Süddeutsche Zeitung

Sexuelle Belästigung:Exhibitionismus ist ein Dauerproblem an der Isar

Zwischen Wolfratshausen und Geretsried werden junge Frauen immer wieder sexuell belästigt. Viele Betroffene haben resigniert, doch die Polizei sagt: Nur, wenn jemand Anzeige erstattet, kann etwas unternommen werden.

Von Felicitas Amler, Marie Heßlinger und Konstantin Kaip

Nina Leipnitz (Name geändert) lebt erst seit zwei Jahren hier in der Gegend, aber das Problem ist ihr bereits allzu bekannt: Gerade ist die 36-Jährige wieder von Exhibitionisten an der Isar belästigt worden. Sie hat es auf Facebook gepostet und eine Riesenresonanz damit ausgelöst. Anzeige bei der Polizei hat sie trotzdem nicht erstattet. "Das bringt doch nichts", meint sie.

Franz Schöttl, der Leiter der Polizeiinspektion Geretsried, widerspricht da ganz entschieden: "Wir sind darauf angewiesen, dass wir die Information bekommen", sagt er. Und appelliert an Frauen, die von Exhibitionisten belästigt werden: "Gleich zum Handy greifen und die Polizei anrufen!" Denn die ermittle dann durchaus.

Das Thema ist seit Jahrzehnten mindestens während der Badesaison akut. Vor allem in der Pupplinger Au, aber offenbar auch auf Höhe des Geretsrieder Stadtteils Gartenberg finden Exhibitionisten an der Isar ein ideales Gebiet für ihre krankhafte Neigung. Eine Internetsuche mit den Begriffen "Exhibitionismus" und "Pupplinger Au" bringt 438 000 Treffer.

Nicht immer treten die Täter allerdings so geballt auf, wie es Leipnitz ihrer eigenen Aussage nach gerade erlebt hat. Sie sei etwa zwei Stunden an der Isar gewesen - und in dieser Zeit seien fünf verschiedene Männer auf der anderen Uferseite aufgetaucht, die mit Blick zu ihr onaniert hätten. Sie habe geschrien, sagt die 36-Jährige, und versucht, Steine hinüberzuwerfen. Die Männer hätten sich dann immer wieder versteckt. Auf Facebook habe sie den Vorfall gepostet, weil sie sich "ein Signal" erhoffe. Sie habe sich sogar schon einmal überlegt, in die Sprechstunde des Geretsrieder Bürgermeisters zu gehen. Denn sie habe den Eindruck: "Es wird geduldet, dass Frauen belästigt werden." Die Polizei sollte ihrer Ansicht nach "standardmäßig" an der Isar vorbeischauen.

Das geschehe bereits seit Langem, versichert Christina Loy, die seit März dieses Jahres stellvertretende Dienststellenleiterin der Polizeiinspektion Wolfratshausen ist. "Die Pupplinger Au ist bei uns immer auf dem Schirm", sagt sie. "Wir sind hochsensibilisiert bei dem Thema." In diesem Jahr habe es dort bereits vier Schwerpunktaktionen gegeben, bei denen die Polizei mit Diensthund, zivilen und uniformierten Beamten und der Wolfratshauser Sicherheitswacht das Gelände durchkämmt habe und auch die weit verzweigten Trampelpfade im Gelände abgegangen sei. Streifenwagen führen regelmäßig die bekannten Parkplätze ab.

Tägliche Kontrollgänge zu Fuß könne die Dienststelle mit ihrer Personaldecke aber nicht leisten, so Loy. Sollte jedoch ein Hinweis auf eine sexuelle Belästigung eingehen, werde man sofort reagieren. "Ich kann da nur immer appellieren: Ruft bei uns an", sagt sie. Es gebe auch ein Kontaktformular, mit dem man schriftlich Angaben zum Fall machen könne. Seit diesem Frühjahr sei jedoch keine Anzeige zu exhibitionistischen Handlungen an der Isar mehr eingegangen. "Ich würde mir wünschen, dass sich die betroffene Person bei uns meldet und wir nicht aus den sozialen Netzwerken davon erfahren. Wir sind kein Social-Media-Rechercheteam", so die stellvertretende Inspektionsleiterin.

