Süddeutsche Zeitung

Künftiges Sechzger-Stadion:"Wenn die Stadt kooperativ ist, geht es schnell"

Giesing, Riem oder das Olympiastadion? Nach dem Besuch von 1860-Investor Ismaik diskutieren die Löwen über ihre künftige Spielstätte. Dabei gibt es im Verein weitaus drängendere Probleme.

Von Heiner Effern und Philipp Schneider

Im Vergleich zu den eher stressigen Stippvisiten der Vergangenheit war Hasan Ismaiks nunmehr zurückliegender Besuch in München eine regelrechte Lustreise. Mit den herrlichen Eindrücken von seiner dreitägigen Aufwartung beim TSV 1860 München, die ja in ihrer Perfektion wie durchchoreographiert wirkte, wird er ein dickes Fotoalbum bebildern können: Ismaik, wie es ihn am Samstag beim Sieg der großen Löwen gegen den FC St. Pauli vor Freude nicht lange auf seiner gemütlichen Sitzschale hält.

Ismaik, wie er am Sonntag während des ersten Schneetreibens dieses Winters im Grünwalder Stadion hockt, um auch den Sieg der kleinen Löwen im Derby gegen den FC Bayern zu verfolgen. Ismaik, der darauf am Abend bei einem Essen in einem libanesischen Restaurant den neuen Löwenpräsidenten Peter Cassalette besser kennenlernt. Und natürlich Ismaik, der am Montagnachmittag für die Dauer einer Halbzeit mit Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter zusammenhockt. Zu einer Art kleinem Stadiongipfel im Rathaus.

Der Jordanier, der im Mai 2011 60 Prozent der Anteile am Fußball-Zweitligisten 1860 erwarb, hatte ja schon bei seinem vorletzten Besuch in München im August angekündigt, sich bald der leidigen Stadionthematik annehmen zu wollen - und im Falle einer Investition für die nötigen Verbindungen zu sorgen: "Wenn die Stadt kooperativ ist, geht es schnell. Wenn klare Fakten da sind, spielt Geld keine Rolle."

Nach klaren Fakten klang die Pressemitteilung nicht

Am Tag nach dem Treffen mit Reiter verschickte 1860 eine Pressemitteilung mit einer Betreffzeile, die den dürren Inhalt gut zusammenfasste: "Hasan Ismaik: Zwei Siege & viele gute Gespräche". Darin wird der jordanische Anteilseigner mit den Worten zitiert: "Unser Ziel ist es, so schnell wie möglich eine Lösung in der Stadionfrage zu finden, die sowohl den Bedürfnissen der Löwen als auch der Münchner Bürger gerecht wird."

Er habe sich deshalb mit Reiter "über die Stadionfrage und bestimmte Standortoptionen ausgetauscht". Nach klaren Fakten klang das nicht. Etwas umfangreicher fiel zum Glück aber die Zusammenfassung des Oberbürgermeisters aus: Reiter verschickte auch keine Pressemitteilung, er unterhielt sich während einer Busfahrt nach Berlin ganz locker mit den Journalisten.

Drei Optionen seien diskutiert worden, sagte Reiter: ein Neubau auf der grünen Wiese in Riem, der Umbau des Grünwalder Stadions und die Rückkehr ins Olympiastadion. Ismaik sei aber nicht mit konkreten Plänen an ihn herangetreten, sondern mit vielen Fragen, die eines deutlich machten: "Er hat ein starkes wirtschaftliches Interesse, endlich voranzukommen." Sprich: Ismaik hat die Arena als das Fass ohne Boden erkannt, das sie ist: viel zu groß, viel zu teuer - und blöderweise zudem noch im Besitz des FC Bayern München.

"Die sympathischste Lösung wäre die Rückkehr ins Grünwalder Stadion, die einfachste ein Neubau in Riem und die unwahrscheinlichste das Olympiastadion", sagte Reiter, der aber weiß: Letzteres würden Sechzigs Fans kaum akzeptieren. Das Giesinger Stadion wiederum setze dem Verein wegen seiner Lage und des begrenzten Fassungsvermögens klare Grenzen. Reiter hält eine Kapazität von mehr als 20 000 Zuschauern für unrealistisch.

