Süddeutsche Zeitung

Internationales Forschungsvorhaben:Bohren in der Geschichte der Alpen

Um Klimageschichte zu erforschen, werden die Alpen von der Schweiz bis Österreich demnächst angebohrt. Am Standort Schäftlarn schicken die Forscher seismische Wellen in den Boden.

Von Veronika Ellecosta, Schäftlarn

Vor etwa 2,6 Millionen Jahren, im Zeitalter des Quartär, begannen Gletscher mit ihren Eismassen die Täler auszuschürfen. Sie taten dies in Phasen der Vergletscherungen; Mindel, Riß und Würm hießen einige dieser Kaltzeiten. Was vom steten Schürfen der Gletscher übrig blieb, sind die heute gut erkennbaren, u-förmigen Trogtäler. Die sedimentären Füllungen in diesen Tälern, Schotter und Tone, liefern der Geologie wichtige Auskünfte über das damalige Klima und den Einfluss der Vergletscherungen auf Gebirgsmorphologie und Ökosystem.

Weil diese sogenannten glazial übertieften Täler in den Alpen bisher wenig erforscht sind, will sich ein internationales Forschungsprojekt mit dem Namen "Dove" dieser Gebirgsstruktur nun annehmen. An bis zu 16 Standorten in den Alpen - darunter auch in Schäftlarn - wollen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unter der Leitung des Leibniz-Instituts für Angewandte Geophysik und der Uni Freiburg Sedimentkerne aus Bohrungen holen und den Boden untersuchen. Die Erkenntnisse daraus könnten langfristig auch Hinweise geben, ob die übertieften Täler eine Grundwasserressource darstellen, wie sich die Sedimente bei Erdbeben verhalten und ob sich Geothermie nutzen lässt.

Kein Bohrer, dafür seismische Vibratoren

Die Gemeinde Schäftlarn wurde als einer der Standorte für die Forschung am nördlichen Alpenrand ausgewählt, weil der Untergrund dort den anderen Böden im Projekt ähnelt. Vom 11. bis zum 20. September und vomn 9. bis zum 20. Oktober will das Projektteam im Gebiet zwischen Kloster und Ebenhausen insgesamt drei Profile messen. Der Isar-Loisach-Gletscher schürfte dort und im Alpenvorland Täler aus, in denen sich Sedimente in der letzten Eiszeit, der Würm, im bis heute andauernden Quartär ablagerten. In Schäftlarn sollen die Gesteine in den obersten 200 Metern untersucht werden. "Uns interessiert vor allem die Frage: Wie hat der Gletscher das Becken ausgeräumt, und was können die Sedimente über die Klimageschichte aussagen?", erklärt Thomas Burschil von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. Die dem Wirtschafts- und Klimaschutzministerium untergeordnete Behörde mit Sitz in Hannover nimmt die Untersuchungen im Gemeindegebiet vor.

Nicht an allen Forschungsstandorten in der Schweiz, in Österreich und Deutschland wird ins Erdreich gebohrt. Auch in Schäftlarn wird der Boden lediglich seismisch vermessen, wie Burschil erklärt. Denn es gibt bereits eine Bohrung: Sie wurde 2017 südlich vom Holzner Graben auf 190 Meter abgeteuft, damit sie nicht zusammenfällt. Die Erkenntnisse aus der einige Jahre alten Forschungsbohrung in Schäftlarn kann man mit den Ergebnissen der seismischen Messungen zusammenlegen. "Sie ergänzen sich", sagt Burschil.

Für die Gemeinde wird es keine spürbaren Folgen geben

Seismische Messungen sind im Gegensatz zu Bohrungen nicht invasiv, stattdessen wird das Erdreich nur anhand von seismischen Wellen erkundet. Das Messverfahren, die sogenannte Reflexionsseismik, haben Burschil und das Forschungsteam bereits in einer Bohrstelle in Baden-Württemberg angewandt: Ähnlich einer Echolotung von Schiffen dringt eine künstlich erzeugte Schallwelle in den Boden vor, um die Schnitte und Trennschichten zwischen den unterschiedlichen Gesteinen im Untergrund zu ermitteln. Um diese Wellen zu erzeugen, senden seismische Vibratoren in Schubkarren oder Kleintransportern Signale in den Boden ab. Entlang einer Messlinie werden die seismischen Wellen anhand von Geophonen registriert und in elektrische Impulse umgewandelt. Über Kabel werden die Impulse in den Messwagen übertragen und aufgezeichnet.

Dann erst beginnt die Datenauswertung, indem die neuen Erkenntnisse mit anderen Ergebnissen aus den Bohrstandorten in Bayern, Baden-Württemberg, Österreich und der Schweiz verglichen werden, um ein ganzheitliches Bild der Klimaentwicklung des Alpenraums zu erhalten.

Für die Bürgerinnen und Bürger wird das Bohrvorhaben in Schäftlarn allerdings keine spürbaren Folgen haben: Die Frequenzen der seismischen Vibratoren sind gering, sodass weder Erschütterungen wahrnehmbar sind, noch Flurschäden bleiben werden, wie die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe versichert. Auch kleinere Sprengungen in etwa zwei Metern Tiefe in den Bohrlöchern sollen keine bleibenden Auswirkungen an der Oberfläche hinterlassen.

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