Der Auffassung, die Polizei könne ohnehin nichts ausrichten, widerspricht Loy vehement. Zwar habe sie keine Statistik parat. Die Wolfratshauser Polizei habe jedoch schon einige Exhibitionisten ermitteln können. Aufgrund der Täterbeschreibung habe man schon Delinquenten am Parkplatz abfangen können, einer sei bei einer weiteren Straftat erwischt und dann aufgrund der Beschreibung identifiziert worden. "Wir haben unsere Möglichkeiten", sagt Loy.

Fest steht aber auch, dass die Isarauen zwischen Wolfratshausen, Ascholding und Geretsried diesbezüglich ein Brennpunkt bleiben werden. Schließlich ist das Naturparadies nicht nur bei Familien, Naturfreunden und harmlosen Nacktbadern beliebt, sondern seit Jahrzehnten auch in ganz Deutschland als Treffpunkt der Swingerszene bekannt. Im Internet landet man mit den entsprechenden Suchbegriffen schnell auf der Sexdating-Seite poppen.de. "FKK und mehr; Paare und überwiegend Männer, aber auch sehr viele Spanner; überwiegend tagsüber und abends bei schönem Wetter. Für Action bitte ins Unterholz und nicht direkt an der Isar", lautet dort die Beschreibung für den Szenetreff in der Pupplinger Au. Es folgt eine Erläuterung der Anfahrt.

Ein Lockruf, der auch viele sexuell Gestörte anzieht - und die Polizei auf Trab hält. Nach vermehrten Beschwerden von Bürgern hat der Wolfratshauser Polizeichef Andreas Czerweny 2019 die Initiative ergriffen und gemeinsam mit Bergwacht, Isarrangern und Sicherheitswacht die Präsenz im Gebiet erhöht, um zu zeigen, dass die Polizei die Isarauen fest im Blick habe. Nach einem halben Jahr hatten die Beamten nicht nur 67 Verstöße gegen das Naturschutzgesetz geahndet und Drogenkonsumenten aufgespürt, sondern auch Exhibitionisten angezeigt. Die Situation habe sich beruhigt, so sein Fazit damals.

Bernhard März, seit mehr als 30 Jahren als Ranger an der Isar unterwegs, hat einen ähnlichen Eindruck: Seitdem Isarranger und Polizei gemeinsamen Patrouillen liefen, so sagt er, habe sich die Situation etwas beruhigt. Aufgabe der Ranger ist es, Ausflügler drauf aufmerksam zu machen, dass sie auf die Umwelt achten müssen und beispielsweise kein Feuer in Naturschutzgebieten entzünden dürfen.

Doch immer wieder begegneten ihnen bei ihren Naturbegehungen in der südlichen Pupplinger Au auch verängstigte Frauen, die von Exhibitionisten belästigt wurden, sagt März. Er habe die Frauen in solchen Fällen zu ihren Autos begleitet. "Es flößt ja Angst ein", sagt er, auch Exhibitionismus sei eine Form von Gewalt. "Es ist einfach respektlos, eine absolute Grenzüberschreitung." Der Ranger selbst ist zwar noch keinem Exhibitionisten begegnet - es sei aber auch ein Leichtes, in den umliegenden Wäldern zu entkommen, sagt er. Und in diesem Jahr sei ihm auch noch keine Frau begegnet, die Hilfe suchte.

Der neueste Fall der 36-Jährigen zeigt, dass die Lage trotzdem noch nicht entspannt ist. "Die Pupplinger Au ist eine Never-Ending-Story", sagt die Wolfratshauser Polizei-Vizechefin Loy. "Sie ist ein Hauptthema für uns, wie der Ausflugsverkehr am Ostufer des Starnberger Sees." Naturschutzverstöße und Exhibitionisten in den Isarauen werden ihrer Überzeugung nach die Polizei weiterhin beschäftigen. "Wir wollen, dass Naturliebhaber, Familien und Kinder, die am Wasser sein wollen, dort hingehen können, ohne belästigt zu werden", sagt Loy - und sie verspricht: "Wir bleiben dran."

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SZ vom 13.08.2021/kafe
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