Süddeutsche Zeitung

Politik und Mobilitätswende:Unverbindliche Absichtsbekundung für eine "einmalige Chance"

Das Projekt des MVV, Leihräder künftig auch in der ländlichen Region anzubieten, fällt in Bad Tölz auf Interesse. Doch einige Fragen bleiben offen.

Von Petra Schneider, Bad Tölz

Die Stadt Bad Tölz könnte sich vorstellen, am Bikesharing-Projekt des Münchner Verkehrs- und Tarifverbunds (kurz: MVV) teilzunehmen. Bislang gibt es Leihräder nur in Städten, nun soll das Konzept auch auf ländliche Regionen ausgeweitet werden. Im Stadtrat wurde das Projekt am Montag positiv beurteilt und vor allem im Hinblick auf die Verkehrswende als "interessantes System" und "einmalige Chance" bezeichnet. Weil aber noch viele Fragen offen sind, wurde vereinbart, zunächst nur eine "unverbindliche Absichtsbekundung" abzugeben und sich die Option zur Teilnahme als "Erweiterungsgebiet" offenzuhalten. Wenn die Ausschreibungsergebnisse vorliegen, soll der Stadtrat erneut beraten. Dies werde voraussichtlich Mitte 2024 sein, erklärte Geschäftsleiter Heiko Wiesenhütter.

Im Zuge der turnusmäßigen Neu-Ausschreibung des Leihradsystems der Stadt München soll das Konzept räumlich ausgeweitet und Gemeinden im gesamten MVV-Bereich eine Teilnahme ermöglicht werden, erklärte Wiesenhütter. Weil auch der Süden des Landkreises Bad Tölz-Wolfratshausen von Dezember an in das MVV-Gebiet integriert wird, komme auch Bad Tölz für eine Teilnahme infrage. Das Konzept sieht vor, dass Fahrräder, sowohl mechanische als auch E-Bikes, an festgelegten Stationen ausgeliehen und zurückgegeben werden können. Um einen nennenswerten Mobilitätseffekt zu erzielen, liege der Bedarf in Bad Tölz bei sechs bis acht Leihstationen mit je fünf Rädern, jeweils zur Hälfte mit und ohne E-Antrieb, sagte Wiesenhütter. Das Projekt soll im dritten Quartal 2025 starten.

Pro Fahrrad zahlen die Kommunen einen jährlichen Pauschal-Betrag. Darin enthalten sind Leasing-Kosten für die Räder und der Betrieb des Verleihsystems; also die Verteilung auf die Stationen, das Laden der Akkus, Wartung, Versicherung und Reparaturen. Bei einer Vertragslaufzeit von fünf Jahren ergäben sich Gesamtkosten in Höhe von etwa 166 000 Euro für Bad Tölz, plus die Einrichtung der Verleihstationen.

Wichtig für den Erfolg des Projekts sei, dass sich möglichst viele Umlandkommunen beteiligen, damit das System nicht an der Stadtgrenze ende. Interesse hätten bislang Wolfratshausen und Geretsried bekundet, die meisten Gemeinden seien noch unentschieden. Laut einer Studie des MVV ist das Potenzial im Landkreis für Bikesharing allerdings "eher mäßig", sagte Wiesenhütter; die Auslastung sei vermutlich wesentlich geringer als in der Großstadt. Außerdem trügen die Kommunen die Kosten, die Gewinne streiche dagegen der Betreiber ein. Aber es gebe auch Vorteile: Das Preis-Leistungs-Verhältnis des MVV-Systems sei besser, als die Einführung eines eigenen, lokalen Verleihsystems. Die App, mit der die Räder ausgeliehen werden können, sei erprobt, und man profitiere vom MVV-Marketing. "Außerdem ist Bikesharing ein Baustein für den Klimaschutz", sagte Wiesenhütter - sowohl im Bereich Alltagsmobilität als auch beim Tourismus.

Matthias Winter (CSU) wies darauf hin, dass es "Maßnahmen gegen Vandalismus" brauche, etwa in Form von Überwachungskameras an den Verleihstationen. Das System sei sehr gut, "aber es funktioniert nur, wenn die Fahrräder funktionieren."

Kürzlich hatte bereits der Bauausschuss des Wolfratshauser Stadtrats beschlossen, am Bikesharing-Programm des MVV teilzunehmen und zwei Stationen mit insgesamt sechs Rädern - drei mit und drei ohne Elektro-Antrieb - anzuschaffen. Damit soll das Angebot zunächst getestet werden. Denn ob das Verleihsystem tatsächlich realisiert wird, hängt davon ab, wer alles mitmacht. Abruf und Betrieb des Bikesharings seien nur möglich, wenn "ein zusammenhängendes Bedienungsgebiet" entstehe, heißt es in den Kriterien. Zudem musste der Wolfratshauser Bürgermeister Klaus Heilinglechner (BVW) in der vergangenen Woche erklären, dass die Leihräder die Stadt wohl deutlich teurer kommen könnten als zuvor gedacht: Ein Pedelec koste demnach nicht 1200 Euro wie noch im Bauausschuss geschätzt, sondern, inklusive 20-Prozent-Puffer, insgesamt circa 7200 Euro, ein mechanisches Rad rund 6800 Euro. Die Kosten seien wohl darauf zurückzuführen, dass sie auch die Wartung der Räder und den regelmäßigen Austausch der Akkus abdeckten, erklärte der Bürgermeister.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.6256664
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/cjk
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.