80, zum Teil bis 100 Prozent gehen", sagt Bauernpräsident Joachim Rukwied in Berlin. In manchen Bundesländern gebe es "großflächig massive Schäden". Neben Wein stark betroffen sind Steinobst und Kernobst. Aber auch auf Erdbeer- und Spargelfeldern sind die Folgen immens. Die Frostschäden bereiteten den Landwirten "massive Sorgen", sagt der Bauernpräsident. Viele bangen um das Geschäft des ganzen Jahres.

Dass die Ernte bei vielen Obstsorten geringer ausfällt, kann auch für Verbraucher Folgen haben. Wegen der massiven Verluste dürften die Preise für die besonders geschädigten Kirschen in diesem Jahr deutlich steigen. Gleiches gilt für andere Obstorten, deren heimischer Anteil am gesamten Markt groß ist - etwa Äpfel, Birnen oder Erdbeeren. Allerdings hoffen die Landwirte noch darauf, dass sich Pflanzen in den nächsten Wochen vom Frost erholen.

Der Bauernverband fordert von der Politik ein Hilfspaket. "Hier ist staatliches Handeln erforderlich", sagt Präsident Rukwied. Er schlägt neben einer Liquiditätssicherung auch direkte Entschädigungen vor. Da seine Branche am stärksten vom Klimawandel betroffen sei, solle es auch Zuschüsse zur Frostversicherung und Investitionshilfen für die Installation von Berieselungsanlagen geben, welche die Pflanzen vor Frost schützen.

Auch der Winzer Christian Stein hält es für angemessen, wenn die Politik hilft, wiewohl natürlich nicht alle Schäden abgedeckt werden könnten. Das verlange auch niemand. Er ist nicht gegen Frost versichert. Zu teuer, sagt er. Wie das nun weitergeht mit ihm als Winzer, oder "Wengerter", wie sie in Württemberg sagen? Hin und wieder, gibt er zu, überlege er tatsächlich, den Familienbetrieb aufzugeben, zumal seine Anbauflächen wegen der Tallage besonders anfällig sind für Frost. Aber er macht den Job mit Leib und Seele. Irgendwie, sagt er, müsse man als Winzer eben lernen, mit den Wetterkapriolen umzugehen - auch wenn sie immer häufiger auftreten.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3488351
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 04.05.2017
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.