Süddeutsche Zeitung

Von Geretsried in die Landeshauptstadt:Expressbus lässt auf sich warten

Lesezeit: 3 min

Der Linken-Bundestagsabgeordnete Andreas Wagner wünscht sich eine schnellere Anbindung Geretsrieds an München. Landrat Josef Niedermaier (FW) schlägt Integration in Nahverkehrsplan vor

Von Felicitas Amler

Mit der Bahn von Geretsried nach München - von dieser Verbindung träumen fast alle Einwohner der größten Stadt des Landkreises. Es war ja auch schon einmal möglich, auf der Trasse der früheren Werksbahn der NS-Rüstungsbetriebe. Wer das Geretsried-Quiz aus dem Jahr 2014 sein eigen nennt, kann in der kleinen blauen Box nachsehen. Auf einem der Kärtchen wird an diese Form der Personenbeförderung erinnert. Freilich auch an deren Ende - und das liegt sage und schreibe 68 Jahre zurück. "Wegen des zunehmenden Individual- und Busverkehrs war die Bahnverbindung nicht mehr rentabel", erfährt man. Den hier zitierten "zunehmenden Busverkehr" würde Andreas Wagner, Bundestagsabgeordneter der Linken und Geretsrieder, gern modern ausgebaut sehen. Er fordert bereits seit zwei Jahren einen in den Münchner Verkehrs- und Tarifverbund (MVV) integrierten Expressbus Geretsried - München. Denn auf die S-Bahn, das weiß jeder Geretsrieder auch ohne Quiz-Antworten, wartet die Stadt schon seit Jahrzehnten - vergebens.

"Die S-Bahn-Verlängerung dauert eben noch", sagt Wagner. Nach letzten Auskünften der Bahn soll mit dem Bau 2024 begonnen werden, sodass die erste Bahn 2028 nach Geretsried rollen könnte. Davor steht allerdings noch die Erörterung der Einwendungen, und die ist bis jetzt nicht einmal terminiert. Bei aktuell zunehmendem Zuzug, so Wagner, müsse man sich also auch unabhängig davon über die Organisation des Verkehrs Gedanken machen.

Der Bundestagsabgeordnete, der Obmann für Verkehr der Linken-Fraktion ist, sagt, ein Expressbus nach München würde die Attraktivität des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) deutlich steigern. Umso mehr, als es mit der S-Bahn "immer wieder Schwierigkeiten mit der Verlässlichkeit" gebe. Dieses Problem habe damit zu tun, dass alle Bahnen über die Stammstrecke liefen, und dies lasse sich eben nicht von heute auf morgen beheben. Busse ließen sich leichter organisieren, da vorhandene Straßen genutzt werden könnten. "Sie sind sehr viel einfacher zu realisieren, und man kann sehr viel flexibler auf das Fahrgastaufkommen reagieren."

ÖPNV in der Krise

Allerdings musste Wagner bereit erfahren, dass auch eine neue Buslinie länger dauern kann, als er es gehofft hätte. Vor zwei Jahren hatte er sie erstmals angeregt; auf eine Nachfrage beim Geretsrieder Bürgermeister Michael Müller (CSU) hatte er auch eine wohlwollende Antwort erhalten. Aber bis heute hat niemand einen konkreten Antrag gestellt. Und ausgerechnet jetzt, in der Corona-Krise, wird die Sache nicht einfacher. "Es ist schon eine besondere Schwierigkeit, den ÖPNV überhaupt durch die Krise durchzubringen", sagt Wagner. Die Prognose für das Jahr 2020 sei ein Einnahmenausfall von fünf bis sieben Milliarden Euro. Die Bundesregierung habe ein Hilfspaket in Höhe von 2,5 Milliarden beschlossen, die Fraktion der Linken fünf Milliarden beantragt.

Wagners Hoffnung, die SPD im Geretsrieder Stadtrat werde sich des Expressbusses annehmen, den sie heuer in ihr Kommunalwahlprogramm aufgenommen hatte, wird sich auch nicht so schnell erfüllen. Wolfgang Werner, der als SPD-Bürgermeisterkandidat explizit dafür eingetreten war, antwortet der SZ jetzt: "Aufgrund der Corona-Krise - die ja auch massive Auswirkungen auf den ÖPNV hat - haben wir das Vorhaben (Entwurf eines Antrags) vorerst zurückgestellt." Die Zweite Bürgermeisterin der Stadt, Sonja Frank (FW), sagt, sie kenne Wagners Vorschlag zwar nicht im Detail. Die Verbindung nach München sei jedoch wichtig: "Deshalb kämpfen wir ja um die S-Bahn-Verlängerung. Wenn bis dahin ein Expressbus Abhilfe schaffen kann, befürworte ich das gerne."

Wagners Vision vom Geretsrieder Expressbus sieht so aus: Man steigt in der Nähe des Rathauses ein und wird via Garmischer Autobahn direkt nach Fürstenried gebracht. Diese U-Bahnstation ist ein beliebter Punkt für Pendler, die mit dem Auto bis dorthin fahren und dann auf die Öffentlichen umsteigen können. Genauso könnten dies Geretsrieder Expressbus-Passagiere tun, sagt Wagner. Man wäre über die Autobahn "flott unterwegs", meint er, und hätte direkten Anschluss an die Landeshauptstadt.

Der Linken-Abgeordnete, der seine Wege nach Berlin grundsätzlich mit der Bahn zurücklegt, sieht noch Möglichkeiten, die Attraktivität eines solchen Busses zu steigern. In Zukunft könnten auch Busse den Komfort eines ICE bieten: Wlan-Anschluss für den Laptop und vom Vordersitz ausklappbare Tischchen, um darauf zu arbeiten. Über eine App ließen sich Sitzplätze von zu Hause aus reservieren. Damit würde man Kunden für den ÖPNV gewinnen und an ihn binden, glaubt Wagner.

"Verkehrsoffensive"

Das Bundeskabinett habe jedenfalls vor zwei Jahren in der "Verkehrsoffensive" beschlossen, überregionale Buslinien zu fördern. Und der Landkreis habe ja bereits einen Schnellbus von Bad Tölz über Geretsried und Wolfratshausen nach Starnberg beschlossen. Eventuell wäre auch eine Kombination dieser Linie mit seinem Wunsch-Express nach Fürstenried denkbar, so Wagner.

Der beschlossene Expressbus (X 970) nach Starnberg soll nach den Worten von Landrat Josef Niedermaier (Freie Wähler) "idealerweise zum Fahrplanwechsel im Dezember 2021 kommen". Der Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen sei gerade dabei, mit grundlegender Beteiligung aller gesellschaftlichen Gruppen einen neuen Nahverkehrsplan aufzustellen, so Niedermaier. Wagners Vorschlag sollte in diesen Prozess eingebracht und könne dann geprüft und bewertet werden.

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Quelle:
SZ vom 18.08.2020
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