Ein Neubau in Riem?

Für die Stadt hätte aber die Wiederbelebung der Tradition in Giesing enormen Charme, sagte Reiter. Und auch die öffentliche Anbindung sei in Ordnung, in anderen Großstädten gebe es schließlich auch nicht die Möglichkeit, an einem zentral gelegenen Stadion zu parken. Bislang bekam Reiter auf die Frage stets keine Antwort, ob 1860 mit einer solchen Zuschauergrenze finanziell überleben könnte. Auch diesmal nicht. "Ich hatte eher den Eindruck, dass er das alte Stadion in Giesing abreißen möchte und ein neues bauen will", sagte Reiter. Das schloss er aber definitiv aus.

Der Münchner OB geht davon aus, dass ein Neubau in Riem für 1860 einen größeren Reiz haben könnte. Auch weil sie dort eher auf eine Kapazität von 30 000 Zuschauern kommen könnten, die Ismaik wohl vorschwebt. "Vom Planungsrecht her bekommen wir das hin", sagte Reiter. Auf der grünen Wiese könnten die Löwen ein Stadion errichten, wie sie es sich wünschten. Allerdings müssten sie dafür auch ein konkretes Finanzierungskonzept vorlegen. Ein solches hatte Ismaik nicht dabei. "Sehr freundlich", sei das Gespräch allerdings gelaufen, sagte Reiter. Nun wolle Ismaik überlegen, in welche Richtung er seine Pläne vorantreiben will. In vier bis sechs Wochen wollen die beiden in einem Telefonat abklären, wie es in der Stadionfrage weitergehen soll. Man darf gespannt sein.

Keine Rede ist von Investitionen in den Kader

Genau wie auf die Antworten auf die Fragen, die in der Pressemeldung nicht thematisiert wurden. Keine Rede ist beispielsweise davon, ob Ismaik im Winter in den Kader investieren möchte. Er habe, sagt Ismaik, mit Trainer Benno Möhlmann und Sportdirektor Oliver Kreuzer "vereinbart, den Weg, auf unsere Talente zu setzen, konsequent weiterzugehen". Das klang eher so, als sei im Abstiegskampf nicht mit sonderlich vielen neuen Spielern zu rechnen.

Offen ist auch, ob sich die Gesellschafter auf die für 1860 so wichtige Umwandlung von Darlehen in Genussscheine einigen konnten. In der Bilanz des Klubs würden die jährlich bei Ismaik aufgenommenen Schulden nicht länger als Schulden geführt werden - sondern als Eigenkapital. Dieser Zahlentrick ist notwendig, damit 1860 nicht gegen die Neuverschuldungsregel der Deutschen Fußball-Liga (DFL) verstößt. Schon 2012 und 2013 hatte Ismaik Darlehen in Genussrechte umgewandelt, zunächst 5,6 Millionen Euro, später dann acht Millionen. Oft aber ließ er sich mit der Umwandlung maximal viel Zeit. Vor zwei Jahren gab es erst vier Tage vor Heiligabend noch einen Termin beim Notar, bei dem die Umwandlung fixiert wurde. In diesem Jahr hatten die Vereinsvertreter auf eine wesentlich frühere Einigung gehofft.

Möglicherweise erklärt Ismaiks gewandelte berufliche Situation seine an diesem Wochenende so zur Schau getragene gute Laune. Und auch seine Stadionpläne. Ende August hat er für einen Kaufpreis von 7,06 Millionen US-Dollar 37 Prozent an der jordanischen Immobilien- und Grundstücksfirma Jordan Masaken for Land & Industrial Development Projects erworben, deren Vorsitzender er seither ist. Für das kommende Jahr hat Ismaik zudem einen weiteren Börsengang zur Kapitalerhöhung seiner neuen Firma angekündigt.

Und um die Anleger neugierig zu machen, würde so ein bisschen Gerede über ein Stadionprojekt in der Weltstadt München sicher nicht schaden.

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SZ vom 25.11.2015/ebri/mmo
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